Christian Dorer, Jessica Pfister

Wohl selten war in der Redaktion die Aufregung so gross wie vor dem Besuch des schönsten Schweizers. Die Frauen machten sich hübsch, die Männer rissen blöde Witze. Als Jan Bühlmann dann locker in Jeans und Karohemd durch das Multimedia-Center lief, waren plötzlich alle still.

Wie hat sich Ihr Leben in der letzten Woche verändert?
Jan Bühlmann: Es ist viel hektischer geworden, ich springe von einem Medientermin zum nächsten. Und ich habe kaum geschlafen, nur drei bis sechs Stunden pro Nacht.

Warum wollen immer mehr junge Männer und Frauen Mister oder Miss Schweiz werden?
Bühlmann: Wenn ich von meinen 15 Mitkandidaten ausgehe, waren es vor allem zwei Gründe: Das Sprungbrett ins Showbusiness oder finanzielle Unterstützung für die Zukunft.

Was war es bei Ihnen?
Bühlmann: Mein Traum ist es, auf der Theaterbühne zu stehen. Und da kann es nur von Vorteil sein, wenn man den Umgang mit Medien und der Öffentlichkeit gewohnt ist.

Sie sind nicht der erste Mister, der mit der Schauspielerei liebäugelt - viele sind gescheitert, auch Missen.
Bühlmann: Klar, es ist ein Klischee und einige werden sagen: Jetzt will der auch noch Schauspieler werden. Im Gegensatz zu vielen Missen, die wohl nur auf eine Schauspielschule gingen, weil sie nach dem Amtsjahr dachten, sie seien berühmt, träumte ich schon als kleiner Junge von der Schauspielerei und stehe nun seit zehn Jahren auf der Bühne. Deshalb kommt für mich eine Schule wie Lee Strasberg in New York auch nicht infrage.

Wo zieht es Sie hin?
Bühlmann: Ich möchte an eine Shakespeare-Schule in Grossbritannien. Im Gegensatz zu der Lee-Strasberg-Schule, wo es jeder schafft, der genug Geld hat, bestehen dort nur etwa zwanzig Leute pro Jahr die Aufnahme.

Und wieso Grossbritannien?
Bühlmann: Ich habe mit meiner Ex-Freundin Englisch gesprochen und die Sprache hat mich immer mehr begeistert. Ich habe das Diplom für Fortgeschrittene in der Tasche. Zudem hat das Bühnentheater seinen Ursprung in England.

Sie haben es vom Realschüler zur Matura geschafft: Wie kam das?
Bühlmann: Ich war faul und unmotiviert. Nach drei Jahren Realschule konnten wir in verschiedene Berufe reinschnuppern - doch nichts hat mir zugesagt. Das war der Wendepunkt und ich wusste, jetzt muss etwas geschehen. Ich war ein vernarrter Gamer, also stellte ich den Computer aus dem Zimmer und begann zu lernen.

Kein Druck von den Eltern?
Bühlmann: Meine Eltern haben mich gepusht seit der Primarschule. Ich nahm es aber auf die leichte Schulter, dachte, es komme schon gut. Ich bin sicher, so ergeht es vielen Jugendlichen. Meine jüngste Schwester ist heute ähnlich, wie ich damals war. Wichtig ist, dass man selber merkt, was einen zurückhält, was einen faul macht.

Und heute sitzen Sie nicht mehr vor dem Computer?
Bühlmann: Ab und zu spiele ich Playstation bei Freunden, aber auf meinem Computer habe ich kein einziges Spiel mehr.

Wenn wir schon bei den Lastern sind - kiffen Sie noch?
Bühlmann: Nein, aber es scheint mir nicht verwerflich, dass ich das Kiffen mal ausprobiert habe.

Alkohol?
Bühlmann: Ich trinke sehr gern ein Glas Wein oder mit Freunden ein Bier. Die schlimme Phase, in der man oft mal zu tief ins Glas schaut, habe ich längst hinter mir.

Finden Sie sich selber eigentlich schön?
Bühlmann: Ich habe mich nie als speziell schön empfunden. Komplimente für mein Aussehen machten mir nur meine Eltern. Meine Mutter war es dann auch, die mich vor zwei Jahren für die Wahlen angemeldet hat - worauf ich mich gleich wieder abgemeldet habe. Sie hat es dann trotzdem nochmals versucht und ich habe mir gedacht, wieso nicht, eine Lebenserfahrung mehr.

Als Mister dreht sich viel um Ihr Äusseres: Sie posieren halb nackt im Bett oder im Schaumbad. Ist Ihnen wohl dabei?
Bühlmann: Ich hatte ja immer noch die Unterhosen an (lacht). Hüllenlos wird man mich nie sehen.

Auch nicht auf der Bühne?
Bühlmann: Das ist etwas völlig anderes. Dort kann es schon vorkommen, da ich eine Rolle spiele, nicht mich selbst.

