Hallenstadion Zürich

Umstrittener Hundeflüsterer Cesar Millan ist auch Comedian

Cesar Millan bei seinem Auftritt in der Schweiz mit Schweizer-Nati-Trikot.

Cesar Millan bei seinem Auftritt in der Schweiz mit Schweizer-Nati-Trikot.

Darauf haben über 6000 Fans sehnlichst gewartet: Ihr Hundeflüsterer Cesar Millan hat im Zürcher Hallenstadion seine Live-Show gegeben. Ein paar lustige Gags, ein paar Hunde auf der Bühne. Das wars dann auch schon.

Wie ein Popstar mit musikalischem Getöse kommt er im Kapuzenpullover dynamisch auf die Bühne gesprungen. An der Leine zwei Hunde, die nicht wissen, was der Lärm und der Applaus sollen. Millan gefällt es sichtlich, den Vierbeinern behagt es wohl eher nicht. «Es ist mein Ziel, uns mit unsern Hunden glücklich zu machen», erklärt er zum Programm. Und unter tosendem Applaus zieht er den Kapuzenpullover aus, unter dem das Schweizer Nati-Dress hervorkommt – selbstredend mit der Nummer 1.

Für Unwissende macht Millan einen kurzen evolutionstheoretischen Exkurs zurück zum Wolf und führt über Mexiko, das Heimatland des Emigranten Millan, dann in die Stuben von amerikanischen Hundehaltern.

Es bereitet ihm riesigen Spass, sich über diese Hundehalter lustig zu machen, was er bis zum gellend hohen Bellen eines Hundes wirklich beherrscht.

Das Publikum verdankt es ihm mit viel Applaus. Millan reisst sogleich seine Kompaktkamera hervor, kehrt dem Saal den Rücken, zeigt das Victory-Zeichen und fotografiert sich mit der tosenden Menge im Hintergrund. «Ich werde das Selfie gleich tweeten.» Auf der Leinwand erscheint seine Twitter-Anschrift.

Cesar Millan auf Twitter

Das Selfie von Cesar Millan im Hallenstadion Zürich

Das Selfie von Cesar Millan im Hallenstadion Zürich

Die optischen Gags und die akustischen Effekte kommen genau zum richtigen Zeitpunkt und verfehlen ihre Wirkung nicht. Es funktioniert ähnlich wie die amerikanischen «Lachen-auf-Kommando»-Sitcoms vor Studiopublikum, wie man sie von den Privatsendern kennt.

Auch die Dynamik der Show zeigt, dass da Profis am Werk gewesen sind, obwohl der rote Faden manchmal fehlt. Doch zwischendurch findet Cesar Millan den optimalen Übergang.

Erst hat er selbstzufrieden seine weissen Zähne in der Nahaufnahme der Kamera gebleckt, so schweift er über zu seiner Tellerwäscher-Karriere.

Er erzählt, wie ihm die Liebe zur Natur und den Tieren in die Wiege gelegt wurde und er mit 21 Jahren aus Mexiko auswanderte. Zwei Jahre habe er sich mit Hot-Dogs von Tankstellen-Shops durchgeschlagen.

Bis er in den USA endlich den ersten Hundeflüsterer-Einsatz erhielt. Und diesen schildert er auf amüsante Weise, kostet ihn bis ins Detail aus, was dem Publikum Vergnügen bereitet.

Anspruchslose, hervorragende Comedy, darin versteht er sich wie sein deutscher Kollege und Hundecoach Martin Rütter. Frei nach dem Motto: Es gibt nichts Besseres, als sich über andere lustig zu machen.

Doch dann folgt die erste erzieherische Botschaft. Zur Einleitung erklärt Millan, dass es vier Welten gebe: die intellektuelle, die emotionale, die spirituelle und die Instinkt-Welt.

«Der Hund lebt in der Instinkt-Welt», so meint es jedenfalls Millan. Das dürfte alle jene freuen, die den Hund auf ein trieb- und instinkt-gesteuertes Wesen reduzieren, ohne Emotionen und Verstand.

Cesar Millan fröhlich auf der Tribüne.

Cesar Millan fröhlich auf der Tribüne.

Dass der beste Hundeflüsterer der Welt nicht viel von der Aufklärung in Sachen Wissen über den Hund hält, dringt wiederholt in seiner Rudelführertheorie durch.

