Zum Interview-Termin am Hauptsitz des SRF in Zürich kommt Moderator Nik Hartmann ein paar Minuten zu spät. «Sorry, ich war noch an einer Weiterbildung», entschuldigt er sich und lädt in die Kantine des Schweizer Fernsehens. Das Gespräch findet kurz vor seinen Ferien und dem Nationalfeiertag statt. Das Gesicht von «SRF bi de Lüt» fliegt mit seiner Familie nach Grönland. Dort wird er mit einer Reisegruppe in See zu stechen.

Was bedeutet Ihnen der 1. August?

Nik Hartmann: Ich verbinde damit Erinnerungen an die Kindheit. Wir waren oft bei Freunden am Thunersee, und ich war stets ähnlich aufgeregt wie vor Weihnachten oder meinem Geburtstag. Heute ist das anders. Ich bin am 1. August nicht stolzer, Schweizer zu sein, als an den restlichen 364 Tagen. Irgendwie feiere ich täglich August, wenn ich fürs Fernsehen in der ganzen Schweiz unterwegs bin.

Mit Ihren Wandersendungen sind Sie quasi der inoffizielle Botschafter des Landes. Was lieben Sie an der Schweiz?

Es ist die Heimat, die Natur, die Menschen, ja nur schon die Form. Wenn ich irgendwo den Umriss des Landes auf einer Karte sehe, bedeutet mir das mehr als die Fahne. Es ist ein wohliges Gefühl, eine unausgesprochene Liebe. Mit den Schweizer Werten konnte ich hingegen nie besonders viel anfangen.

Welche Werte meinen Sie?

Rechtschaffenheit, Pünktlichkeit und so weiter. Das fand ich immer langweilig. Trotzdem ist es mir peinlich, wenn ich zu spät komme. (Lacht.)

Sind Sie ein Bünzli?

Wenn Bünzli bedeutet, dass man etwas angepasst und anständig ist, dann ja. Ich glaube, in jedem von uns steckt ein Bünzli.

Sie sind oft in den Bergen unterwegs, die sich zu einem touristischen Hotspot entwickeln. Wie beurteilen Sie den Trend?

Das beschäftigt mich sehr. Mich beruhigt aber, dass es noch immer viele schöne Täler und Seen gibt, die total unberührt sind. Ich finde es gut, dass alle an den Oeschinensee gehen, obwohl es noch hundert viel schönere Seen gäbe. Leider gehen viele nur für ein Instagram-Foto in die Berge, nicht der Natur wegen. Dieser Hype wird aber wieder verschwinden.

Bis dahin bleiben die Selfiesticks.

Tja, die stören mich. Aber es sind ja meistens Touristen, die damit rumlaufen, nicht die Schweizer Wanderer. Ich mache selber ja auch extrem viele Selfies und lade sie in den sozialen Medien hoch. Aber mir geht es immer noch um das Erlebnis in der Natur.

Sie vermitteln in Ihren Sendungen das Bild einer heilen Schweiz. Reizt es Sie manchmal, die weniger schönen Aspekte zu beleuchten?

Klar. Ich zeige beim SRF vor allem die schönen Seiten des Landes. Früher waren wir eher eine Spartensendung in der Unterhaltung. Wichtiger waren Scheinwerfer und die grosse Show. Aber dann wurden Dokumentationen und der Outdoorsport en vogue. Und jetzt sind wir plötzlich hip. Es gab eine Zeit, da hatte ich das Gefühl, ich müsse von diesem Heile-Welt-Zeug wegkommen und mich neu erfinden, nicht mehr der Liebling aller sein.

Dieses Image störte Sie?

Ja, durchaus. Ich dachte: Hey, ich bin doch viel cooler als dieser Wanderer mit dem Schinkenbrötli im Rucksack. Aber mit der Zeit wurde mir bewusst, dass das Fernsehen ein Teil meines Lebens darstellt und nicht das ganze Abbild meiner selbst ist. Die kritische Auseinandersetzung mit Menschen, mit der Schweiz, findet bei mir halt in erster Linie im Privaten statt.

Politisieren und poltern Sie da auch manchmal?

Ich diskutiere sehr gerne und höre auch gerne zu. Aber poltern? So richtig hässig werden? Nein, das liegt mir nicht. Höchstens zu Hause mal während der Pubertät meiner Buben.

Ihre Buben sind im Alter der Klimastreikenden. Und nun sind Sie mit der Familie nach Grönland geflogen für eine Schiffsfahrt…

Ja, stimmt, da bin ich ein Sündiger, da gibt es nichts schön zu reden. (lacht) Wir werden dort aber die schmelzenden Gletscher sehen. Insofern hoffe ich auf einen positiven, pädagogischen Wert der Reise. Ich finde die Klimadebatte grossartig. Es ist unglaublich, was die Jungen bewirken können.

Wird die Diskussion, die bis zur Flugscham reicht, zu hitzig geführt?

Ich glaube, es braucht solche extremen Reaktionen, damit sich der Mainstream nur ein klein wenig bewegt. Das ist wie bei einem Kreuzfahrtschiff, wo man das Steuer richtig herumreissen muss, um den Kurs um nur zwei Grad zu korrigieren.