Wie haben Ihre Freunde auf die Kandidatur reagiert?
Bühlmann: Ich musste viele blöde Sprüche einstecken. Alle haben das Vorurteil, dass Miss- oder Misterwahlen nur was für Dumme sind. Ich habe jetzt aber gesehen, dass dies nicht zutrifft. Unter den anderen Kandidaten waren viele Studenten, und überhaupt tolle Menschen mit Intellekt. Ich hätte das selbst auch nie gedacht.

Bei der Show kommt die Persönlichkeit kaum zur Geltung. Ihr durftet nur zwei Fragen beantworten, sonst zählte nur das Äussere.
Bühlmann: Ja, und was für Fragen! Was möchtest Du für ein Tier sein - das sagt doch nichts aus. Immerhin führte die Jury mit jedem Kandidaten am Nachmittag ein zehnminütiges Gespräch.

Was würden Sie ändern?
Bühlmann: Ich wünschte mir etwas mehr Tiefgang, die Zuschauer sollten mehr über die Kandidaten erfahren.

Sie sind mit 22 Jahren einer der jüngsten Mister Schweiz und vertreten damit die junge Generation. Wo sehen Sie die grössten Probleme in unserem Land?
Bühlmann: In der Diversität der Jugendlichen. Als Realschüler war ich einer von drei Schweizern in der Klasse - wir waren 24 Schüler. Zum einen gab es viele Vorurteile, zum anderen war da immer dieser Konkurrenzkampf zwischen Schweizern und Secondos.

Haben wir in der Schweiz zu viele Ausländer?
Bühlmann: Klar gibt es viele Ausländer und Secondos, sie sind aber auch wichtig für unser Land. Für mich ist ein «Papierschweizer» genauso viel wert wie ein Eidgenosse. Ich habe zum Beispiel einen Freund, der türkische Eltern hat. Er bringt andere Einflüsse, eine andere Kultur in unseren Freundeskreis. Ich empfinde das als Bereicherung.

Kennen Sie die Bundesräte?
Bühlmann: Klar.

Herr Burkhalter haben Sie in einer TV-Sendung aber nicht erkannt.
Bühlmann: Er ist auch erst seit November im Amt und ich habe sein Foto zuvor erst einmal gesehen.

Mit Burkhalter haben wir schon einen Bundesrat - und weiter?
Bühlmann: Nicht schon wieder ein Test, das muss nicht sein. Wobei, jetzt klingt es, als ob ich es nicht wüsste. (Er zählt alle weiteren Bundesräte auf, ohne Fehler.)

Bravo!
Bühlmann: Immer diese Vorurteile! (Lacht.)

Welches Buch lesen Sie gerade?
Bühlmann: Es liegen viele Bücher auf meinem Nachttisch. Zum Beispiel die Biografie von Egon Karter, einem jüdischen Schauspieler, der während des Zweiten Weltkriegs gelebt hat. Oder das Theaterstück «Medea».

Woher kommt die Faszination für das Theater?
Bühlmann: Beim Theaterspielen lerne ich sehr viel über mich selbst und über die Person, die ich spiele. Und natürlich ist es ein einmaliges Gefühl, die Zuschauer mitzureissen.

Momentan reissen Sie vor allem die Frauen mit ...
Bühlmann: Ich bekomme tatsächlich viele Liebesbriefe. Das schmeichelt natürlich. Ich werde wohl kaum alle beantworten können.

Weshalb sind Sie Single?
Bühlmann: Weil die Fernbeziehung zu meiner skandinavischen Freundin an der Distanz gescheitert ist.

Und jetzt suchen Sie eine Neue?
Bühlmann: Nein, ich bin noch in der Verdauungsarbeit der letzten Beziehung.

Und wie sieht es in Zukunft aus?
Bühlmann: Freunde und Familie sind das Wichtigste in meinem Leben. Ich möchte einmal fünf Kinder haben. Wenn ich wählen könnte, sässe ich lieber mit einer grossen Familie in einer kleinen Wohnung und wäre glücklich als mit viel Geld in einem grossen Haus und wäre allein.

Wie merken Sie, ob nun eine Frau an Ihnen oder nur am Mann mit dem Mister-Titel interessiert ist?
Bühlmann: Das wird sicher schwierig. Schon jetzt melden sich flüchtige Bekannte bei mir, die sich zuvor nicht für mich interessierten. Nur, weil sie auch ein Stück vom Kuchen haben wollen. Das enttäuscht mich.

Sie stehen im Fokus der Öffentlichkeit. Keine Angst, in einer unvorteilhaften Situation erwischt zu werden?
Bühlmann: Ich habe mich an der Wahl nicht verstellt, also muss ich das auch jetzt nicht tun. Ich gebe mir sicher Mühe, ein guter Mister Schweiz zu sein.

Sie wurden an der Wahl zum Thema Wahrheit befragt und haben geantwortet, dass ab und zu eine Notlüge okay sei. Zu welcher haben Sie in diesem Interview gegriffen?
Bühlmann: Zu keiner, ehrlich! (Lacht.)