Schon im Vorfeld hatten sich Verteidigung und Staatsanwaltschaft auf eine Vertagung geeinigt. Der 26-jährige Angeklagte, der sich in den vergangenen Wochen nach Angaben seines Onkels einen Bart hatte stehen lassen, betrat schweigend und glatt rasiert im dunklen Anzug den überfüllten Gerichtssaal. Viele Familienangehörige und Freunde von Pistorius sowie zahlreiche Medienvertreter waren zugegen.

Es war der erste Gerichtstermin seit Februar, als ein Richter Pistorius gegen Kaution freiliess. Der behinderte Profisportler hatte am 14. Februar seine Freundin Reeva Steenkamp erschossen. Er sagt, er habe versehentlich auf die 29-Jährige geschossen, weil er hinter einer verschlossenen Tür einen Einbrecher vermutete.

Prozessauftakt am Geburtstag der toten Freundin

Der Prozess gegen den des Mordes angeklagten Prothesensprinter Oscar Pistorius beginnt am 19. August. An dem Tag wäre seine mutmasslich von ihm erschossene Freundin Reeva Steenkamp 30 Jahre alt geworden. Den Termin legte das Gericht am Dienstag in Anwesenheit des 26-jährigen Pistorius in Johannesburg fest. «Yes Sir» antwortete Pistorius am Ende der Anhörung auf die Frage des Richters, ob er alles verstanden habe.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Paralympics-Sieger vor, Reeva Steenkamp am Valentinstag dieses Jahres vorsätzlich ermordet zu haben. Laut Pistorius, der gegen eine Kaution von umgerechnet 80.000 Euro freigelassen worden war und weiterhin frei bleiben wird, ist der Tod seiner Freundin allerdings ein tragischer Unfall gewesen.

Wird der Südafrikaner wegen Mordes verurteilt, droht ihm eine lebenslängliche Haftstrafe. Kommt das Gericht zu dem Schluss, die Schüsse auf Steenkamp seien grob fahrlässig gewesen, müsste Pistorius bis zu 15 Jahre hinter Gitter.

Detailreicher Alltag

Über den Alltag von Oscar Pistorius wurden zuletzt viele Details bekannt. Der wegen Mordes angeklagte Sportler folge einem strengen Tagesablauf, berichtete seine Tante Lois Pistorius in einem Gespräch mit dem Fernseh-Sender «CNN». Er stehe um 3 Uhr morgens auf, lese viel in der Bibel und gehe um 20.30 Uhr ins Bett, sagte die Verwandte.

Nur für die sonntäglichen Kirchenbesuche verlasse der ohne Wadenknochen geborene «Blade Runner» das Grundstück. Deshalb habe die Familie Fitnessgeräte in das Haus liefern lassen. Dort trainiere der Südafrikaner täglich. Gut geht es ihm dabei aber nicht.

Nach den Worten seines Managers Peet van Zyl ist der Paralympics-Athlet in kritischer psychischer Verfassung. «Oscar schläft schlecht. Er isst schlecht. Es gibt Tage, da geht es ihm einigermassen okay. An anderen Tagen ist es furchtbar. Morgens und abends vor allem. Wenn ich mit ihm rede, hört er zwar irgendwie zu, aber ich dringe nicht zu ihm vor. Er ist nicht da. Er weint oft», sagte van Zyl dem Spiegel.de.

Der Mangel an erhellenden Informationen

Mehr als dreieinhalb Monate sind seit den tödlichen Schüssen auf das südafrikanische Model Reeva Steenkamp, mit dem Pistorius liiert war, vergangen. Die Nachfrage nach Informationen jeglicher Art über den von der Zeitschrift «Vanity Fair» mit zweifelhaftem Sarkasmus als «Shooting Star» bezeichneten Pistorius ist gewaltig, und so wurde inzwischen selbst die Information, dass er sich einen Bart wachsen liess, weltweit verbreitet.

In der Tat offenbaren Fotos neueren Datums von Pistorius einen anderen Mann. Das Haupt kurzgeschoren, den Blick verdüstert, den Körper in Büsserhaltung gemahnt nichts mehr an den Mann, der seinen Körper täglich zu Höchstleistungen peitschte, sich in der Werbung als Übermensch präsentierte und sich den 1. Korinther 9 Vers 26+27 als Leit- und Lebensmotiv auf den linken Arm tätowieren liess. «Ich laufe nicht ins Blaue hinein», steht dort geschrieben. Und: «Ich zerschlage meinen Leib und mache ihn mir untertan.»

Kautions-Bedingungen

Neue Erkenntnisse zu dem Verbrechen gab es nach dem Ende der Kautionsanhörung im Februar dagegen kaum. Dort hatte Pistorius eine tragische Verwechslung des Models mit einem Einbrecher zu Protokoll gegeben, er wird voraussichtlich auf fahrlässige Tötung plädieren.

Der Mangel an erhellenden Informationen wird sich wohl auch bei der Anhörung im Magistratsgericht von Pretoria belegen. Die Beweisaufnahme wird nicht vor August abgeschlossen sein. Der Termin könnte deshalb nur wenige Minuten dauern, Verteidigung und Staatsanwaltschaft sind sich einig, zu vertagen.

Hinweise erhofft sich die Staatsanwaltschaft von den 27 benannten Zeugen, unter ihnen ist eine Ex-Freundin von Pistorius, ein Ex-Freund von Steenkamp sowie der Rugby-Star Francois Hougaard. Sie sollen erhellen, ob Eifersucht ein mögliches Motiv für einen Mord gewesen sein könnte. Die Gerüchte anheizen dürfte zudem ein im britischen Fernseh-Sender «Channel 5» ausgestrahlten Interview mit Steenkamps Mutter. June Steenkamp sagte, Reeva hätte wiederholt von Streitereien mit Pistorius berichtet.

Auch Fotos vom Tatort gibt es mittlerweile. Blutlachen im Bad, Einschusslöcher in der Toilettentür. Diese Tür und ihre Einschusslöcher spielt in der Anklageschrift eine grosse Rolle. Pistorius sagte, er sei ohne seine Prothesen ins Bad gelangt, wo er einen Einbrecher vermutet habe. Geschossen habe er aus niedriger Höhe. Die Staatsanwaltschaft versucht das Gegenteil zu beweisen. (sda/dpa/cls)