Lis Frey
«Schätzele und müntschele ging nicht öffentlich»

Lis Frey aus Lupfig erzählt ihre ganz persönliche Liebesgeschichte bei TV-Star Kurt Aeschbacher – auf den Spuren eines romantischen Sommerflirts im Jahr 1954.

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Aargauer Zeitung

Erik Schwickardi

Vor 55 Jahren war Lis Frey KV-Stiftin im Emmental und verliebte sich in den attraktiven Malergesellen Jürgen. Doch die Liebe musste geheim bleiben - Jürgen war Deutscher. Ein Zufall brachte Lis Frey auf die Spuren ihrer verflossenen Sommerliebe - nach 55 Jahren traf sie ihren Schatz in Kopenhagen.

«Du schuldest mir noch einen Kuss», so hiess ein Schlager in den 50er-Jahren. «Jürgen pfiff ihn immer vor dem Fenster, wenn er heimlich ein ‹Bsüechli› bei mir machte», erzählt Lis Frey (74). «Und wenn ich die Augen schliesse, denke ich, das sei erst gestern gewesen.»

Doch die Liebes-Romanze im Weiler Mauer bei Sumiswald liegt genau 55 Jahre zurück. «Einen Sommer lang verspürten wir Schmetterlinge im Bauch, hielten auf langen Spaziergängen Händchen und schmusten hinter dem Gebüsch», erzählt Lis Frey. «Und auch als ich eines Nachts mit dem Velo zum ‹Bären› fuhr, wo Jürgen in einem Zimmerchen logierte, und die Feuerleiter hinauf zu seinem Fenster stieg, passierte nichts, was nicht hätte sein dürfen. Alles war rein platonisch - an Sex dachten wir gar nicht. Man ging damals nicht nach drei Wochen miteinander ins Bett», schildert Lis Frey. «Nicht mal auf der Strasse gschätzelet und gmüntschelet wie heute auf jedem Schulhausplatz hat man damals», erzählt sie.

«‹Du schuldest mir noch einen Kuss von neulich, und zwar den Abschiedskuss vor meiner Tür› singt si lislig vor sich häre, wo si die paar Schritt vom Fäischter wäg i d'Stube geit. Jo, Jürgen Röschmann, du bisch mer das Müntschi schuedig blibe. U jetz? U jetz? Jetz isch es z'spät.» Nach ihrer Pensionierung als langjährige Redaktorin beim Badener Tagblatt und bei der Aargauer Zeitung begann Lis Frey berndeutsche Mundart-Erzählungen (zum Beispiel «Ds glismete Bikini» oder «Es Göfferli vou Steine») zu schreiben. An lokalen Kulturevents und in Altersheimen ist sie eine begehrte Erzählerin.

Daneben verbindet Lis Frey Literatur mit behäbiger Berner Kochkunst und veranstaltet die beliebten Kochkurse «Hackbraten & Gotthelf». Eine ihrer Geschichten aus dem Bärnbiet trägt den Titel «Du schuldest mir noch einen Kuss...», getextet für einen Literaturanlass in Villigen. Die Handlung: Lis Freys persönliche Liebesromanze von damals. Als TV-Moderator Kurt Aeschbacher in seiner Sendung einen Aufruf für spannende Liebesgeschichten machte, schickte Frey ihre autobiographische Lovestory spontan ein.

Einmal Kontakt in 55 Jahren

Ein paar Monate später meldete sich Redaktor Dani Meister vom Schweizer Fernsehen. «Bei Kaffee und Kuchen bei mir zu Hause wurde ich für die Sendung ‹gecastet›, ohne dass ich es merkte.» Später meldete sich der SF-Mann wieder: «Aeschbi» wolle ihre Story, und ihr Schwarm mache mit bei einem Wiedersehen vor der TV-Kamera. Lis Frey war platt. Nur einmal in 55 Jahren hatte sie kurz Briefkontakt zu ihrem Jürgen, damals lebte er als Architekt in Dänemark.

Küsschen von «Aeschbi»

Plötzlich ging alles ganz schnell: «Aeschbis» TV-Crew filmte an den Original-Schauplätzen beim Elternhaus von Lis Frey. Kurz vor Ostern traf sie Star-Moderator Kurt Aeschbacher in Sumiswald - im grossen Saal vom Gasthof Kreuz fand das Interview statt. «Aeschbi ist sehr liebenswürdig. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch - wohl, weil wir beide Berner sind», lächelt Lis Frey. «Zum Abschied am Bahnhof gabs sogar Küsschen von ‹Aeschbi›». Beeindruckt zeigte sie sich von der Professionalität der TV-Equipe: «Alle arbeiteten Hand in Hand, es herrschte eine tolle Atmosphäre.»

Nach der Scheidung von ihrem Mann hatte sich Lis Frey geschworen: «Fortan meistere ich mein Leben ohne Mann!» Doch ihren Jugendschatz Jürgen Röschmann wollte sie unbedingt wieder treffen. Das Schweizer Fernsehen hatte alles arrangiert: Lis Frey flog nach Kopenhagen. «Ich hatte doch keine Ahnung, wie Jürgen heute aussieht», schildert die quirlige Mundart-Dichterin. Und alte Fotos hatte sie auch nicht mehr: «Mein Ex war sehr eifersüchtig. Ich musste alle Fotos aus dem Album reissen und vernichten», sagt Lis Frey.

Im Kopenhagener «Bernstorff Park» trat Jugendliebe Jürgen Röschmann hinter der «Schwedischen Villa» hervor - die Fernseh-Kamera filmte das Wiedersehen. «Wir umarmten uns herzlich, geküsst wurde natürlich nur auf die Wangen.» Jürgen ist verheiratet, hat eine Tochter und war bis zur Pensionierung Architekt in einem renommierten Kopenhagener Büro. So wurde der geschuldete Kuss nach 55 Jahren doch noch eingelöst. Zusammen besichtigten sie die dänische Hauptstadt und entdeckten viele Gemeinsamkeiten.

Doch Lis Frey hadert nicht mit dem Schicksal. «Was wäre gewesen, wenn? Wir wollten darüber nicht nachsinnen und fanden: Es ist gut so, wie es ist.» Als unabhängige Frau ist sie sich bewusst: «Man kann das Rad der Zeit nie zurückdrehen. Aber es war schön zurückzudenken. An den wunderschönen Sommer 1954, an eine zärtliche, in jugendlichem Übermut unbeschwert gelebte Liebe.»