Ein Job mit Grenzerfahrung

Er düst auf seiner Mission buchstäblich durch die Lüfte. Sein Ziel: die Lufthoheit im Schweizer Luftraum zu erhalten. Er ist Cyril «Johnny» Johner, 27-jähriger FA-18-Kampfpilot aus Urdorf.

Das starke Schneetreiben der vergangenen Nacht macht Cyril Johner einen Strich durch die Rechnung. Denn eigentlich will er sich an diesem Morgen mit seinem Kampfjet in die Lüfte schwingen. Doch an einen gefahrlosen Start ist derzeit nicht zu denken. Schnee und Eis liegen auf der Piste. Johner muss sich der Naturgewalt geschlagen geben. Vorerst. Doch das bringt den 27-jährigen Piloten mit Spitznamen «Johnny» nicht aus der Ruhe. Er passt sich der Situation an und trainiert im Flugsimulator, während der Schneeräumungsdienst des Flugplatzes von Payerne an der Arbeit ist.

Beim letzten Treffen mit dieser Zeitung vor über einem Jahr, zählte Cyril Johner noch zum Nachwuchs der Schweizer Luftwaffe, übte in Emmen auf dem Trainingsflugzeug PC-21. Von knapp 1000 jungen Männern und Frauen seines Jahrgangs 1983, die Militärpilot werden wollten, ist Johner einer von sieben, die dazu auserwählt wurden. Im letzten Herbst schloss er seine dreieinhalbjährige Ausbildung ab, wechselte nach Payerne und wird zurzeit auf das Kampfflugzeug FA-18 umgeschult. Rund 50 Flüge hat er im Düsenjet absolviert, davon die Hälfte bereits solo. Entscheidendes hat sich verändert: Aus dem Schüler von damals ist ein Berufsmilitärpilot im Range eines Oberleutnants geworden. Johner ist jetzt einer von rund 70 Jetpiloten der Luftwaffe.

Cyril Johner gehört zur Elite der Schweizer Armee. Er weiss das und es ist nicht Ausdruck eines übersteigerten Selbstbewusstseins. Er hat während seiner Ausbildung gelernt, die Dinge richtig zu beurteilen. Dazu gehört eine ehrliche und realistische Selbsteinschätzung. Deshalb relativiert Johner: «Der Ausdruck Elite beschränkt sich auf einen einzigen Bereich: das Fliegen.»

Die Schweizer Armee ist derzeit zum Spielball der Politik geworden. Die grosse Frage im Bundeshaus lautet: Neue Kampfjets ja oder nein? Eine Debatte, die Cyril Johner genau verfolgt. Kein Wunder, ist er als Pilot für neue Jets. Für ihn stellt sich jedoch die grundsätzliche Frage: Will die Schweizer Bevölkerung eine Versicherung im Bereich Sicherheit? Wer Ja sage zu einer Landesverteidigung im erweiterten Sinn, müsse auch Ja zu einer Luftwaffe auf dem neusten Stand der Technik sagen. Es gehe dabei längst nicht nur um den klassischen Auftrag der Armee. Der tägliche Einsatz im Luftpolizeidienst bei jedem Wetter wie auch Einsätze über eine längere Dauer, wie zum Beispiel während des World Economic Forum in Davos oder während der Euro 2008, zeige es immer wieder: Nur die Armee könne luftpolizeiliche Aufgaben wie die Wahrung der Lufthoheit übernehmen.
Als Jet-Pilot lässt sich leicht die Bodenhaftung verlieren. Die Arbeit im Luftraum über Alpen, Mittelland und Jura bedeutet ein Leben am Limit. «Man ist jeden Tag gefordert, und das ist keine Floskel», sagt Johner. «Johnny» mag es, das «Extrem im Verantwortbaren» zu suchen.

