Es zogen zwei rüst’ge Gesellen / Zum ersten Mal von Haus, / So jubelnd recht in die hellen, / Klingenden, singenden Wellen / Des vollen Frühlings hinaus. Joseph von Eichendorff: Zwei Gesellen

Einer der beiden Gesellen in dieser berühmten Ballade könnte ja auch eine Gesellin sein: eine Dental-Assistentin kurz vor dem Lehrabschluss. Auch sie schickt sich an, in die «volle Welt» hinauszutreten. Vor allem stimmt das mit den «singenden klingenden Wellen» – und zwar buchstäblich. Denn die Gesellin will vor allem eins: Schlager singen. Viele sagen schon jetzt, dass sie das Zeug hat, eine gute Schlagersängerin zu werden.

Aber wohin führt ihr Weg? Trägt Talent durchs Leben, oder gerät man gerade dadurch in Schwierigkeiten? Gehts steil hinauf «bis zu den Sternen», um im Schlager-Jargon zu bleiben, oder fällt die Debütantin irgendwann «aus allen Wolken» und landet hart auf dem Boden?

Michelle-Nathalie mit dem Lied "Ich weine nicht"

Michelle-Nathalie mit dem Lied "Ich weine nicht"

Die romantische Ballade von den zwei Gesellen, die Robert Schumann vertonte, handelt von solcher Jugend, die auszog, um «was Rechts in der Welt zu vollbringen». Wer die Gesellen sah, «dem lachten Sinnen und Herz». Sie wussten nicht, was sie erwartete, nichts dessen, was der Schlager gern «Schicksal» nennt. Der eine wurde kreuzbieder, «wiegte ein Bübchen» und schaute «aus heimlichem Stübchen behaglich ins Feld hinaus». Dem anderen «sangen und logen die tausend Stimmen im Grund», zogen ihn schliesslich ins Verderben, runter in den «farbig klingenden Schlund».

Nur äusserst selten kann man exakt diesen Moment erleben: Wenn jemand aufbricht, um «die Sterne vom Himmel zu holen», wie der Schlager singt. Oder dann eine Richtung wählt, um sich im Nebel allgemeiner Bedeutungslosigkeit zu verlieren. Und weil das so selten ist, erzählen wir die Geschichte hier:

Der erste Auftritt mit CD der Schlagergesellin Michelle Kissling (19), aus der eine Schlagerqueen werden kann.

Junge Debütantin, alte Rennfahrer

In eiskalter Nacht leuchten Sterne klarer. Es war eine eiskalte Februarnacht im Emmental, genauer: in Biglen BE, wo Michelle Kissling ihre CD taufte. Ein Heimspiel. Ihre ganze Entourage war da, die Familie, eingeschlossen «Grosi» Rosa Maurer (80), auch ein paar ehemalige Schulkollegen aus Utzigen: Michelles Wohnort, Dorf glücklicher Kindheit und mehr: Heimat. Da dürfte Michelle noch eine ganze Weile leben, verwurzelt bleibt sie dort sicherlich lebenslang. 

Für die paar Pappnasen von der Presse gabs einen Bändel in den «Backstage-Bereich». Dort lag in einer Sitzkoje, die aussah wie eine Seilbahnkabine aus Holz, ein Karton mit den Konterfeis aller «Biglaner und Biglanerinnen»: Mitarbeiter der Firma Bigla. Ein Foto zeigte Walter Kissling, Vater der Debütantin. Zweifellos seinetwegen fand die Geburtsfeier in der Kulturfabrik statt. Ihr Leiter, Pesche Leu, wünschte auf einem Plakat zwar «nichtendenwollenden Applaus», seine mündliche Begrüssung aber war eine dezente Abgrenzung von der leichten Muse.

Dick trug dagegen Bruno 63 Flückiger auf: Manager Michelles und Besitzer einer Mitsubishi-Garage in Gümligen. Auch er hatte Pro-Domo-Plakate platziert: «Bei Flückiger sind Sie Glücklicher». Ein ehemaliger Mann des Rennsports muss kein Dichter sein. Aber einen Liedtext für Michelle hat er gleichwohl verfasst: «Drive in Paradise», als Hymne gedacht für die Ennstal-Classic-Rallye in Österreich.

Michelle sang; die Autorennfahrer Sir Stirling Moss und Nigel Mansell posierten neben ihr für Fotos. Das Soziotop Motorsport ist Teil der Schubkraft im Schlagermobil Michelle. Genauer: Es ist die Schnittmenge zwischen Sport, KMU-Gewerbe und Unterhaltung beim Sport, also Volksmusik, volkstümlicher Schlager, heimattümelnder Stimmungspop. Das ergibt mehr oder weniger exakt das zusammengezurrte Beziehungsnetz von Bruno Flückiger. Als Mechaniker bei Sauber wurde er WM-Sieger in Le Mans, mit Wagennummer 63 – daher der Zusatz in seinem Namen, seine Erfindung.

