Neuenhof

«Wir haben einiges, was Baden nicht hat»

Walter Benz, 64: Der Neuenhofer Gemeindeammann ist verheiratet, 64 Jahre alt, von Beruf Treuhänder mit eigener Firma (Interna) in Neuenhof (20%-Job neben dem Ammannamt), wo er von seiner Frau Rosita unterstützt wird. Sohn Thomas führt dort eine gleichnamige Informatikfirma. Energie tankt Walter Benz jeweils auf dem täglichen Morgenspaziergang oder bei der Arbeit mit seinem Hovawart-Rüden Onyx. Seit 1. 2. 2001 ist er Gemeindeammann von Neuenhof. 1983 wurde er Gemeinderat an seinem vorherigen Wohnort Turgi, von 1990 bis 1992 war er dort Ammann. (Foto: Roman Huber)

Benz

Walter Benz, 64: Der Neuenhofer Gemeindeammann ist verheiratet, 64 Jahre alt, von Beruf Treuhänder mit eigener Firma (Interna) in Neuenhof (20%-Job neben dem Ammannamt), wo er von seiner Frau Rosita unterstützt wird. Sohn Thomas führt dort eine gleichnamige Informatikfirma. Energie tankt Walter Benz jeweils auf dem täglichen Morgenspaziergang oder bei der Arbeit mit seinem Hovawart-Rüden Onyx. Seit 1. 2. 2001 ist er Gemeindeammann von Neuenhof. 1983 wurde er Gemeinderat an seinem vorherigen Wohnort Turgi, von 1990 bis 1992 war er dort Ammann. (Foto: Roman Huber)

Das Zusammenschlussprojekt der Stadt Baden mit Neuenhof ist laut Walter Benz gut unterwegs. Seine Aufgabe ist es unter anderem, die Bedürfnisse seiner Gemeinde ins das künftige Gebilde einzubringen. Eines ist klar: Benz sieht sich keinesfalls als Totengräber Neuenhofs.

Roman Huber

Bei der Gemeindekanzlei heisst es, Walter Benz habe diese Woche Ferien. Für den Gemeindeammann wohl eher ein Fremdwort, denn das Zusammenschlussprojekt fordert ihn. Gerade in der Phase der Vernehmlassung muss er überall Red und Antwort stehen. Die AZ machte Walter Benz trotz Ferien in seiner Treuhandfirma ausfindig, die er mit einem 20-Prozent-Pensum neben dem Ammannjob betreibt. Sie befindet sich im dritten Stock an der Seestrasse, wo sich ihm der Blick über Neuenhof eröffnet.

Herr Benz, wie ist der Fusionszug unterwegs?
Walter Benz: Ich möchte mich zuerst wehren gegen das Wort Fusion. Bei uns ist das ein Unwort. Wir sprechen von Zusammenschlussprojekt.

Eigentlich ist es dasselbe.
Benz: Das schon, aber es ist mit einem negativen Touch behaftet. Die Projektleitung hat entschieden, den Begriff Zusammenschluss zu verwenden.

Ein bisschen Augenwischerei.
Benz: Zugegebenermassen, aber in guter Absicht. Nun zum Zug: Wir sind auf Kurs, Projektleitung und Exekutiven sind zufrieden. Jetzt sind wir gespannt, was die Vernehmlassung an Echos bringt.

Da geht es auch um Emotionen, zum Beispiel um eine Umbenennung einer Strasse.
Benz: Das ist so. Wir müssen all diese Eingaben ernst nehmen und mit ihnen richtig umgehen. Fragen werden kommen, wie: Muss man künftig für eine Identitätskarte nach Baden gehen? Da braucht es Antworten.

Und wie steht es um die Neuenhofer Identität, um die Interessen des Schwächeren?
Benz: Was heisst Identität? Wir haben von Beginn an mit Baden auf Augenhöhe diskutieren können. Und in diesem Sinne fallen auch die Entscheide. Es ist nicht so wie bei den meisten andern Zusammenschlussprojekten im Kanton, wo bislang Kleine von Grossen geschluckt worden sind. Hier geht es bei der Bevölkerungszahl um einen Drittel und zwei Drittel.

Von der Finanzkraft her sieht es jedoch anders aus.
Benz: Das muss man differenziert ansehen. Betreffend Verschuldung pro Kopf stehen wir sogar besser da als Baden. Aber Tatsache ist, dass wir eine sehr tiefe Ertragskraft haben, dafür relativ wenig Schulden. Nicht vergessen darf man die Werke, die wir mitbringen.

