Mädchengewalt

«Ich schlage auch mit gebrochener Nase weiter»

Jugendgewalt ist nicht länger Männersache.

Prügelnde Mädchen

Jugendgewalt ist nicht länger Männersache.

Am Dienstag wurde bekannt, dass drei minderjährige Mädchen in Frankreich einen psychisch labilen Mann schwerst gepeinigt hatten. Der Grund: Sie wollten mit seiner Kreditkarte shoppen gehen. Dass Mädchen sich zunehmend mit Fäusten wehren, ist bekannt. zEin Erklärungsversuch.

Rahel Heeg ist Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hpchschule für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Sie stammt aus Aarau, ist verheiratet und hat zwei Töchter. Im Rahmen Ihrer Dissertation hat sie sich mit Mädchen auseinandergesetzt, die Gewalt ausüben. Die Aargauer Zeitung hat sie getroffen.

Karen Schärer

Wehren sich Mädchen mit den Fäusten für ihre Ehre?

Rahel Heeg*: Zum Teil. Mein Eindruck ist aber eher, dass es sich um ritualisierte Abläufe handelt. Es geht überhaupt nicht um den Inhalt einer Beleidigung. «Schlampe» ist der Auftakt zu einem Spiel.

Das Mädchen, das die Beleidigung ausspricht, weiss, was es auslöst?

Heeg: Klar. Das sind allgemein bekannte Spielregeln, bei denen man auch gut die Rollen wechseln kann - das eine mal bin ich die Angegriffene, das andere mal die Beleidigende, weil ich Lust habe, ein bisschen Pfeffer in die Situation zu bringen.


Trifft die These zu, dass Mädchen, die schlagen, zum Beispiel zu Hause Gewalt erfahren?
Heeg: Das trifft für einen Teil der Mädchen zu. Mädchen, die in der Familie Gewalt erfahren haben - das muss nicht unbedingt physische Gewalt sein, sondern kann auch Missachtung oder Abwertung sein - leben in einer Welt der Bedrohung. Sie fühlen sich schnell angegriffen und wehren sich mit allem, was sie haben. Es gibt aber auch die Mädchen, die zu Hause subtile Formen des Drucks erleben, etwa, dass die Eltern ihnen keine Eigenständigkeit zugestehen. Bei diesen Mädchen ist der Zusammenhang zwischen Gewaltausübung und dem Zuhause weniger offensichtlich.

Auf den ersten Blick scheint bei diesen gewalttätigen Mädchen also zu Hause alles normal zu sein?
Heeg: Der ganz normale Wahnsinn (lacht). Ein Zwischenergebnis der bis 2011 laufenden Nationalfondstudie zeigt jedoch einen deutlichen Zusammenhang zwischen Gewalt durch Mädchen und einer negativen Beziehung zu Eltern und Lehrkräften. Im Gegenzug kann eine einzige erwachsene Bezugsperson, die einem Mädchen Vertrauen entgegenbringt und es unterstützt, eine Veränderung auslösen. Dies hat sich in einzelnen Lebensgeschichten gezeigt.

Ist das ein Appell?
Heeg: Nein. Aber die Erkenntnis beinhaltet für mich eine grosse Hoffnung. Nämlich, dass man nicht sagen muss: Hier sind die schwierigen Jugendlichen, da können wir nicht viel tun. Sondern: Ich als einzelner erwachsener Mensch mit Kontakt zu Mädchen und Buben kann einen Unterschied machen, wenn ich ihnen Vertrauen entgegenbringe und eine Beziehung anbiete.

Was bedeutet die Erkenntnis für das Elternhaus?

Heeg: Wenn Eltern sich kritisch auseinandersetzen wollen mit einem auffälligen Verhalten ihres Kindes, sind auf jeden Fall sie auch gefragt. Denn bei allen Mädchen, die ich befragt habe, gab es starke Parallelen zwischen der Art, wie in der Familie miteinander umgegangen wird und der Art, wie die Mädchen diese Muster übersetzen in den Peerkontext bei den Gleichaltrigen.

Was heisst das konkret?
Heeg: Ein Mädchen erlebt zu Hause, dass ein Elternteil immer im Recht ist, Situationen definiert und das Kind sich unterzuordnen hat. Das Mädchen überträgt dieses Grundmuster auf eigene Situationen und setzt es mit Gewalt durch.

Wie ist das Mädchen, das schlägt?
Heeg: Es gibt das Mädchen, das auf vielen Ebenen unterprivilegiert ist: Es bekommt in der Familie keine Unterstützung und Wärme und ist starken Einschränkungen ausgesetzt. Es hat eine schlechte schulische Bildung und fühlt sich als Versagerin. Häufig kommen mit einem Migrationshintergrund noch kulturelle Konflikte zwischen Elternhaus und der Aufnahmegesellschaft hinzu. Bei diesen Mädchen konnte ich beim Zuhören oft relativ gut nachvollziehen, wie sie zu ihrer Haltung und Weltsicht kommen.

Das sind aber nicht die einzigen Mädchen, die schlagen...
Heeg: Es gibt andere Mädchen, bei denen die Gruppe einen starken Einfluss hat. Die Gruppe braucht Themen, die sie zusammenhält - und Gegnerinnen schweissen die Gruppe zusammen. Es geht um Themen wie Anerkennung und Stärke. Überrascht hat mich, dass es wieder andere Mädchen gibt, bei denen es stark um ihre Selbstwahrnehmung geht. Sie sind nicht so sehr auf andere bezogen, sondern suchen das Gefühl der Stärke und des Durchsetzungsvermögens.