Sie reisen mit Ihrer Frau Carla und ihren Söhnen Constantin und Frederik. Ihr jüngster, Melchior (10), der eine zerebrale Behinderung hat, bleibt zu Hause bei Verwandten. Ist für ihn die Reise zu schwer?

Genau. Es wäre für uns alle ein zu grosser Aufwand gewesen, auch weil so ein Schiff nur bedingt rollstuhltauglich ist, genauso wie die Landgänge.

War es eine schwierige Entscheidung?

Nein, er ist ja auch oft dabei. Wir fuhren vor drei Jahren mit ihm nach Kalifornien für eine grosse Rundreise. Das war wunderbar.

Weil die USA behindertenfreundlicher sind?

Ja, das war wirklich beeindruckend. Das hat mit den Kriegsveteranen zu tun, von denen viele im Rollstuhl sitzen. Entsprechend ist das Bewusstsein für das Thema bei den Amerikanern viel grösser. Da hat die Schweiz extremen Nachholbedarf.

Regen Sie sich manchmal über den Mangel an Verständnis auf, wenn Rampen fehlen, oder die SBB wie zuletzt teure Züge kaufen, die nicht behindertenfreundlich sind?

Natürlich. Bei öffentlichen Gebäuden und Plätzen hat sich einiges verbessert. Im öffentlichen Verkehr gibt es sicher noch Verbesserungspotenzial. Aber ganz ehrlich, als ich noch keinen behinderten Sohn hatte, machte ich mir kaum Gedanken zu Menschen mit Einschränkungen. Erst als ich selber betroffen war, wurden mir die Mängel im Alltag bewusst. Aber auch, dass ich ihnen helfen kann.

Was muss die Schweiz besser machen?

Es geht darum, einem Menschen mit Beeinträchtigung das Gefühl zu geben: Du störst nicht, du bist kein Problem. Damit kämpfen viele, weil sie sich nicht willkommen fühlen. Das beginnt mit einer fehlenden Rampe bei einem Geschäft. Oder dass man als Rollstuhlfahrer im Restaurant nicht irgendwo in einer Ecke neben dem WC platziert wird. Sondern dort, wo alle anderen auch sitzen. Dass man dazugehört, ganz normal.

Sie sagten einst, Sie dachten, es sei das Ende, als Sie von Melchiors Behinderung erfuhren. Dann merkten Sie aber: Es ist erst der Anfang.

Zu Beginn war es ein Schock. Ganz genau weiss ich es aber nicht mehr, vielleicht weil ich diese traumatisierende Situation verdrängt habe. Ich erinnere mich einzig daran, dass der Arzt zu uns mit der Diagnose kam und ich meine Frau in den Arm nahm. Zuerst ist man völlig überfordert, beginnt zu googeln, was das Dümmste ist.

Und heute?

Ist es wunderbar. Zum Beispiel erhielt ich heute Morgen Fotos von meinem ältesten Sohn im Family-Chat. Er ging mit seiner Freundin in die Badi und sie nahmen Melchior mit (zückt sein Smartphone und zeigt die Fotos). Das ist doch uh schön! Und für uns als Familie ist es das Normalste der Welt.

Und bereichernd?

Ja, auch wenn es plakativ tönt. Aber Melchior ist eine Bereicherung in jeglicher Hinsicht. Eine solche Situation nimmt extrem viele Berührungsängste, sie öffnet wahnsinnig viele Schubladen und Türen im Kopf, man wird zufriedener, ist auch mal über kleinere Erfolge glücklich, steckt die eigenen Ziele nicht mehr ganz so hoch. Melchior ist vielleicht nicht so gut im Laufen oder in Mathematik, aber er ist unglaublich gut im uns Anstrahlen, und im uns Freude machen.

Wie entwickelt sich Melchior, was das Sprechen und Laufen anbelangt?

Sprechen geht nicht. Er kann gestützt kleine Schritte machen, sich immer besser selber halten. Aber wir sprechen nicht darüber, was er nicht kann. Wir freuen uns über das, was er kann. Wir haben halt einfach seit zehn Jahren ein Kleinkind.

Was lehren Sie Ihren Söhnen?

Dass sie sich mit Ihren Entscheiden so lange Zeit lassen, bis sie glücklich sind. Dass sie mit einer Portion Kompromisslosigkeit durchs Leben gehen, und sich nicht einen Job mit grossem Lohn als oberstes Ziel setzen.

Sie selber haben aber einen sehr guten Lohn.

Das war nicht immer so. Und ich war zuerst glücklich, und dann kam der gute Lohn. Zudem ging ich nie zu meinem Chef, um eine Lohnerhöhung zu verlangen. Nie.

Was lehren Sie Ihre Söhne?

Ich bin beeindruckt, wie offen und herzlich die Jungen heute miteinander umgehen. Sie sprechen über alle möglichen Themen ganz locker. Wir waren früher noch viel verknorzter. Bei anderen Dingen möchte ich nicht tauschen, zum Beispiel was die vielen Facetten der Digitalisierung anbelangt. Ich weiss immer noch nicht, wie der beste Umgang mit dem Handy ist.

