Gesellschaft
«Wegen Single-Dasein läuft man Gefahr, einiges schlechter zu können»

Single-Forscher Stefan Hradil sagt, dass die Lebensform auch positive Seiten hat - etwa für Wirtschaft und Staat: Sie sind engagierte Arbeitskräfte und zahlen mehr Steuern. Sie haben auch viele negative.

Silvia Schaub
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Herr Hradil, in der Schweiz leben mittlerweile 1,5 Millionen Singles. Werden es bald noch mehr?

Stefan Hradil: In absoluten Zahlen wird sich der Zuwachs zwar in Grenzen halten, weil die jüngeren Jahrgänge kleiner sind. Aber innerhalb dieser Altersjahrgänge steigt der Anteil der Singles weiterhin, und zwar ganz ansehnlich.

Sind wir heute schlicht nicht mehr partnerschaftstauglich?

Wachsende Teile der Bevölkerung tatsächlich nicht. Zum Beispiel haben viele, deren Eltern geschieden wurden, nicht gelernt, eine stabile Beziehung zu führen.

Single wird man oft nicht freiwillig.

Weitaus die meisten werden durch Scheidung oder mehrere abgebrochene Beziehungen zum Single. Damit verbunden ist manchmal auch das Eingeständnis, dass vielleicht in einem selbst das Problem liegt. Singles kommen, nachdem die übelsten Wunden verheilt sind, erstaunlich gut über die Runden. Wenige sagen zwar, dass Single-Sein die ideale Lebensform ist, aber unglücklich und chronisch einsam sind nur wenige.

Braucht unsere Gesellschaft also sogar Singles?

Singles haben für die Gesellschaft Vor- und Nachteile. Vorteilhaft ist, dass sie viel Steuern bezahlen. Sie sind ein positiver Wirtschaftsfaktor – das fängt bei Urlaubsreisen an und geht über teure Wohnungseinrichtungen bis hin zu kleineren Einkaufspackungen. Sie sind disponible, oft sehr engagierte Arbeitskräfte. Ob die Gesellschaft sie braucht, ist die andere Frage.

Die Nachteile?

Niemand weiss, wer die vielen Singles im Alter pflegen und ihnen helfen soll. Ausserdem beanspruchen sie den Wohnungsmarkt. Vielen Leuten dienen die Singles im Zeichen des demografischen Wandels als schlechtes Beispiel. Das geht hin bis zu Äusserungen wie «Sozialschmarotzer». Nicht wenigen gelten Singles als diejenigen, die zu faul sind, Kinder zu erziehen, sich am Generationenvertrag zu beteiligen und die letzten Endes nur darauf schauen, dass das Leben für sie im Moment angenehm ist. Singles stehen nicht unbedingt für soziale Solidarität. Dieses Vorurteil stimmt aber nur begrenzt, weil Singles umgekehrt in allen möglichen Netzwerken und Hilfsorganisationen überrepräsentiert sind.

Diese Bewertung war aber auch nicht immer so negativ.

Nein. In den 1980er-/90er-Jahren war ein Single eine gesellschaftliche Leitfigur. Heute ist es die junge Mutter mit dem Kind auf dem Arm oder der strahlende Vater. In letzter Zeit wird die Lebensform «Single» doch eher negativ bewertet, so nach dem Motto: «So einsam möchte ich nie leben.»

Wieso dieser Wandel?

Es hängt sicher mit dem demografischen Wandel zusammen. Viele Leute finden, Singles würden keinen Beitrag gegen das Schrumpfen und Altern der Gesellschaft leisten. In den 1980er-Jahren waren das Ich und das Geniessen der neu errungenen Optionen Leitvorstellungen. «Individualisierung» war ein Schlagwort, das fast alles erklärte. In letzter Zeit dominiert eher das Bemühen, das Ich und das Wir in eine Balance zu bringen. Es ist vielen Menschen klar geworden, dass das hemmungslose Ausnutzen eigener Optionen einen ziemlich allein zurücklassen kann und vielfach nicht die Lösung ist.

Können wir trotzdem von den Singles lernen?

Ja. Denn zumindest ein Teil der Singles macht sich intensive Gedanken, wie und in welcher Form sie eigentlich leben möchten. Das hängt damit zusammen, dass das Single-Dasein weder für die Singles noch für Nicht-Singles eine selbstverständliche Lebensform ist. Wenn man heiratet und Kinder kriegt, muss man das weder sich noch anderen erklären. Wenn man längere Zeit allein lebt, ist das auch im grossstädtischen Milieu immer noch erklärungsbedürftig.

Was können Singles besser?

Wenig. Weitaus die Mehrheit der Singles gerät ja gegen ihren Willen in diese Situation. Wenn Sie so wollen, ist das Single-Sein meist eine Notwehr. Viele Menschen – oft Frauen – wollen nach ihrer Scheidung oder der dritten gescheiterten Beziehung Zeit zum Nachdenken und um sich selbst zu finden. Längerfristiges Single-Dasein beinhaltet sogar die Gefahr, dass man einiges schlechter kann.

Was zum Beispiel?

Sich auf andere einstellen, Kompromisse machen, von Routinen wegkommen, eine gewisse Flexibilität. Zwar sind viele Singles gut in der Lage, ein autonomes Leben zu führen. Aber das beherrschen andere, die in Paarbeziehungen leben, erst recht Alleinerziehende, auch ziemlich gut.

Sind Singles die ewig Suchenden?

Empirische Studien zeigen, dass viele Singles sehr hohe Ansprüche und ausgesprochen optimistische Erwartungen an Beziehungen haben. Ein Teil der Singles sind die ewig Suchenden, die innige Zweisamkeit wollen. Aber es gibt auch die Autonomie-Orientierten, die gar nicht so sehr suchen. Häufig wird gesagt, alle Singles seien aktiv auf Partnersuche. Das ist Quatsch. Die Mehrheit der Singles hat sich ganz gut mit ihrer Lebensform arrangiert, schliesst zwar nicht aus, mal wieder einen Partner zu haben, sucht aber nicht aktiv.

Wie sieht es für sie im Alter aus?

Der Anstieg der Singles ist heute vor allem im mittleren, nicht im höheren Alter festzustellen. Denn irgendwann spüren auch sie, dass diese Lebensform nicht altersfest ist. Viele Singles reden sich zwar ein, wir machen dann später eine WG auf. Das ist jedoch rechtlich und finanziell gar nicht so einfach, obwohl es inzwischen Wohnmodelle und Bauformen gibt, die das etwas erleichtern. Häufiger als Wohngemeinschaften helfen deshalb Netzwerke, Nachbarschaften und Freundschaftsbeziehungen, ohne dass man gleich zusammenlebt. Es gibt auch viele alleinstehende Frauen und Männer, die sich im Alter wieder zusammentun. Keine Gesellschaft könnte die notwendigen Pflegeheime finanzieren, wenn unter den Alleinlebenden so viele pflegebedürftig würden, aber sie niemand aus dem Umfeld pflegt. Auch die reiche Schweiz nicht.