Gesellschaft
Partnervermittlungen für Senioren boomen

Frühlingsgefühle im Herbst des Lebens: Die Babyboomer kommen ins Rentenalter. Sie legen ihre Auffassung von Sexualität und Freiheit in der Partnerwahl nicht einfach ab. Vor allem Frauen gehen vermehrt aktiv auf Partnersuche.

Silvia Schaub
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Das Liebesglück ist auch im Alter eine Realität: «Das gibt auch Lebenssinn», sagt Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello. Shutterstock

Das Liebesglück ist auch im Alter eine Realität: «Das gibt auch Lebenssinn», sagt Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello. Shutterstock

Mit verträumtem Blick sitzt Sonja* in ihrem Wohnzimmer in einer Agglomerationsgemeinde. Gerade ist die 66-Jährige von einer Reise auf die Malediven mit ihrem neuen Partner Kuno nach Hause gekommen. «Manchmal kann ich mein Glück noch gar nicht fassen», meint sie strahlend.

Mit dem 71-jährigen, pensionierten Baumeister hat sie endlich jemanden gefunden, mit dem sie sich austauschen und Intimität leben kann. «Er trägt mich auf Händen.» 20 Jahre lebte die Kauffrau alleine.

Nach diversen kurzen Bekanntschaften wollte sie vor zwei Jahren das Liebesglück nicht mehr dem Zufall überlassen und meldete sich bei einer Online-Partnervermittlung an. «Klar hätte ich lieber einen Mann irgendwo sonst kennen gelernt statt sozusagen ab Katalog im Internet», sagt sie.

Auch die 72-jährige Rosalie* ist auf der Suche nach einem Partner. «Lange war für mich klar, dass ich nach dem Tod meines Mannes allein bleibe», erzählt die ehemalige Lehrerin. Inzwischen ist eine neue Partnerschaft kein Tabu mehr. Auch weil ihre Kinder im Ausland leben und allmählich enge Freunde wegsterben.

Neue Liebe bis ins hohe Alter

Der grosse, herrliche Irrsinn der Liebe hört also auch mit zunehmendem Alter nicht auf. Partnervermittlungen registrieren in der Schweiz die meisten Neuanmeldungen bei den Senioren. Zur Bestätigung genügt ein Blick auf die Kontaktanzeigen in den Tageszeitungen.

Chimli (65) schreibt: «Gehöre noch nicht zum alten, rostigen Eisen und habe ab und zu das Bedürfnis nach echter Nähe.» Sie (75) sucht ehrlichen Rentner, um den 3. Lebensabschnitt gemeinsam zu geniessen. CH-Mann (71) wünscht sich eine liebevolle Beziehung.

«Liebe und geliebt zu werden ist ein lebenslanges Bedürfnis», weiss Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello. «Lieben und sich verlieben bis ins hohe Alter, ist eine Realität. Das gibt auch Lebenssinn.»

Diese Suche nach dem Lebenssinn war freilich bei den Männern schon immer da. Witwer oder männliche Singles bleiben verhältnismässig kurze Zeit alleine. Sie suchen nach einer abgeschlossenen Partnerschaft oft sofort wieder eine neue Partnerin.

Emotional abhängig

«Das hat nicht etwa damit zu tun, dass Männer den Haushalt nicht alleine bewältigen könnten, sondern es ist vielmehr die emotionale Abhängigkeit», weiss Perrig-Chiello, die sich als Entwicklungspsychologin an der Uni Bern seit Jahren mit dem Thema der zweiten Lebenshälfte beschäftigt.

Die Zahlen dazu sind eindeutig: Schon ab 50 Jahren nimmt der Anteil der allein lebenden Frauen im Vergleich zu den Männern enorm zu. Im Jahr 2010 lebten im Alter zwischen 65 und 69 Jahren mehr als 80 Prozent der Männer, aber nur gut 65 Prozent der Frauen in einer Paarbeziehung. Bei den 85- bis 89-Jährigen sind es 62 Prozent Männer und nur 18 Prozent der Frauen.

Das hat nicht allein mit der längeren Lebenserwartung der Frauen zu tun. Lange war es für sie schlicht unüblich, sich im Alter wieder mit einem Partner zusammenzutun. Nun aber schälen sich die Frauen selbstbewusst aus diesem Korsett und gehen aktiv auf Partnersuche.

Das hat laut Perrig-Chiello verschiedene Gründe: «Die bessere Ausbildung und Verankerung in der Gesellschaft, die berufliche und politische Einbindung und vor allem das Selbstbewusstsein, die eigenen Bedürfnisse anzumelden.»

Nun kommen die Babyboomer ins Rentenalter. Sie legen ihre Auffassung von Sexualität und Freiheit in der Partnerwahl nicht einfach ab, nur weil sie älter werden. Das bestätigt auch Parship-Psychologin Barbara Beckenbauer: «Die neue Generation 60plus ist offener, flexibler, emanzipierter in jeder Hinsicht und hat auch keine Angst vor dem Internet.»

«Letzte Woche traf ich gleich zwei Kandidaten», erzählt Rosalie aufgeregt. Der eine habe ihr ganz gut gefallen, ihn werde sie schon morgen wieder treffen. Der andere sei schon über 75 und pflegebedürftig. «Das möchte ich nicht nochmals», sagt sie. Schliesslich hat sie ihren krebskranken Mann während Jahren gepflegt.

Nicht zwingend unter einem Dach

Trotz ihres Alters sind für Rosalie statistisch die Chancen noch intakt, ein neues Glück zu finden, wenn auch die Männer in der Regel die grössere Auswahl haben. Das entspricht auch den Erfahrungen des deutschen Soziologieprofessors Stefan Hradil: «Die Zeiten sind vorbei, als Frauen jenseits der 65 oder 70 automatisch aus dem Partnermarkt ausgeschieden sind.»

Eine im letzten Jahr veröffentlichte Parship-Studie zeigt, dass beim Online-Portal bereits ein Viertel der Mitglieder fünfzig Jahre und älter sind. Sie verzeichnen die gleiche Erfolgsquote wie die jüngere Generation, nämlich 38 Prozent. Meist sind diese Partnerschaften viel stabiler.

«Wenn man den Beziehungsballast zwischen 20 und 50 hinter sich hat, geht man ganz anders in eine neue Beziehung», weiss Parship-Psychologin Beckenbauer. Die Pensionierung sei eine Zäsur: «Durch den Beruf war das Leben strukturiert, nun organisiert man sich neu, den Lebensalltag und auch seine Beziehungen», betont Entwicklungspsychologin Perrig-Chiello.

Allerdings heisst für die Frauen eine neue Partnerschaft nicht gleichzeitig, dass man auch unter einem Dach leben soll. Für Sonja ist das im Moment kein Thema. «Wir haben beide unsere Freundeskreise und Aufgaben. Vielleicht wird das später mal ein Thema.» Für Rosalie ist «living apart together» klar die Bedingung. «Ich geniesse meine Unabhängigkeit und möchte nicht mehr die Hausfrau und Zudienerin spielen.»

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