Mister Schweiz
Mister Schweiz Jan Bühlmann: Kein Mann für alle Fälle

Jan Bühlmann tritt ab, er war der eigensinnigste Mister. Wo Jan drauf stand, war auch Jan drin. Der abtretende Mister Schweiz überzeugte nicht nur durch Optik und Ausstrahlung, er genügte auch den Ansprüchen an einen minimalsten Intellekt.

Claudia Landolt
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Noch immer dominieren im Geschäft der Krönchenbranche zwar die weiblichen Beautycontests. Ob Disco, Einkaufszentrum oder Schwimmbad – mit Titel wie Miss-Wet-T-Shirt, Miss Kontoführungsgebühr, Miss Internet oder so, versucht nahezu jeder Betrieb Publikum – männliches, natürliches – anzulocken (was übrigens immer schwieriger wird).

Umgekehrt strömen die Frauen scharenweise zu jenen Veranstaltungen, in denen ein Mann zum schönsten seiner Artgenossen gekrönt wird. Und es werden jährlich mehr, denn fern jeglichen feministischen Grundgedankens darf der Wettbewerb da noch sein, was er sein muss: eine reine Fleischbeschau.

Genau deshalb war der heute Samstag zurücktretende Mister Schweiz Jan Bühlmann eine wohltuende Überraschung: Er überzeugte durch Optik, Ausstrahlung und genügte den Ansprüchen an einen minimalsten Intellekt. Er war so etwas wie das Gegenteil des reinen Etiketts.

Anders gesagt: Wo Jan drauf stand, war auch Jan drin. Und in Zeiten der Demokratisierung männlicher und weiblicher Schönheit vermag das so etwas wie der Anflug eines Gemischs von Gänsehaut und Herzrasen zu erzeugen.

Keine Lust auf die Provinz

Dem Leiden da schon näher war Bühlmanns Vorgänger André Reithebuch, ein einwandfrei illetristischer Zimmermann aus dem Glarnerland, der in der Schule lieber aus dem Fenster sah.

Irgendwie nicht verwunderlich, dass jemand André, der in einer Fragestunde ernsthaft versicherte, Frauen könnten nur an Vollmond schwanger werden und Mutterkuchen gäbe es zum Muttertag, satte 450 000 Franken in seinem Amtsjahr verbuchen durfte. Jan Bühlmann kassierte rund 100 000 harte Franken weniger.

Offensichtlich wollte sich der Luzerner mit Musikmatura und Gesangsausbildung nicht für jeden Auftrag hergeben in irgendeiner Provinzbude. Auch als Glücksfee am Zürcher Opernball – Örtlichkeit anorektischer Milliardärsgattinnen und gut gepolsterter Alt-Bankiers – entpuppte er sich als gänzlich untauglich.

Plattenvertrag platzen lassen

Überhaupt lag ihm nicht nur seine Individualität und sein Rollbrett, sondern auch seine Freundin inniger am Herz als sein Amt für ein Jahr. Telefonanrufe von Journalisten beantwortete er höchst ungern, und selbst einen Plattenvertrag liess er platzen – etwas, wofür andere an seiner statt wohl glatt getötet hätten.

Man habe nicht die gleichen Visionen im Zusammenhang mit einer musikalischen Karriere, lautete die Begründung der Plattenfirma. Was so viel heisst wie: Bühlmann hatte genug von peinlichen Auftritten im geografischen Nirgendwo und keimfreier Fotos im Schaumbad.

Das ist etwa so, als ob man sich weigerte, für die von taiwanesischen Kindersklavenhänden zusammengehefteten Kleiderkarikaturen morgens um sechs Uhr im Novembernebel anzustehen, bloss weil ein gewisser Herr Lagerfeld sie angeblich entworfen haben soll. Und diese Haltung finden wir ausgesprochen gut.