Wegen der Finanzen hat aber Neuenhof in Baden um Anschluss angefragt?
Benz: Die Perspektiven sind wirklich nicht gut. Die Lage war bereits früher immer wieder alarmierend. Doch Neuenhof konnte sich jeweils auffangen. Man bedenke, dass es bereits vor 40 Jahren ein Komitee gegeben hatte, das den Anschluss an Baden erreichen wollte.

Werden Sie in Baden als gleichberechtigter Partner behandelt?
Benz: Das ist so. Wir haben uns gut einbringen können. Es gibt Bereiche wie die Reglemente, da werden wir diejenigen der Stadt Baden übernehmen, was von der Grösse und der Konstellation her auch Sinn macht, weil die Zeit für neue Fassungen fehlen würde. Das ist Thema bei einigen Vernehmlassungsberichten.

Die Schule hat sich bereits geäussert und wünscht endlich den Ausbau ihrer Infrastruktur.
Benz: Das ist eine lange Geschichte. Die Schule musste mit ihren Investitionswünschen einige Male hinten anstehen, weil das Geld fehlte. Zudem war die Diskussion um Schulreformen und Bildungskleeblatt im Gang. Und da waren wir mit unserer Schulraumplanung bereit. Wir wussten im Detail, mit welchen Kosten wir hätten rechnen müssen. Doch dann kam ja alles anders, weil das Bildungskleeblatt kantonsweit abgelehnt wurde.

Die Wünsche sind aber aktuell.
Benz: Halt. Jetzt müssen wir zuerst wissen, wohin es geht. Es haben ja bereits wieder Reformdiskussionen im Kanton begonnen. Bevor wir nicht wissen, wie die Schule Aargau dereinst aussieht, ob z. B. ein Bezirksschule-Jahrgang zurückkommt oder nicht, wäre es unklug, bereits heute in neuen Schulraum zu investieren.

In der Stellungnahme der Schule schwingt die Angst mit, beim Zusammenschluss überfahren zu werden.
Benz: Da kann ich beruhigen. Gemeinderat und Stadtrat sowie Schulpflegen und Schulleitungen sind sich einig, dass es eine starke Schule in Neuenhof braucht. Baden hat deutlich signalisiert, dass man zum Oberstufenschulstandort in Neuenhof stehe. Man ist auch bereit, in Neuenhof zu investieren.

Wie ist es mit dem Wunsch nach einer externen Projektbegleitung für die Schule?
Benz: Es ist sicher nicht so, dass die Neuenhofer Interessen in diesem Teilprojekt zu wenig vertreten worden wären. Wir stehen in der Vernehmlassung und ich bin offen für alle Meinungen. Gehen neue Ideen ein, dann werden wir sie auch prüfen.

Der Schulleiter hat gekündigt. Haben Sie keine Angst, dass bis 2012 alle Abteilungsleiter und die guten Leute davonlaufen?
Benz: Angst in diesem Sinne nicht. Kürzlich wurde die Schule über den Zusammenschluss orientiert. Da gab es gute Rückmeldungen. Ich glaube, man hat erkannt, dass sich die Schule ohne Zusammenschluss nicht so weiterführen liesse wie erwünscht.

Und wie steht es bei der Verwaltung?
Benz: Da präsentiert sich die Situation ähnlich. Für uns ist es darum wichtig, dass dieser Zusammenschluss auf Beginn des Jahres 2012 erfolgen kann. Es ist wichtig, dass wir mit unsern Leuten Gespräche führen. Vor allem bei den Key-Playern ist es wichtig, dass wir ihnen ein Angebot eröffnen können.

Sehen Sie keine Gefahr, dass Neuenhof unter die Räder kommt, dass Neuenhofer bei der Besetzung von Kaderpositionen das Nachsehen hat?
Benz: Ich glaube das nicht. Wir arbeiten nun anderthalb Jahre schon intensiv zusammen und man lernt sich kennen. Tatsache ist, dass wir eine sehr moderne Führungsstruktur und -kultur haben, auf der operativen wie auf der strategischen Ebene, also im Gemeinderat, wo wir nach dem Verwaltungsratsmodell arbeiten. Das könnte auch eine moderne Führungsstruktur für die neue Stadt sein.

Wie will man auf die Wahlen im Jahr 2011 hin erreichen, dass Neuenhof gebührend in Einwohnerrat und Gemeinderat vertreten ist?
Benz: In Baden ist das noch kein Thema, bei uns jedoch sehr wohl. Die Grösse von Einwohner- und Stadtrat bleibt dieselbe, ebenso werden keine Wahlkreise gemacht. Gerade in diesem Punkt tauchen bei der Vernehmlassung andere Meinungen auf.

Warum keine Wahlkreise?
Benz: Wir wollen doch einen Zusammenschluss, eine neue Stadt aus Baden und Neuenhof bauen. Wahlkreise würden doch diesem Ziel widersprechen. Gut, vielleicht wäre es für eine Übergangszeit machbar.

