Jessica Pfister

In den letzten Wochen häufen sich in der Schweiz Ertrinkungsunfälle, die tödlich enden. Am Donnerstag ertrank der kleine Sina in der Reuss und am Samstag kam ein 27-jähriger Jamaikaner beim Schwimmen in der Limmat ums Leben.

Ein Blick auf die Statistik der Schweizer Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) zeigt: Von Anfang Juli bis Anfang August erlitten in der Schweiz 11 Personen den Wassertod - insgesamt sind es dieses Jahr bereits 29 Opfer. Damit ist die Zahl schon heute höher als im ganzen Jahr 2008, als 27 Menschen ertranken und zumindest gleich hoch wie zur selben Zeit vor einem Jahr. Und der Sommermonat August hat gerade erst begonnen.

«Die Zahlen sind abhängig vom Verlauf des Sommers», begründet SLRG-Mediensprecherin Prisca Wolfensberger die Entwicklung. Je länger eine Hitzeperiode andauere, desto mehr Personen würden Abkühlung im Wasser suchen. «Die drei heissen Wochen im Juli haben sich nun auch in der Ertrinkungsstatistik niedergeschlagen.»

Auffallend hoch ist der Anteil der männlichen Opfer, nämlich 85 Prozent. «Männer sind immer stärker betroffen als Frauen, dieses Jahr ist es jedoch besonders deutlich», sagt Wolfensberger. Dies liege daran, dass sie die Gefahren oft nicht richtig einschätzen würden oder sich als Helden aufspielen wollen.

«Besser auf Kinder aufpassen»

Besonders tragisch sind die tödlichen Unfälle von Kindern. Dieses Jahr sind es bis heute deren drei. Neben dem zweijährigen Sina ist im März ein vierjähriger Bub von einem Boot in den Vierwaldstättersee gefallen und im Februar stürzte ein zweijähriger Junge von einer Brücke in Liesberg (BL) in die Birs.

«Diese Fälle sind ärgerlich, weil sie alle auf eine nicht eingehaltene Sorgfaltspflicht der Eltern zurückzuführen sind», sagt die SLGR-Sprecherin. Dabei spiele in der Altersgruppe von null bis neun Jahren die Aufsichtspflicht eine besondere Rolle, weil das sogenannte unbemerkte Untergehen von im Prinzip schwimmkundigen Kindern der häufigste Unfallhergang ist. Von den zwischen 2000 und 2009 beklagten Ertrinkungsopfern waren 48 im Alter von null bis neun Jahren. Gesamthaft ertranken im gleichen Zeitraum 458 Menschen.

«In der Nähe von Gewässern müssen Eltern noch viel besser auf ihre Kinder aufpassen als sonst», fordert Wolfensberger. Am besten sei es, den Nachwuchs immer in Reichweite zu behalten. «Und sobald ein Kind vermisst wird, als erstes am Wasser suchen.» Mit dem 2006 lancierten Kindergartenprojekt «Das Wasser und ich» bringe die SLRG den Kindern zudem bei, den Eltern immer Bescheid zu sagen, bevor sie ins oder ans Wasser gehen und niemals einem verlorenen Spielzeug nachzugehen, beziehungsweise zu schwimmen.

Kinder als Ertrinkungsopfer soll es nicht mehr geben

Auch die Beratungsstelle für Unfallverhütung BfU weiss um die Problematik bei den Kindern, beziehungsweise der Eltern. «Wir führen deshalb ab nächstem Jahr eine gesamtschweizerische Wasser-Sicherheitskampagne durch, die explizit auf die null- bis neunjährigen Kinder und deren Eltern ausgerichtet ist», sagt Sprecher Rolf Moning. Ziel sei eine «Vision Zero», das heisst keine Ertrinkungsopfer mehr unter zehn Jahren.

Es gelte den Eltern klar zu machen, dass sie ihr Kind beim Badibesuch und an freien Gewässern betreuen müssen, und es gelte zu präzisieren, was gute Betreuung in diesem Fall überhaupt heisse, sagt Kampagnenleiterin Claudia Bucher. «Eltern haben oft das Gefühl, sich korrekt zu verhalten, schätzen aber die Risiken falsch ein.»