Höngg

17 Jahre für Mord ohne Motiv

Übereinstimmend qualifizierten die Richter am Obergericht gestern die Erschiessung der 16-jährigen Francesca als Mord. Der Täter Luis W. (23) wurde zu 17 Jahren Zuchthaus verurteilt. Der Verteidiger hatte auf vorsätzliche Tötung plädiert.

Martin Reichlin

Regungslos sass der Angeklagte in seinem dunkeln Anzug an seinem Platz und hörte das Verdikt der drei Richter: Schuldig des Mordes an der Coiffeuse-Lehrtochter Francesca Prete, schuldig der Gefährdung des Lebens ihres Freundes (17), schuldig des Miss-brauchs eines Sturmgewehres, schuldig des Diebstahls einer Armeepistole. Dann folgte das Urteil: Der in Chile geborene Luis W. wird mit 17 Jahren Zuchthaus bestraft und muss Francescas Familie sowie ihrem Freund 259 000 Franken Genugtuung zahlen. Die Gefängnisstrafe allerdings wird, wie von Anklage und Verteidigung gefordert, zu Gunsten einer stationären Behandlung in einer geschlossenen Anstalt aufgeschoben.

Zum Schluss, bevor er aus dem Saal geführt und zurück ins Gefängnis transportiert wurde, richtete der Vorsitzende Rainer Klopfer noch einmal das Wort an den Mörder: «Herr W., sie haben eine schwere Tat begangen und dafür eine schwere Strafe bekommen. Dies ist ein Markstein in ihrem Leben. Machen sie das Beste draus.»

Kein Motiv erkennbar

Seit acht Uhr morgens hatte der «Todesschütze von Höngg» zur Rechten des Gerichts gesessen, die Unterarme auf den Tisch gestützt, die Hände gefaltet, und die Verhandlung mit leerem Blick mitverfolgt. Nur wenn der Richter das Wort an ihn richtete oder sein Verteidiger das Plädoyer hielt, gab W. kurz Antwort oder nickte zustimmend.

Stück für Stück wurden dabei das Leben des Mörders und seine Tat rekonstruiert. Wie er als Baby in der Heimatstadt Rio Bueno von der Mutter verlassen, später von Verwandten ins Heim abgeschoben wurde. Dass er mit drei von Schweizern adoptiert und nach Islisberg AG gebracht wurde, wo er in der Schule erst ein talentierter Zögling war, jedoch bald Probleme bekam und versuchte, sich mit einer giftigen Zimmerpflanze umzubringen. Dass die Eltern den Buben auf Privatschulen schickten, Luis aber als Teenager in die Punk-szene abglitt, Drogen konsumierte und gewalttätig wurde. Und wie er schliesslich, mittlerweile für Sicherheitsfirmen arbeitend und «etwas Macht» geniessend, ins Militär einrückte.

«Totale Macht und Kontrolle» verspürte W., dem der Gerichtsgutachter eine gestörte Persönlichkeit mit stark narzisstischen Zügen attestiert, auch, wenn er Killerspiele spielte. Vielleicht, so die Richter, liegt darin ein Grund für die Tat vom 23. November ‘07, für die der Mörder nie ein Motiv liefern konnte. «Ich weiss heute noch nicht, wieso ich es getan habe», so W. gestern.

Im Stile eines Heckeschützen

«Wie runter gefahren» habe er sich gefühlt, als er aus der RS in seine Wohnung am Hönggerberg zurückkehrte. Wahrscheinlich war W. auch voller Wut darüber, dass man bei der Armee seine angebliche Berufung zu Höherem nicht erkannte.

So entschloss er sich, die Kugel abzufeuern, die er zu Beginn der RS gestohlen hatte - so problemlos, wie er auch eine Pistole mitgehen liess. Noch in Tarnkleidung schob er das Projektil ins Sturmgewehr, stieg durchs Fenster aus dem Haus und legte sich bei der nahen Bushaltestelle auf die Lauer. «Ich wollte auf etwas Bewegliches schiessen», sagte W. Und: «Ich dachte, dies sei der beste Moment dafür. Ich war noch in Uniform, also fiel es nicht auf, dass ich mit einem Gewehr herum lief.»

Ahnungsloses Opfer

Nichts aufgefallen war auch Francesca, die kurz nach 22 Uhr mit ihrem Freund an der Bushaltestelle wartete. Sie trug eine weisse Daunenjacke, sass etwa 80 Meter vom verborgenen W. entfernt, ihren Freund verdeckend. Nur aus diesem «Grund», weil sie sichtbar, treffbar war, wählte dieser sie als Opfer aus. Vier Sekunden zielte W. auf Francesca, dann drückte er ruhig ab. Die Kugel durchschlug das lebensfrohe Mädchen von Schulter zu Schulter, es verblutete innert kürzester Zeit. «Lüüt mim Mami aa», waren Francescas letzte Worte, bevor sie in den Armen des Freundes starb.

Auch ihre Familie starb an diesem Tag. Als gebrochene Leute sassen sie gestern im Saal und verfolgten die Aburteilung von Francescas Mörder. Als sich W. für die Tat entschuldigen wollte, hatten sie nur eine Antwort übrig: «Stai zitto, bastardo!» Halt die Schnauze, Dreckskerl.

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