Sexueller Missbrauch

Schock-Outing von Starkoch Anton Mosimann: «Das hat mich richtig durchgeschüttelt»

Fürs Verfassen seiner Autobiografie hat der in London tätige Meisterkoch Anton Mosimann (links) den Bubendörfer Willi Näf (rechts) als Co-Autor gewonnen, in der Mitte Mosimanns Ehefrau Kathrin.

Fürs Verfassen seiner Autobiografie hat der in London tätige Meisterkoch Anton Mosimann (links) den Bubendörfer Willi Näf (rechts) als Co-Autor gewonnen, in der Mitte Mosimanns Ehefrau Kathrin.

In seiner Autobiografie enthüllt der Schweizer Gourmet-Koch Anton Mosimann, dass er als 7-jähriger Bub sexuell missbraucht worden ist. Gegenüber dem Bubendörfer Willi Näf hat der Starkoch erstmals sein Schweigen gebrochen.

Willi Näf, wie kam es, dass Starkoch Anton Mosimann Sie als Co-Autor seiner eben erschienenen Autobiografie auserkoren hat?

Willi Näf: Anton Mosimann rief mich an einem Abend im Juni 2015 aus London an. Zuerst wollte ich gar nicht abnehmen, weil ich die lange Nummer auf dem Display sah und dachte, es handle sich um ein Callcenter. Mosimann sagte, ich sei ihm empfohlen worden, was wohl mit meiner Tätigkeit für das Magazin «Salz & Pfeffer» zu tun hatte. Mir ging erst am Schluss des Gesprächs ein Licht auf, dass es sich um DEN Mosimann handelte.

Sagten Sie sofort zu?

Ich sagte spontan zu, dass wir uns treffen und beschnuppern. Ich musste für mich einiges klären: Lässt er kritische Fragen zu? Darf man auch jene Tage abbilden, an denen es regnet? Für ein Projekt, mit dem sich ein 70-jähriger, mehrfach ausgezeichneter Starkoch ein Denkmal hätte setzen wollen, wäre ich nicht zu haben gewesen. Ich habe dann aber anhand der ersten Treffen und einer dreitägigen Einladung nach London gemerkt: Das wird funktionieren. Ich habe erlebt, wie er in seinem Betrieb, dem Belfry, mit den Mitarbeitenden umgeht. Er korrigiert sehr feinfühlig und lässt ihre Kompetenzen zum Tragen kommen. Vor meiner Abreise zeigte er mir seinen Entwurf für das Editorial zum neuen «Pauli», der Bibel für Kochlehrlinge, und fragte mich nach meiner Meinung. Ich schrieb in der Folge eine komplett neue Fassung. Diese übernahm er eins zu eins. Ein schöner Vertrauensbeweis.

Gabs während der Arbeit Tabus?

Man fragt ja nicht nach Dingen aus dem Schlafzimmer. Eine gewisse Diskretion war schon da. Aber Anton Mosimann hat alle Fragen offen und ohne Einschränkungen beantwortet. Ich empfand ihn als freimütig und persönlich. Der Lakmus-Test war sein Misserfolg mit dem Sälischlössli, dem exklusiven Clubrestaurant bei Olten, das er 2003 schliessen musste. Fragen dazu blockte er in den Jahren danach stets ab. Das war gewissermassen der Tolggen in seinem Reinheft. Umso überraschter war ich, dass er eines Tages auf mich zukam und sagte: «Wir werden wohl noch über das Sälischlössli reden müssen.»

Anton Mosimann hat Ihnen vieles anvertraut. Auch, dass er vor 63 Jahren als Bub sexuell missbraucht wurde.

Am Schluss der zweiten Arbeitswoche in London, drei Stunden, bevor ich aufs Flugzeug musste, offenbarte er mir: «Ich sage Dir jetzt etwas, das ich bisher auch meiner Frau nicht verraten habe: Ich bin als Bub missbraucht worden.» Das hat mich regelrecht durchgeschüttelt. Ich werde das Gespräch – die Worte, die Blicke, das Atmen – nie mehr vergessen. Erst seither habe ich eine Ahnung davon, welch tiefe Narben Missbrauch hinterlässt.

Lag ein Bekenntnis dieser Schwere bereits zuvor in der Luft?

Nein. Am Vortag sagte er mir unvermittelt: «Willi, ich möchte morgen eine Viertelstunde mit Dir alleine sprechen.» Ich wusste also, dass etwas im Busch war, dachte aber eher daran, dass er mit meiner Arbeit nicht zufrieden sein könnte. Am Tag selber erschien er mir dann sehr unkonzentriert und aufgewühlt. Als unsere Lektorin ging, war dann der Augenblick für unser Gespräch unter vier Augen gekommen. Ich fragte ihn: «Darf ich das Aufnahmegerät laufen lassen?» Er sagte «Ja.»

Die Medien werden sich auf diese Episode fokussieren. Wie wichtig ist das, was Mosimann als Bub erlebt hat, für die Autobiografie insgesamt?

Ich denke nicht, dass dieses Erlebnis der Schlüssel zum Buch ist. In meinen Augen hat das, so schlimm es auch war, in seinem Leben dann doch eine zuwenig dominante Rolle gespielt. Das loszuwerden, war für ihn gewiss eine Befreiung.

Er hätte dieses Bekenntnis auch weglassen können.

Ja, hätte er. Und ich hätte nichts bemerkt. Ihm war aber selber bewusst, dass eine solche Autobiografie nur glaubwürdig ist, wenn alles drin steht. Er hätte es selber nicht haben können, wenn nennenswerte Begebenheiten in dem Buch nicht erwähnt worden wären. Dass Mosimann dieses Bewusstsein, diese Grösse aufbringt, hätte ich ihm ehrlich gesagt nicht zugetraut. Dafür bewundere ich ihn.

Warum heisst die Autobiografie «Life is a circus»?

«Life is a circus» lautete das Motto eines grossen Geburtstagsfests, das Mosimann im Londoner Naturhistorischen Museum feierte. «Life is a circus» signalisiert ein lebhaftes, vielfältiges Buch. Es erzählt in Häppchen aus Mosimanns Leben. Dazu passt dieser Titel gut.

Mosimann ist heute der bekannteste Schweizer Koch im Ausland, er wuchs aber in einfachen Verhältnissen auf. Haben ihn Star-Status und das Leben unter Schönen und Reichen verändert?

Nicht stark. Er war bereits als junger Mann bescheiden und stolz zugleich. Eine seltene Kombination. Seine Erlebnisse mit den Promis erzählt er natürlich gern. Eine Spur Narzissmus ist nötig, sonst kommt man nicht so weit wie er. Zugleich wirkt Mosimann sehr dankbar. Ich durfte in seinem umfangreichen Archiv stöbern und Briefe lesen. Vieles von dem klingt nicht nach «Glanz & Gloria», sondern nach einem grundanständigen Mann mit Rückgrat.

Was haben Sie von Anton Mosimann in den letzten zwei Jahren gelernt?

Dass man sich von jedem Menschen überraschen lassen soll, dass man vorurteilsfrei auf die Menschen zugeht. Auch, dass man sich nicht zu scheuen braucht, eigene Qualitäten selbstbewusst zu zeigen. Beeindruckt bin ich auch davon, welchen Vertrauensvorschuss Mosimann den Menschen entgegenbringt. Vertrauensvorschuss zu geben öffnet das Gegenüber. Eine Erkenntnis, die sich bei mir durch die Treffen mit ihm eindrücklich bestätigt hat.

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