Ihr türkisfarbenes Haar reicht fast bis zu den Knöcheln, der Rock ihrer Schuluniform kaum über den Po. Die 16-Jährige steht alleine auf der Bühne, formt mit ihren Armen eine aufgehende Sonne und beginnt zu singen: mit ihrer hohen, kindlichen Stimme. Sie wackelt mit den Hüften, legt ein paar hölzern wirkende Tanzschritte auf das Parkett. Die Fans kreischen.

(Quelle: youtube/SeyrenLK)

Hatsune Miku live in Tokyo

Hatsune Miku ist ein Star in Japan, Tausende besuchen ihre Konzerte. Dabei ist sie gar kein Mensch, sondern bloss ein Hologramm. Als Android-Diva der nahen Zukunft wird sie angepriesen. Als «virtuelle Sängerin» bezeichnet sie Hiroyuki Ito. Er hat Hatsune Miku vor sechs Jahren erschaffen: als Musiksoftware. Für seine Firma Crypton Future Media, hat der Japaner ein Programm entwickelt, mit dem sich Lieder von einer computergenerierten Stimme singen lassen. Um die Software zu vermarkten, hat er zusammen mit dem in Japan bekannten Illustrator Kei eine zur Stimme passende Figur für die Verpackung der Software kreiert. So entstand das Mädchen mit den langen Beinen, der schmalen Taille, den grossen Augen und dem kleinen Mund.

Internet-Figur

Doch zum Leben erweckt hat Hatsune Miku das Internet. Oder besser gesagt ihre Fans im Netz. Musiker nutzten die Stimme für Songs, die sie auf Online-Plattformen verbreiteten. Animationskünstler begannen die schmalen Glieder zu bewegen, brachten dem Mädchen das Tanzen bei. Fans schrieben ihre Lebensgeschichte. Mittlerweile existieren mehrere zehntausend Miku-Videos im Netz. Es gibt über 3000 Songs auf iTunes – mehr als von jedem anderen Popstar. Und es gibt sogar Miku-Videospiele.

Japaner haben ein Faible für Kunstfiguren. Während menschliche Stars rasch von der Bildfläche verschwinden, bleiben geliebte Charaktere wie Hello Kitty für Jahre bestehen. Zudem herrscht in Japan eine kreative Fankultur, die es gewohnt ist, mit den Inhalten der Popwelt zu spielen. Dennoch hätte Hiroyuki Ito nie mit einer solchen Entwicklung gerechnet. «Dieser Erfolg hat mich total verblüfft», sagt der Erfinder von Miku via Dolmetscher im Gespräch auf Skype.

Virtuelle Sängerin, virtueller Auftritt

Auch in Japan lebt Popmusik von Liveauftritten. Auf der Bühne lassen Animationstechniker Miku lebendig werden. Die virtuelle Sängerin wird dazu auf eine dünne Spezialfolie projiziert. Diese spiegelt Miku wider, verhindert aber ansonsten nicht den Blick auf die Bühne, So wird ein Eindruck erzeugt, als stolzierte Miku über die Bühne. Die Songs für das Konzert werden von Crypton Future Media aus dem Fundus der Fan-Produktionen ausgewählt und von einer Band live gespielt. Dazu singt Miku mit ihrer unverwechselbaren Computer-Stimme. Die Premiere fand 2010 in Tokyo statt und war innert weniger Stunden ausverkauft. Weitere Auftritte folgten, darunter auch einer in Los Angeles. Dieses Wochenende sang Miku abermals in Japan vor 5000 Fans. Preis des Konzerttickets: 67 Franken.

Kurioserweise ist es gerade die Entmenschlichung des Popstars, die bei Fans zu einer tiefen Bindung führt. «Miku eröffnet Musikfans neue Möglichkeiten der Partizipation», sagt Ian Condry, der am Massachusetts Institut of Technology (MIT) eine ganze Vorlesungsreihe über das Pop-Phänomen gehalten hat. «Es ist fast so als könnte man einen Song für Lady Gaga schreiben und sie würde ihn singen. Doch Gaga tut das nicht. Miku tut es.»

«Bitte, lass mich singen. Ja, deine Worte, nur deine», singt Miku in einem Song der japanischen Band Supercell. Das Lied handelt von einer Band, für die sich niemand interessierte, bevor sie Miku als Sängerin engagierte. Auch Supercell wurde 2007 mit einem Miku-Song bekannt. Mittlerweile hat sich die Band mit Top-10-Chartplatzierungen in Japan selber einen Namen gemacht.

Band unter den Top 10

«Hatsune Miku hat eine grosse Fangemeinde. Das macht es für Newcomer attraktiv, Songs für sie zu schreiben, um so selber entdeckt zu werden», sagt Chris Leutwyler. Zusammen mit anderen Musikern hat er ein Schweizer Miku-Projekt lanciert, um die virtuelle Sängerin auch hier bekannt zu machen.

Für den Populärkultur-ForscherIan Candry zeigt das Beispiel Hatsune Miku eindrücklich, wie zentral die Kreativität von Gleichgesinnten für die Kultur- und Medienwelt ist: «Wir erleben gerade, wie sich die Beziehung zwischen Fan und Künstler dramatisch ändert.» Konsumenten werden selber zu Produzenten, die das Kunstwerk weiterentwickeln. Dafür beginnt sich das Kunstwort «Prosumer» – eine Zusammensetzung aus «Producer» und «Consumer» – einzubürgern. Ingrid Tomkowiak, Professorin am Institut für Populäre Kulturen der Universität Zürich, sieht in «dieser Hybridisierung einen Trend, der zunehmend in verschiedenen Kunst- und Medienformen zu sehen ist.» In Computerspielen ist die Partizipation des Spielers zentral. Vermehrt schreiben auch Literaten digitale Bücher fürs iPad und lassen die Leser über den Fortgang der Handlung abstimmen oder ihre Ideen in die Geschichte einfliessen.

TV-Auftritt undenkbar

Solche Spielarten seien in der Populärkultur nicht neu, sagt Tomkowiak. Viele bekannte Lieder der Volksmusik sind durch die Interaktion zwischen Sänger und Publikum entstanden und haben sich durch die Aufführungspraxis weiterentwickelt. Ebenso lebt das Improvisationstheater gerade davon, dass sich die Vorstellung unter Einwirkung des Publikums entwickelt. Doch durch die Digitalisierung der Medien und durch das Aufkommen des Internets erlangt der Partizipationscharakter in der Kunst eine neue Dimension. Und Roland Barthes berühmtes Diktum vom «Tod des Autors» scheint in einer neuen Qualität Geltung zu erlangen. Der Autor als Kontrollinstanz über den Sinn des Textes stirbt nicht nur symbolisch, sondern hört tatsächlich auf, zu existieren. Anstelle eines Schöpfers, der sein Kunstwerk von Anfang bis Schluss durchkomponiert, tritt eine kreative Menge, die das Werk in immer wieder neuer Weise weiterentwickelt.

Denkbar wäre, dass auch die letzte hierarchische Instanz abgeschafft wird und für ein Konzert nicht mehr Crypton Future Media die Songs auswählt, sondern die Fans demokratisch über die Auswahl abstimmen. Doch wie es weitergeht mit Miku weiss Hiroyuki Ito nicht. Nur eines ist gewiss: Ein TV-Star soll Miku nicht werden. «Miku ist zu dem geworden, was sie ist dank des Internets. Hier soll sie auch bleiben.»