André Keisker
Vom Kinderspital in den Rega-Jet

Der 43-jährige Kinderarzt André Keisker aus Muhen hat im August 2009 seinen Arbeitsplatz von der Kinderklinik im Kantonsspital Aarau ins Ambulanzflugzeug der Rega verlegt. Seither sorgt er im Team mit Piloten und Pflegern für die Heimkehr von Patienten aus aller Welt in die Schweiz.

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Stadtanzeiger Aarau

Marcel Suter

Die Schweizerische Rettungsflugwacht (Rega) sorgt seit 1952 als gemeinnützige und selbstständige Stiftung dafür, dass in Not geratenen Menschen geholfen wird - ohne Ansehen der Person, der finanziellen Leistungsfähigkeit, der sozialen Stellung, der Nationalität, des Glaubens oder der politischen Überzeugung. «Die Rega hilft überall da», steht in den Stiftungsgrundsätzen geschrieben, «wo durch den Einsatz ihrer Mittel Leben oder Gesundheit von Menschen erhalten, geschont oder geschützt werden kann.»

Der Hauptsitz der Rega ist das Rega-Center auf dem Flughafen Zürich-Kloten, wo sich auch ihre Jet-Basis und die Einsatzzentrale befinden. Zur Organisation und Leitung der Einsätze steht ein gesamtschweizerisches Bodenfunknetz mit 40 Fixstationen zur Verfügung. Die Rega verfügt in der Schweiz über zehn eigene Einsatzbasen für Helikopter.

Als eigentliche Intensivstationen werden die drei im Flughafen Kloten stationierten Ambulanzjets bezeichnet. André Keisker begleitet seit acht Monaten Patienten auf ihrer nicht ganz üblichen Heimreise.

André Keisker ist verheiratet und Vater von vier Kindern, allesamt Knaben. Während seiner medizinischen Ausbildung hat er sich zum Kinderarzt im Fachbereich pädiatrische Hämatologie und Onkologie spezialisiert. Zehn Jahre lang stand er in der Kinderklinik des Kantonsspital Aarau sowie der Universitätsspitäler Zürich und Bern krebskranken Kindern zur Seite.

Auch seine militärische Laufbahn führte ihn in ein Fachgebiet, das nicht alltäglich ist. Als Arzt im fliegerärztlichen Institut beurteilte er Männer und Frauen in Bezug auf Sicherheit und Leistung in den Bereichen militärische und zivile Aviatik, Transport und Management. «Die Fliegerei hat mich deshalb und grundsätzlich immer schon fasziniert», gibt Keisker zu.

Schlussendlich habe ihn die Kombination seiner neuen Aufgabe als Mediziner in einem Flächenflieger begeistert. Zwar habe er bislang zu gut 90 Prozent Erwachsene Patientinnen und Patienten in die Schweiz zurückgeholt. «Als Spezialist werde ich allerdings insbesondere bei Fällen mit Jugendlichen losgeschickt», präzisiert er.

Es seien Punkte wie grosse Eigenverantwortung, Teamwork mit zwei Piloten und einer Pflegeperson sowie das Bewusstsein, Menschen in Schwierigkeiten zu helfen, die für ihn die Herausforderung bedeuten. Mit dem Engagement von Kinderarzt André Keisker hat die Rega die fachliche Kompetenz des ganzen Teams optimiert.

Insgesamt vier Equipen stehen stets bereit und können innert kurzer Zeit in Einsatz gebracht werden. Der Standort ist in der Pikettphase zu Hause, für André Keisker also in Muhen. Das Eintreffen im Rega-Center am Flughafen hat innert einer Stunde zu erfolgen. Bei einem Einsatz folgt eine rund 45-minütige Vorbereitungszeit mit dem persönlichen Check-In, der Skizzierung des Falls durch die Einsatzzentrale und einem Briefing für die ganze Crew mit dem verantwortlichen Einsatzleiter oder der Einsatzleiterin in Zürich.

«Die Logistik ist für die Einsätze im Ausland von grösster Bedeutung», erzählt Keisker. Die Flüge müssen organisiert werden, die Absprache mit den Behörden, Ärzten und Kliniken im Ausland haben zu erfolgen und die Kontakte zu Patienten und Angehörigen sind aufrechtzuerhalten. Bevor der Einsatz eines Ambulanzjets beschlossen wird, ist zudem zu prüfen, ob die Repratiierung (Fachausdruck für Rückführung) mit einem Linienflug möglich oder gar geeigneter ist. «In diesem Fall kommt es oft vor, dass der Rega-Arzt die Patientin oder den Patienten auf diesem Weg begleitet und medizinisch unterstützt», ergänzt Keisker.

Als bisher eindrücklichsten Einsatz in seiner noch kurzen Laufbahn als Rega-Arzt nennt er die abenteuerliche Rückführung einer in Kuba mit dem Auto verunfallten Familie aus der Westschweiz. Alle vier Insassen, die Eltern und die beiden 5- und 14-jährigen Kinder, wurden teils schwer verletzt.

Keisker wurde alleine auf den Weg nach Havanna geschickt, um die Situation und den medizinischen Zustand der vier Schweizer abzuklären. «In Kuba angekommen, musste ich mich zuerst auf die Suche nach den Patienten machen», erzählt er. Nach 18 Stunden wurde er in einem Provinzspital fündig. Die Rückführung wurde von der Behörde nicht so einfach gebilligt.

Schliesslich brachte Keisker zwei Patienten mit dem Linienflug nach Hause, die beiden anderen wurden eine Woche später mit dem Abulanzjet abgeholt. «Insbesondere die Zusammenarbeit mit den Ärzten in Kuba hat mich fasziniert», berichtet Keisker. Das mutige und völlig richtige Eingreifen der Mediziner hätte zwei Personen das Leben gerettet und die Rückführung erst möglich gemacht. «Deshalb ist in unserem Beruf das Zusammenspiel so wichtig.»

Keiskers Berufsleben ist von unregelmässigen Arbeitszeiten, unvorhersehbaren Einsätzen und stets neuen Herausforderungen geprägt. Diese Besonderheit sei allerdings für ein funktionierendes Familienleben nicht hinderlich. «Wenn ich zum Fussballspiel meines Sohnes komme, freut er sich riesig», nennt Keisker ein Beispiel. Andernfalls erfüllt ihn die Gewissheit mit Stolz, dass sein Vater irgendwo auf der Welt in Not geratenen Menschen hilft.