Frohes Fest!
Trauma, 35 Grad, Fleisch-Lotterie: Das sind die Weihnachtsgeschichten unserer Redaktoren

Weihnachten ist besinnlich. Sieben journalistische Anekdoten zeigen es.

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AZ-Stagiaire verbrachte Weihnachten in Australien. Dort soll es durchaus vorkommen, dass Santa Claus surfend Geschenke verteilt.

AZ-Stagiaire verbrachte Weihnachten in Australien. Dort soll es durchaus vorkommen, dass Santa Claus surfend Geschenke verteilt.

Keystone

Niklaus Salzmann, Redaktor

NCH

Mit der Kolonialisierung...

...gelangte der Katholizismus auch nach Bolivien, wo es weder weisse Weihnachten noch grüne Tannen gibt. Viele Menschen haben dort auch ganz andere Sorgen, als den richtigen Baumschmuck zu finden. Was für die Frauen im Dörfchen Parotani wirklich zählt, ist, dass täglich eine Mahlzeit auf den Teller kommt.

Deshalb luden unsere Freunde, die in jenem Dorf arbeiteten, die einheimischen Frauen denn auch zum Backen ein. Wir mischten, kneteten, füllten den Teig in Blechbüchsen und buken im Lehmofen wunderbare Panettoni. Ein Weihnachtsgebäck, das sich keine einzige der Frauen vom Haushaltsbudget geleistet hätte.

Patrick Züst, Korrespondent

AZ

Vergangenes Jahr hätte ich...

...die Festtage erstmals ohne meine Familie verbringen sollen. Nur wenige Wochen zuvor war ich nach San Francisco gezogen. Ich freute mich darauf, Weihnachten ohne Schal, Schoggi und Chinoise zu erleben. Aber je näher die Festtage rückten, desto stärker vermisste ich die Schweiz. Und so kam es, dass ich im Dezember doch noch einen Flug nach Zürich buchte, ohne jemandem davon zu erzählen. Als ich dann kurz vor Weihnachten meine Eltern per Skype anrief, vermuteten sie mich in Kalifornien, dabei stand ich direkt vor ihrer Haustür. «Seht ihr mich?», fragte ich und hielt meinen Daumen vor die Handy-Kamera.
Sie verneinten. Ich fragte erneut: «Seht ihr mich jetzt?», öffnete die Tür und trat ins Wohnzimmer. Meine Eltern freuten sich, als ob das Christkind persönlich vor ihnen stünde.

Christoph Bopp, Redaktor

AZ

Manchmal wird Weihnachten...

...zum Trauma. Nicht oft, aber das gibt es. Als ich ein Kind war – so zwischen drei und fünf –, wurde ich fürs Krippenspiel gecastet. Ich sollte spielen, was ich war: ein Kind. Und zwar das Kind eines Bauern aus der Ostzone. Bevor die Aufführung begann, mussten sich die Dramatis Personae vorstellen. Ich hatte zu sagen: «Ich bin das Kind eines Bauern aus der Ostzone.» Leider verschlug es mich in der Reihe, und ich wurde bei «Ich bin das Kind ...» wieder von der Bühne gerissen. Pein und Scham, aber seither komme ich vorsichtshalber lieber später als zu früh. Traumabedingt.

Nicola Imfeld, Stagiaire

Mario Heller

Die Festtage verbrachte ich...

...fast immer in der Schweiz. Wenn auch selten Schnee lag, war es jeweils kühl oder eiskalt – richtig weihnachtlich. 2014 wars anders: Ich weilte wegen eines Sprachaufenthaltes in Australien an der Wärme. Meine Eltern besuchten mich im Dezember, und wir reisten der Südküste entlang von Melbourne nach Sydney.

Am Weihnachtstag chillten wir in Badehose, Flip-Flops und bei 35 Grad am weissesten Strand der Welt. Die Hitze hatte bei mir so gar keine besinnliche Stimmung entfacht. Als ich dann meinen 50-jährigen Eltern beim Planschen im Meer zuschaute, wurde ich allein am Strand ganz sentimental. Mir wurde da erstmals richtig bewusst, wie viel ich Mama und Papa zu verdanken habe.

Noemi Lea Landolt, Redaktorin

bz

Singen an Weihnachten...

...war jedes Jahr ein Thema. Zwischen Hauptgang und Dessert. Wir Kinder wollten Geschenke auspacken. Aber die Tante zog Weihnachtslieder-Büchlein aus der Tasche. Meine Grossmutter («Ich kann nicht singen!») bewegte stumm ihre Lippen. Richtig euphorisch war nur ihr Mann, Tenor im Männerchor, dessen beste Zeiten leider vorbei waren. Bei «O Tannenbaum» war aber sowieso Schluss. Mein Onkel enervierte sich in einer Art über die grünen Blätter («Nadeln, es sind Nadeln!»), die nichts mehr mit Singen zu tun hatte.

Toni Widmer, Redaktor

AZ

In der Vorweihnachtszeit wurde...

...bei uns im Dorf von einem Verein stets ein grosses Fleisch-Lotto veranstaltet. Edleres Fleisch wie Schnitzel, Braten oder Rollschinkli gab es bei uns nicht oft, weil meine Eltern nicht sehr begütert waren. Umso grösser war die Freude, als meine Mutter an einem solchen Lotto einst einen ganzen Hinterschinken gewann. Diesen mehrere Kilo schweren Hammen liessen wir von unserem Dorfbeck mit Brotteig umhüllen und backen. Der Hammen im Brotteig war damals eine beliebte Weihnachtsspezialität. Ich durfte den Schinken am Weihnachtsabend beim Bäcker mit dem Davoser Schlitten abholen. Meinen Stolz und die Vorfreude auf diesen Festschmaus werde ich nie vergessen.

Fiona Turner, Praktikantin

Montreal, Kanada, Dezember, 2000

Ich, damals fast zweijährig, begleitete meine Mutter beim Weihnachtseinkauf. Das Einkaufszentrum Eaton Center war prunkvoll. Unter dem riesigen Gewimmel fiel mir auf einmal ein etwa einjähriges Kind auf, das gerade ein paar wackelige Schritte wagte und — plumps! — umfiel. Für mich, eine bereits erprobte Geherin, sah das ganz schön lustig aus. Ich löste mich also von der Mama, rannte darauf los und — plumps! — warf mich auf den Boden.

Mein Schneeanzug hatte mich gut abgepolstert, und mit ansteckendem Gekicher stand ich auf und warf mich wieder und wieder auf den Boden. Meine Mutter schaute mir zu und lachte herzlich mit. Leider sahen es die beistehenden Einkäufer etwas anders: Böse starrten sie die Frau an, die scheinbar ihr eigenes hilfloses Kleinkind auslachte.