Alfred Borter

Stadträtin Corine Mauch stellte gestern unumwunden fest: «Zwangsheirat ist in der Stadt Zürich ein Thema.» Allerdings gab es dazu bisher wenig gesicherte Erkenntnisse. Um diese Lücke zu schliessen, hat die Stadtzürcher Fachstelle für Gleichstellung bei den Migrationsexpertinnen Janine Dahinden von der Universität Neuenburg und Yvonne Riaño, Privatdozentin in Bern, eine Studie in Auftrag gegeben. Die Zahl der Mädchen und jungen Frauen, die Hilfe suchen, weil sie befürchten, zwangsweise verheiratet zu werden oder sich von ihrem Ehemann trennen wollen, lässt sich nicht genau eruieren. Das Mädchenhaus und andere Institutionen in Zürich sind aber jährlich mit rund 50Fällen konfrontiert.

Die Autorinnen der Studie kommen zum Schluss, dass es sich bei Zwangsehen weniger um ein Problem bestimmter Ethnien oder gewisser Religionen handelt, sondern in erster Linie um ein Generationenproblem. Die Eltern, die häufig in den achtziger oder neunziger Jahren aus Regionen mit einem patriarchalischen System in die Schweiz eingereist sind, halten oftmals die Werte und Traditionen der alten Heimat hoch, während ihre Kinder sich das Recht herauszunehmen, selber zu bestimmen, mit wem sie eine Freundschaft eingehen und mit wem sie die Ehe schliessen wollen.

Die Studie zeigt, dass die Eltern, welche eine Heirat auch gegen den Willen ihrer Kinder arrangieren, nicht unbedingt selbstsüchtig handeln, sondern der Meinung sind, sie wüssten dank ihrer Erfahrung besser, was für ihre Kinder gut sei. Eine Zwangsheirat kann auch ein Disziplinierungsmittel sein für den Fall, dass die Eltern befürchten, ihre Kinder könnten sich «unmoralisch» verhalten. Dann kann es sein, dass für die Eltern nicht mehr das Wohl ihrer Kinder, sondern das Ansehen der Familie im Mittelpunkt steht. Die Jugendlichen auf der andern Seite stehen oft vor einem riesigen Dilemma: Sie wissen, wenn sie sich nicht unterordnen, laufen sie Gefahr, aus der Familie ausgestossen zu werden. Das gilt besonders auch dann, wenn sie sich zu einer Anzeige wegen Nötigung oder auch wegen Gewalt entscheiden. Von einer Verschärfung der Strafbestimmungen erwarten die Autorinnen der Studie daher keine Verbesserung.

Die Fachleute der Institutionen, an die sich Betroffene wenden können, stellen oft fest, sie seien hilflos, weil sich die Eltern jedem Gespräch verschliessen. Wo aber etwa dank Kulturvermittlern oder Mediatorinnen ein Zugang geschaffen werden kann, ist schon viel geholfen. Um die Problematik zu entschärfen, ist nun nach den Worten von Stadtpräsidentin Mauch vorgesehen, in der Schule spezifische Aufklärungsarbeit zu leisten. Lücken im Unterstützungsangebot werden geschlossen.