Stimme unter Elektronikbombast

Flückigers Schützling war nur am Anfang nervös, Flückiger den Abend lang. Als das Programm eine kurze Ergänzung erfuhr, flogen ihm die vielen Blätter fast davon, ab denen er noch die kleinste Floskel las. Er kündigte Michelles Produzent und Stargast, Chris Andrews (72), folgendermassen an: «Er hat eine ganz brutale Grippe erwischt. Aber er kam nach Biglen. Das ist eben ein Weltstar.»

Zweifelhaft ist das Präsens – «ist»: Andrews hatte Welthits («Yesterday Man», «Pretty Belinda»). Nach Biglen aber kam er als eben der: Yesterday Man. Doch mit wohltuender Ironie: «Wir hatten in Dänemark eine gigantische Tournee», sagte er, «sie dauerte anderthalb Tage.» Fraglos ist er ein alter Fuchs im Geschäft, wittert Potenzial oder Niete, wenn ihm ein Küken vorgestellt wird. Bei Michelle macht er mit, auch mit eigenen Songs.
Endlich durfte die Hauptperson auf die Bühne. Das Programm enthielt alles, was man im Schlager-Potpourri sucht: Stimmungsbooster («Chli iihaake», rief Michelle, «chli schunkle», Ohrenwurm-Träumerei («Komm mit mir in den Flieger, komm flieg mit mir nach Hawaii»), Lebenshunger, Volks-Girlie-Power ... qualitativ sehr unterschiedliche, eher wenig Pfiff oder Eigenheit verratende, melodische wie textliche Standards. Und doch ... Die Stimme stimmt.

Die Stimme führt über die Konfektion hinaus, berührt. Dort, wo man sie unter der Sample-Elektronik-Sauce und den albernen Chörli endlich rein vernimmt. Diese Stimme aber hat ihre eigene Resonanz. Einen Stich ins Moll, selbst wo die Sängerin heiter bleibt. Offenbar hat das niemand von den CD-Köchen bemerkt. Gerade der Punkt, dass Michelle die beste Wirkung irgendwie passiert, spricht für die Natürlichkeit und Nähe des Tons, so wie die Debütantin überhaupt von gewinnender Natürlichkeit ist.

Bald aus dem Kokon schälen

Michelles Naturell wirkte schon in Biglen nicht aufgesetzt. Aber wir wollten sie, fern der Bühne, nochmals sehen, zu Hause in Utzigen. Grosi sass in der Stube; von ihr hat Michelle wahrscheinlich das musikalische Flair; ihr singt seit Kindsbeinen vor. Mutter Kissling hat gekocht; Michelle serviert – eine denkwürdige Geste, wäre sie eines Tages wirklich ein Star.

Michelle erzählt detailreich, aus welchen Zufällen alles begann: das Karaoke, die Lust, mal hier, mal dort zu singen. An den Pferdesporttagen Worb hörte ein Mann, der hinter einem Vorhang sass, nur ihre Stimme und sprang sofort auf: «Wem isch die Tochter?» – Bruno Flückiger. Die Eltern Michelles waren anwesend und hörten sich Flückigers atemlose Visionen an. Dann kam ihr Auftritt im tiefen Schnee, Silvester in der Hütte einer österreichischen Alm: sofort Bombenstimmung, und das Publikum in Lederhosen, Dirndl war so jung wie sie.

Gab es auch hartes Brot zu beissen zwischendurch? «Einmal», sagt Michelle, «musste die Bühnensprecherin mahnen: ‹Seid ruhig, da singt jemand.› Aber mein Auftritt muss stimmen, egal, ob vor wenigen oder vielen Leuten.» Das ist der einzige Satz an diesem charmant-familiären Abend, der vorgestanzt klingt. Michelles Pressemann sitzt am Tisch und hebt unschuldig die Schultern. Ihr Emmentaler Zauber wirkt, aber es ist willensstarker Zauber. Man hat ihr verschiedentlich einen anderen Stil aufzudrängen versucht. Michelle aber weiss, wo ihre Linie liegt, musikalisch wie persönlich:
«Ich will ein Modi vom Land bleiben.»

Zu wünschen wäre ihr, dass sie sich zugunsten dieser Linie vermehrt aus dem bisherigen Kokon winden könnte. Nicht weil windige Leute sie begleiten, ganz im Gegenteil; im sogenannten Profibusiness lauern ohnehin manche Haifische, Halsabschneider und Scharlatane. Um künstlerisch aber besser zu werden, braucht es ein kompromissloses Verfolgen der eigenen Linie. Auch im Schlager. Michelle braucht vermutlich mehr Balladen.
Und das erinnert, mit Blick auf alles, was noch kommen kann bei dieser kecken Gesellin, wieder an Eichendorffs Ballade, wo es am Schluss heisst:
Und seh ich so kecke Gesellen, / Die Tränen im Auge mir schwellen – / Ach Gott, führ uns liebreich zu dir!