Worüber die Wissenschaft heute nur den Kopf schüttelt, ist für ihn Programm, sonst könnte er nicht mehr als «Leader of the pack» durch die Welt touren. Wenn auch sein Bellen ins Mikrofon sehr authentisch tönt, so müsste er dennoch eingestehen, dass er kein Hund ist und somit kein Rudelführer sein kann.

Hundehalter brauchen die richtige Energie, die sich aus Absicht und Gefühl zusammensetze, so seine Theorie. «Aber keine aggressive Energie», überrascht Millan all jene, die ihn von seiner Gewaltbereitschaft her in seinen Videos bestens kennen. Nein. Man müsse klar kommunizieren, lautet seine Devise, die für einmal auch Fachleute unterstreichen würden. Ebenso nachvollziehbar beschreibt er den Hund in seinen verschiedenen Entwicklungsstufen vom Welpen bis zum erwachsenen Tier.

Worauf alle gewartet haben, folgt jetzt: Der erste Hund, ein Bulldoggen-Welpe, wird auf die Bühne geführt. Und dank dem Goodie in der Hand macht sich Millan gleich zu dessen Freund. Anders beim Junghund, mit dem Millan vorführt, wie wichtig es sei, Grenzen zu setzen. Er stellt ihm einen Fressnapf hin, hindert ihn aber mit seinen Zischlauten daran, genüsslich zuzulangen.

Cesar Millan überrascht dann die Hundewelt mit seiner eigenen Anschauung: Zuerst setze der Hund stets die Nase ein, dann die Augen, dann die Ohren. Damit hat er nicht unrecht, wenn man dem Hund ein Futterstück vor die Füsse legt. Im Normalfall jedoch schaut der Hund erst einmal und spitzt die Ohren, bevor er die Nase einsetzt, weil dies am meisten Energie von ihm erfordert.

Was solls. Cesar Millan hat auch seine eigene Prioritätenliste: Beim Hund ist das Wichtigste der Sport, gefolgt von der Disziplin, danach folgt die Liebe.

«Und das in dieser Reihenfolge», betont der Hundeflüsterer. Dass an der Spitze der Prioritätenliste beim Hund eigentlich Vertrauen und Sicherheit stehen, findet in seiner Show leider keine Erwähnung.

Herzige Hundebilder zwischendurch, gut inszenierte Gags gemischt mit lustiger Selbstinszenierung – wenn Millan zum Beispiel auf dem Hosenboden über die Bühne hopst – lassen einen jedoch von seiner Wissensbotschaft abschweifen.

Bei diesem Amüsement vergisst man auch die holprigen Tipps – wie man unter anderem Trennungsangst bewältigt. Erstaunlicherweise unterstellt Millan dem Hund sogar «Langeweile». Damit begibt er sich in Widerspruch seiner selbst, wo er doch stets gegen die Vermenschlichung der Hunde anrennt. In den USA verabreiche man den Hunden sogar Valium, sagt er, in der Schweiz wohl kaum. Das bringt ihm wiederum Sympathien im Saal ein.

Ein Hund mit Problemen schafft es dennoch auf seine Bühne. Es ist einer von jenen Hunden, die Millan vor der Show für seinen Auftritt ausgewählt hat. Der Malinois, offenbar nicht bühnengewohnt, besinnt sich eines besseren und zieht nicht wie angekündigt in die Leine.

Vielmehr springt der offensichtlich paralysierte Hund Hilfe suchend an seiner Halterin hoch. Nach alter Hündeler-Manier – «hier musst du durch» – führt Millan dann mit einem Partnerhund mehrere Male den Kontermarsch an kurzer, straffer Leine durch.

Diese Vorführungen funktionieren tadellos, und hie und da hilft das Goodie nach. «That’s it», sein Kommentar dazu. Harmonie und Balance, dann funktioniere es mit dem Hund auch an der Leine. «Hunde reagieren auf das, was du tust», versucht er zu erklären, und klammert dabei die Umwelt als Einflussfaktor aus.

Zum Schluss appelliert Cesar Millan nochmals an die Menschen im Saal, dass die Liebe zum Hund wichtig sei (auch wenn sie erst nach Sport und Disziplin kommt). Und wenn es Probleme mit gewissen Hunden gebe, dann liege es nicht an der Rasse, sondern am Menschen, der dahinter stehe. Wie recht hat er doch diesmal.

Ein lauter Abschiedsgruss, ein fulminanter Applaus, ein herzhaftes «Goodbye». Viele Leute stehen auf, einige als Standing Ovation, andere, weil sie nach der 100-minütigen, handestrickten Comedy-Show heimgehen können.

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