Wahlkreise würden Neuenhof immerhin eine gewisse Sitzzahl im Einwohnerrat garantieren.
Benz: Das schon. Aber wenn man einen Wahlkreis Neuenhof definierte, müssten auch Dättwil und Rütihof Wahlkreise bilden können. Es gibt noch einen andern Aspekt: Wir in Neuenhof möchten nicht nur unsern Stadtrat oder unsere Einwohnerräte wählen können, sondern auch diejenigen von Baden. Nach Bevölkerung hätten wir zwei Stadträte zugute. Und wichtig: Wir müssen gute Leute haben und nicht eine bestimmte Anzahl Sitze.

Sie denken, dass Neuenhof zu einer angemessenen Vertretung kommen wird?
Benz: Es hat sich bei andern Zusammenschlüssen gezeigt, dass der Kleinere in der Regel sogar besser vertreten ist, als ihm eigentlich zustünde. In Baden sind ja Rütihof und Dättwil stets gut vertreten.

Ist es im Gemeinderat Neuenhof ein Thema, wer beim Zusammenschluss kandidieren wird?
Benz: Nein. Darüber ist noch nicht offiziell gesprochen worden. Wir werden uns im Hinblick auf die Wahlen im Mai 2011 unsere Gedanken machen.

Wie steht es mit der Motivation für den Einwohnerrat?
Benz: Ich habe schon Leute sagen hören, dass sie sich beim Zusammenschluss wieder politisch engagieren wollen. Es ist sicher verlockend, in diesem Einwohnerrat mitzuwirken.

Und wie sieht es bei Ihnen aus, Herr Benz? Wird der Neuenhofer Kapitän auch auf der neuen Offiziersbrücke stehen?
Benz: Ich fahre sehr gerne mit dem Neuenhofer Schiff in den Hafen von Baden. Das steht nun klar im Vordergrund. Alles andere ist für mich noch offen - dass ich mich nun als Ammann quasi wegrationalisiere, tut nichts zur Sache.

Kann man mit Ihnen rechnen?
Benz: Sie können mir sicher einen Vorschlag machen, für welchen Posten ich mich bewerben soll.

Und ernsthaft?
Benz: Die Politik kennt bekanntlich keine Altersgrenze. Der Verlauf der nächsten Monate wird wegweisend sein. Es kann durchaus Sinn machen, dass ich mich in der neuen Konstellation einbringe, um Verantwortung zu übernehmen.

Wie ist die Stimmung im Gemeinderat?
Benz: Sehr gut. Der Gemeinderat steht auch in seiner neuen Besetzung voll und ganz hinter dem Zusammenschluss. Letztlich basiert dieser Entschluss auf einer Erkenntnis, die auf einer Gemeinderatsreise zustande kam, aber nicht beim Bier.

Also herrscht in Neuenhof Zusammenschluss-Stimmung?
Benz: Wer sich mit der Situation befasst hat, musste erkennen, dass wir uns in einer Sackgasse bewegen. Darum stehen alle Parteien hinter dem Vorhaben. Schliesslich befinden wir uns noch in einer starken Position. Das wäre in drei, vier Jahren anders.

Einzelne Stimmen haben Sie ganz zu Beginn als Totengräber von Neuenhof bezeichnet. Sind diese Stimmen verstummt?
Benz: Das mag es im ersten Augenblick gegeben haben. Doch auch solche sind heute davon überzeugt, dass der Weg richtig ist. Man mag sich vielleicht daran gestört haben, dass der Gemeinderat die Initialzündung vollzogen hat. Heute werden alle Vereine und Interessengruppen einbezogen, doch das wäre in der Projektarbeit nicht möglich gewesen.

Reden wir noch von den Badenern. Die meisten kennen Neuenhof ja gar nicht?
Benz: Diese Erfahrung haben wir auch gemacht. Umso erstaunter sind Badener, wenn sie entdecken, dass Neuenhof mehr zu bieten hat, als man aufgrund von vermeintlichen Klischees vermutet. Der Austausch findet nun verschiedentlich statt.

Als Überzeugungsarbeit bei der Badener Bevölkerung?
Benz: Wir haben in Neuenhof eine Dreifach-Turnhalle, Baden jedoch nicht, da werden Sportvereine hellhörig. Sogar die Ortsbürger haben gestaunt über unser eigenes Waldhaus. Ich denke, dass es in Neuenhof für Badener noch manches zu entdecken gibt.

Und die Schattenseiten?
Benz: Das ist unsere Ertragskraft. Damit sind die meisten unserer Probleme verbunden. Das andere sind Klischees: Unser Ausländeranteil liegt unwesentlich über demjenigen des Kappelerhofquartiers in Baden.

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