Minuziös trainieren, akribisch planen, Geschicklichkeit im Cockpit beweisen, reaktionsschnell handeln, in Sekundenbruchteilen Entscheidungen fällen, das kann nur, wer psychisch belastbar und körperlich fit ist. Die Kraft, die auf den Piloten einwirkt, wenn er sein Flugzeug durch die Lüfte steuert, entspricht gegen achtmal der Erdanziehung. Ein eineinhalb Kilogramm schwerer Helm wird bei entsprechendem Manöver schon mal über zehn Kilogramm schwer. Am Steuerknüppel eines Jets zu sitzen, sei von der körperlichen Anstrengung her vergleichbar mit jenen Momenten im Sport, wo man sich richtiggehend durchbeissen müsse. Militärpilot sein ist ein Job mit garantierter Grenzerfahrung.
Wer mit Cyril Johner über seine Flüge mit einer FA-18 spricht, bekommt das Gefühl, es sei für ihn das Normalste auf der Welt. Mag sein, dass sich bei ihm eine Art Normalität bei der Arbeit einstellt. Doch er weiss auch, dass das normale Leben ausserhalb der Welt eines Militärflugplatzes liegt.
Er geht gerne in die Normalität zurück. Und obwohl Johner eine Wohnung in Freiburg gemietet hat, taucht er an freien Wochenenden gerne in seine Heimat Urdorf ein. Dort kann er seinen Job hinter sich lassen, über anderes als die Fliegerei sprechen. Sich mit der Familie austauschen und den Freunden, von denen er einige aus der gemeinsamen Zeit an der Kantonsschule Limmattal kennt. Oder aktuelle Popsongs auf dem Klavier spielen. Dies alles ist Cyril Johner wichtig, weil es den Flieger in ihm erdet.
Mit seinen erst 27 Jahren trägt Cyril Johner eine grosse Verantwortung. Eine FA-18 ist kein Spielzeug, auch in Friedenszeiten nicht, in denen nebst den Luftkampfmanövern vor allem auch Luftpolizeieinsätze trainiert und geflogen werden. Eine Unachtsamkeit, ein zu langes Zögern kann fatale Folgen haben, nicht nur für den Piloten «Johnny» in der Luft, auch für die Menschen am Boden. Deshalb die Frage: Stehen Verantwortung und Alter in einem richtigen Verhältnis?

Cyril Johner beantwortet auch diese Frage, ohne gross darüber nachdenken zu müssen. «Ich wurde von meinen Ausbildnern sorgfältig an solche Aufgaben herangeführt und habe so die Grundlagen, diese zu meistern», sagt er. Dabei wird plötzlich deutlich, was der Volksmund mit «Der Mensch wächst an seiner Aufgabe» meint. Cyril Johner wirkt mit 27 erstaunlich reif. Diese Feststellung überrascht ihn nicht: «Man reift als Militärpilot vielleicht etwas schneller, weil eine grosse Verantwortung Teil des Alltags ist», sagt Johner. Und weil er immer wieder wichtige Entscheidungen zu treffen habe, vor denen er sich nicht drücken könne.
Die Arbeit des Militärpiloten findet, auch wenn er durch die Lüfte jagt, quasi im Glashaus statt. «Ich muss alles, was ich mache, rechtfertigen können», sagt Johner. «Ich kann mich bei der Arbeit nicht verstecken.» Auch nicht wenn er während eines Luftkampftrainings in über vier Kilometer Höhe irgendwo zwischen Berner Oberland, Wallis und Innerschweiz unterwegs ist. Jede Bewegung wird aufgezeichnet, jeder Flug hinterher analysiert. Alles wird registriert: technisch wie menschlich. Johner: «Das zwingt zu einer offenen Fehlerkultur und zu Ehrlichkeit - auch sich selbst gegenüber.»
Wenn «Johnny»aus der FA-18 steigt, weiss er bereits, ob sein Flug gut oder schlecht war, die Mission erfüllt ist oder nicht. Manchmal fühle er sich euphorisch, dann, wenn alles geglückt ist. Es ist ja nicht so, dass Cyril Johner keine Fehler machen darf, er darf nur «keine fahrlässigen Fehler» machen, wie er sagt, und möglichst nicht zweimal die gleichen.
Die wichtigste Regel beim Luftkampf - «never lose sight», «verliere nie den Sichtkontakt (zum Gegner)» - hat auch im übertragenen Sinne am Boden seine Richtigkeit: Johner verliert sein Ziel nicht aus den Augen. Das ist der Grund, warum er sich seinen Bubentraum vom Jet-Piloten erfüllen konnte.

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