Wie wird die Identität der Mädchen durch die Gewalt geprägt?
Heeg: Zum einen ist Gewalt mit vielen Emotionen verbunden: Es geht um Gegnerschaften, man grenzt sich klar ab - und erschafft damit ein Bild von sich selbst. Zum anderen verstossen gewalttätige Mädchen gegen die Normen, die man mit Weiblichkeit verbindet, etwa Friedlichkeit und Unterordnung. Das Thema Identität spitzt sich deshalb für gewaltbereite Mädchen stärker zu als für gewaltbereite Buben.

Zwei Fallbeispiele: Lakisha (16, Türkin) und Melanie (17, Schweizerin)

Bei der ersten Schlägerei holte sich Lakisha die Handtasche zurück, die ihr ein anderes Mädchen gestohlen hatte. In ihrer eigenen Beschreibung ist Lakisha «ausgerastet». Das andere Mädchen musste in der Folge mehrere Tage im Spital verbringen.

Der Spitalaufenthalt der Gegnerin scheint für Lakisha eine Trophäe zu sein, mit der sie sich schmückt. Dies zeigt sich, indem sie anfangs von «mehreren Wochen» spricht, die die Gegnerin im Spital verbracht habe: Lakisha übertreibt die Folgen der Schlägerei. Die Anzeige wegen Körperverletzung beeindruckte Lakisha wenig - viel wichtiger ist ihr, dass das andere Mädchen sich bei ihr für den Diebstahl der Handtasche entschuldigte.

Seit dieser ersten Schlägerei prügelt sich Lakisha häufig. Von Soziologin Rahel Heeg danach gefragt, was es denn braucht, damit sie zu schlagen beginnt, sagt sie wörtlich: «Mit Herumerzählen, wir seien Schlampen und so weiter und so fort (...), einfach so wegen kleiner Sachen haben wir auch immer begonnen, uns zu prügeln.» Wenn sie jemanden konfrontiert und diese Person sich nicht sofort für Aussagen entschuldigt, übt Lakisha Gewalt aus. In ihren Augen ist das völlig legitim: «Wenn die Person gegenüber nichts versteht vom Reden, wenn sie damit anfängt zu prügeln und weiss nicht was, dann kann ich ja mitmachen.» Gewalt macht Lakisha Spass - nicht nur bringt sie die Konkurrentin zum Schweigen, sondern sie kann ihre Wut ablassen und fühlt sich nach der Schlägerei ruhig.

Auch zu Hause ist das Thema Kontrolle dominant: In ihrer Familie herrscht die Überzeugung, dass die Autonomiebestrebungen der 16-Jährigen die emotionale Nähe zu den Eltern und den weiteren Familienmitgliedern gefährden. Die Eltern versuchen deshalb, der Tochter Grenzen zu setzen.

Durch ihre zahlreichen Schlägereien hat sich Lakisha ausserhalb des Elternhauses einen Ruf der Stärke, Unbesiegbarkeit und Erbarmungslosigkeit aufgebaut. Gewalt ist damit für sie eine wichtige Quelle positiver Selbstwahrnehmung.

Melanie: Unkontrollierbare Wut

Melanie ist 17 Jahre alt und wohnt in einem Wohnheim. Die Schweizerin hat seit ihrer Kindheit Gewalt erlebt. Sei es zwischen den Eltern, oder wenn sie selbst von der Mutter, einer Kellnerin, geschlagen wurde. Ihr Vater ist seit der Scheidung praktisch inexistent in Melanies Leben.

Die Mutter pendelte zwischen Vernachlässigung, physischer Gewalt und grossem Ehrgeiz Melanie betreffend- so wurde Melanie häufig zu Hause eingesperrt, damit sie lerne. Bereits bei ihrer Einschulung zeigte Melanie massive Verhaltensauffälligkeiten. In der Folge wurde sie mehrmals herabgestuft, bis in die Sonderschule. Melanie fühlt sich aber verkannt und sagt, sie sei in der Schule unterfordert. Indem sie den Unterricht stört und frech ist zu Lehrpersonen, sucht sie die Konfrontation. Wenn eine Reaktion ausbleibt, fühlt sie sich nicht ernst genommen.

Seit ihrer Kindheit hat Melanie Essstörungen. Mit neun Jahren begann sie zu rauchen. Bald konsumierte sie nicht nur Marihuana, sondern alle möglichen synthetischen Substanzen. Ihrer Wut lässt Melanie freien Lauf: «Wenn ich irgendjemanden gesehen habe auf der Strasse, der mir nicht gepasst hat, bin ich einfach dorthin gegangen und habe sie geschlagen», sagt sie im Interview mit Rahel Heeg. Melanie sucht regelrecht nach Möglichkeiten, eine Schlägerei anzufangen. Durch die Gewalt kann sie inneren Druck ablassen - Gewalt ist für sie eine Form von Bewältigung. Melanie ist ein Pulverfass, das jederzeit hochgehen kann. Wenn sie schlägt, dann mit aller Konsequenz: «Ich schlage zwar nicht mit Kraft, aber ich schlage halt so, dass ich dann meistens auch gewinne», schildert sie. Denn: «Ich werde halt so wütend, dass es mir scheissegal ist, was (mir selbst) passiert, ob ich jetzt irgendwie eine gebrochene Nase oder irgendetwas habe, ich schlage trotzdem weiter.»

Wie Soziologin Heeg analysiert, korrespondiert Melanies negatives Selbstkonzept mit einem Gefühl fehlender Kontrolle über ihr Leben. Umso stärker versucht sie, die Kontrolle im Kleinen zu behalten. (kas)

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