10 Jahre Lothar
1,5 Millionen Bäume fegte «Lothar» zu Boden

Tod und Verwüstung brachte er, der stärkste Orkan seit 100 Jahren. Drei Menschen starben im Aargau, hektarenweise wurden Wälder flach gewalzt. Anderthalb Millionen Bäume lagen am Boden.

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1,5 Millionen Bäume fegte «Lothar» zu Boden

1,5 Millionen Bäume fegte «Lothar» zu Boden

Hans Lüthi

Niemand wird die stürmischen Stunden des 26. Dezembers je vergessen, erst die Angst, im Wald von einem Ast oder einem Baum getroffen zu werden. Später die Furcht im sicheren Haus, der immer heftiger tobende Westwind könnte jeden Moment die Fenster eindrücken, das Dach wegreissen oder das ganze Gebäude wie mit der Faust eines Riesen zerschlagen.

«Als der Sturm seine Spitzenwerte erreichte, war ich in Zürich. Am frühen Nachmittag wollte ich den Zug nach Aarau nehmen, mit vielen Zugreisenden stand ich einige Stunden am Bahnhof, bis am Abend ein völlig überfüllter Zug Richtung Westen fuhr. In Killwangen mussten wir auf Busse umsteigen, erst gegen 21 Uhr kam ich in Aarau an», erinnert sich Heinz Kasper, Leiter der Abteilung Wald im Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU), an diesen denkwürdigen Tag.

Auf seiner Zerstörungstour quer durch Frankreich, die Schweiz und Deutschland lässt «Lothar» neben Millionen umgeworfener Bäume eine breite Schneise der Zerstörung zurück: geknickte Strommasten, blockierte Bahnlinien, gesperrte Autobahnen und Strassen, abgedeckte Häuser und Dächer.

Von Bäumen erschlagen

Die stärkste Wucht entfaltete der Orkan hierzulande zwischen 10 und 12.30 Uhr, danach herrschten an diesem viel zu warmen zweiten Weihnachtstag chaotische Zustände. Voll besetzte Züge standen still, die Ersatzbusse suchten sich einen Weg auf rasch frei geräumten Abschnitten, auf den Bahnhöfen wussten Tausende gestrandeter Reisender nicht, wann die Fahrt wohin weitergehen könnte. Gegen Abend zeigte die Bilanz ein katastrophales Bild: 14 Todesopfer im Land, 3 davon im Aargau. Besonders tragisch das Schicksal eines 6-jährigen Buben, der sich in Suhr in Sicherheit bringen will und auf dem Weg nach Hause von einem Baum erschlagen wird. In Buchs wurde ein 73-jähriger Wanderer auf einer Volkswanderung von einem Baum erschlagen, in Möhlin ein 66-jähriger Mann tödlich getroffen, der Sturmschäden flicken wollte. Eine Aargauerin starb zudem in Wangen an der Aare, als ein Baum auf ihr Fahrzeug stürzte.

Bilder der Verwüstung

Wegen der horrenden Windgeschwindigkeiten von rund 200 Kilometern pro Stunde und extremer Böen gingen auf den aufgeweichten Böden viele Bäume samt den Wurzelstöcken zu Boden. Nicht nur Tannen, sondern auch Laubbäume wie Buchen, Eichen, Ahorne, Eschen, die ja zu dieser Jahreszeit keine Blätter tragen und darum viel weniger Angriffsfläche bieten.

«In den ersten Tagen nach dem Sturm verschaffte ich mir per Auto und, wo es ging, zu Fuss einen Überblick. Den Helikopter vermied ich, wegen der wertvollen Kontakte mit den Betroffenen», betont Heinz Kasper, der sich auch telefonisch mit Kreisförstern und Förstern unterhielt, um das volle Ausmass zu erfassen – und bis Anfang 2000 eine Strategie zur Bewältigung ausarbeiten zu können. Seine spätere Bilanz zeigte die Dramatik der Verwüstung: 1,5 Millionen Bäume lagen am Boden, ganz – oder wie Zündhölzer geknickt, mehr als 1,2 Millionen Kubikmeter Holz.

Unterschiede in den Bezirken

Interessant: Die Verwüstungen waren nach Bezirken unterschiedlich gross. In Bremgarten mit 207000 Kubikmetern Sturmholz waren die grössten Waldflächen verwüstet, gefolgt von Zofingen mit 198000, Lenzburg 173000, Baden 131000, Aarau 103000 und Rheinfelden mit rund 100000 Kubikmetern. In den weiteren Bezirken Kulm, Muri, Zurzach, Laufenburg und Brugg betrugen die Ausfälle zwischen 91000 und knapp 49000 Kubikmetern.

Bei den flächenmässig am stärksten betroffenen Gemeinden lag Baden mit 153 Hektaren (21% der Waldfläche) an der Spitze, gefolgt von Bremgarten mit 102 ha (23%), Gränichen 94 ha (10%), Wohlen 79 ha (23%) und Rheinfelden 79 Hektaren (10%). Vom Waldanteil her hat es Sarmenstorf am heftigsten erwischt, hier waren 33 Prozent der Wälder zerstört.

Schäden an vielen Gebäuden

«Lothar» blies auch ausserhalb der Wälder vieles über den Haufen, in Veltheim krachte eine Scheune mit einem Knall zusammen, ganze Dächer von Industriebauten flogen buchstäblich davon. Allein die Gebäudeschäden bezifferten sind im Aargau auf rund 50 Millionen Franken. Der Bahnbetrieb war auf den meisten Strecken lahmgelegt. Zehntausende mussten am 26. Dezember auch auf ein warmes Mittagessen verzichten, gegen Mittag fiel der Strom in 70 der damals noch 232 Gemeinden aus – um 16 Uhr waren immer noch 30 Dörfer ohne die Schlüsselenergie.

Borkenkäfer als Zugabe

Spätestens seit dem Sturm «Vivian» von Ende Februar 1990 war klar, dass Folgeschäden nicht ausbleiben würden. Die zerstörten und geschwächten Tannenwälder waren für die Borkenkäfer – speziell der Sorte Buchdrucker und Kupferstecher – ein wahrhaft gefundenes Fressen. Ihre Population nahm explosionsartig zu, denn ein einziges Borkenkäfer-Weibchen kann bei günstigem Wetter pro Saison bis zu 30000 Nachkommen erreichen.

Die Borkenkäfer vernichteten Zehntausende von Tannen (Fichten), insgesamt kumulierte sich der Ausfall auf zirka 40 Prozent der Sturmholzmenge. Allein die Zwangsnutzungen im Sommer stiegen 2001 auf über 80000 und im Hitzejahr 2003 auf fast 100000 Kubikmeter. Auch im Winter gab es viel Käferholz zu beseitigen.