Auf den sozialen Medien warnten Sie zuletzt vor einem Betrüger. Was ist passiert?

Einer hielt es für wahnsinnig witzig, unter meinem Namen Bücher zu bestellen oder mich in Vereinen anzumelden. Immer unter «Nik Hartmann, Fernsehstrasse 1». Das war schon seltsam. Und es ist nicht schön, dort anrufen zu müssen und Bestellung zu stornieren. Nachdem ich mich auf Facebook gewehrt habe, hat es glücklicherweise aufgehört.

Sie sind seit 20 Jahre mit Ihrer Frau verheiratet. Was ist das Geheimnis einer glücklichen Ehe?

Von einem Geheimnis würde ich nicht sprechen. Bei uns ist immer viel los und wir gestehen uns gegenseitig viele Freiheiten zu, so dass wir gar nicht auf die Idee kommen, etwas verpasst zu haben. Auf meiner Alpenüberquerung «Via Alpina» war ich 30 Tage unterwegs. Auf die Idee einer Midlife-Crisis komme ich gar nicht. Wir haben zusammen alles erlebt, Höhen und Tiefen. Das schweisst zusammen.

Kommen wir zu Ihrer neuen Sendung: Ab Ende August sind Sie wieder «bi de Lüt». Sie reisen mit sechs jungen Menschen mit Down-Syndrom. Wie stark waren Sie bei der Ideenfindung beteiligt?

Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich das nur höre. Es hat mich extrem berührt, mit diesen sechs unterwegs zu sein und war sehr involviert in der Idee. Uns war es wichtig, eine Normalität im Umgang mit Menschen mit Behinderung zu zeigen. Ich war nicht der Reiseleiter, sondern bin einfach Teil der Gruppe. Das war extrem spannend, lustig und vielseitig.

Gingen 2010 fürs Fernsehen gemeinsam über Stock und Stein: Nik Hartmann mit Schauspieler Stefan Gubser und seiner damaligen Hündin Jabba.

  

Welche Bedeutung hat die Sendung für Sie?

Nach «Via Alpina» dachte ich, es kann nicht mehr grösser oder besser kommen. Doch nach dem Dreh zur neuen Sendung war ich einfach nur zutiefst berührt. Wir haben Dinge erlebt, bei denen ich dachte, bisher war alles Pipifax. Zwölf Tage lang waren wir eine grosse Familie. Es war wirklich die spannendste und tiefergreifendste Sendung, die ich je machen durfte.

Im ausländischen Fernsehen gibt es Sendungen, die von Menschen mit Behinderungen moderiert werden, zum Beispiel Reiseshows mit einem Moderator im Rollstuhl. Sollte das SRF dieses Konzept ebenfalls einführen?

Das wäre super, ein nächster wichtiger Schritt. In der SRF-Serie «Blindflug» zeigten letztes Jahr bereits zwei sehbehinderte junge Männer, wie sie unabhängig reisen. Auch nun bei «Reise mitohne Hindernis» bin ich schon nicht mehr der Moderator, sondern die sechs nehmen selbst das Zepter in die Hand. Passiert ist genug.

Das ist allerdings etwas anderes als ein Moderatoren-Job.

Zwei waren in der Gruppe dabei, denen würde ich eine Moderation zutrauen. Damian, zum Beispiel, ist ausgebildeter Schauspieler. Man muss einfach mit kleinen Schritten eine Normalität im Umgang herstellen. Früher hat man diese Menschen versteckt. Heute ist die Integration schon viel besser. Das Schwierige war, meine Reisebegleiter nicht zu bemuttern. Manchmal ist der Vater in mir durchgedrungen, dann wurden sie sternshagelverruckt. «Wir sind selbstständig», haben sie mir dann gesagt.

Könnten Sie sich vorstellen, ins Showfach zu wechseln? Sportmoderator Rainer Maria Salzgeber hat neuerdings den «Donnschtig-Jass» übernommen.

Ich durfte in meiner Karriere die grossen Shows machen und arbeite seit vielen Jahren fürs Radio. Ich bin glücklich und drehe unterhaltende Dokumentationen, da ist vieles möglich. Aber ich mache mir auch Gedanken, wie mein Job in Zukunft aussehen könnte. Für mich ist klar: Ich werde nicht als Moderator in Pension gehen. Ich habe keine Mühe, hinter die Kamera zu treten. Zusammen etwas zu kreieren, ist mir wichtiger, als über den Bildschirm zu flimmern.

Gibt es einen Ort, den Sie unbedingt noch sehen wollen?

Meine Frau will schon lange nach Island, aber da ist es langsam wie am Matterhorn oder am Kilimandscharo – viel zu voll. Ich habe keine Traumdestination. Diesen Frühling habe ich mich in einer 30-jährigen Alphütte so wohl gefühlt wie andere in Bali im Privatpool. Bei allem über 1000 Meter bin ich glücklich. Tief im Herzen bin ich einfach ein ländlicher Typ.