Roger Schawinski (72) tritt im Fernsehen oft aufbrausend auf. Im Gespräch in seinem Büro hingegen lässt er sich nicht aus der Fassung bringen. Sogar auf Provokationen reagiert er ruhig.

Herr Schawinski, Sie befassten sich ein Jahr lang mit Verschwörungstheorien und Daniele Ganser. Haben Sie Gemeinsamkeiten zwischen sich und Ganser entdeckt?

Roger Schawinski: Ich habe nur eine Gemeinsamkeit gefunden: Wir fahren beide einen Tesla. Darauf machte er mich aufmerksam, als ich ihn am Rand der Fernsehsendung «Arena» traf. Wir interessieren uns damit beide für Umweltthemen.

Sie sind zudem beide stolz auf Ihre Doktortitel.

Im Gegensatz zu Herrn Ganser benütze ich meinen Doktortitel nicht. Ich habe sogar einen Ehrendoktortitel der Uni Freiburg. Aber auch den erwähne ich nie.

Höchstens im Klappentext für Ihr neues Buch.

Dort steht wie üblich bei Büchern mein CV. Das hat der Verlag gemacht. Ganser aber tritt immer als «Doktor Ganser» auf. Er erwähnte seine Doktorarbeit sogar in der «Arena» und provozierte den Moderator mit der Frage: «Worüber ist Ihre Doktorarbeit?»

Eine weitere Gemeinsamkeit: Sie haben eine narzisstische Neigung.

Jeder ist bis zu einem gewissen Grad narzisstisch. Narzissmus ist ein Kontinuum von gesundem Narzissmus bis zu einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Wo würden Sie sich persönlich und Herrn Ganser verorten?

Ich denke, er hat keine narzisstische Persönlichkeitsstörung wie etwa Donald Trump. Das Entscheidende ist bei ihm nicht sein Narzissmus, sondern sein Fanatismus.

Wieso fasziniert Sie dieser Fanatismus?

Der fasziniert mich nicht, sondern erschreckt mich. Nach der famosen «Arena»-Sendung stellte ich fest, wie stark die Aggression in Gansers Community gegenüber Kritikern ist und wie riesig diese Szene ist. Ich begann deshalb zu recherchieren und war schockiert, was sich dort im Untergrund tut.

Was denn?

Ein Teil der Gesellschaft hat sich von einem rationalen Zugang zu Informationen abgekoppelt und schliesst sich in Echokammern ein. Diese Leute sind nicht mehr erreichbar für rationale Argumente und pflegen allein Verschwörungstheorien. Sie haben das Gefühl, es herrsche eine grosse Weltverschwörung, die nur sie erkannt hätten. Alle anderen seien blind. Ihre Anführer versuchen in missionarischer Weise, andere Leute von dieser Weltverschwörung zu überzeugen. Und zusätzlich betreiben sie damit ein lukratives Business. Damit setzen sie teilweise Millionen um.

Verschwörungstheorien stossen aber auch in gebildeten Kreisen auf Interesse.

Ja, es werden nicht nur Leute verführt, die wenig Zugang zu Informationen haben. Sogar gewisse Intellektuelle fahren darauf ab. Das erschreckt mich noch viel mehr.

Woran liegt das?

Offenbar gibt es eine gewisse Sehnsucht, Antworten darauf zu finden, was mit einem selber passiert. Wenn man seine eigenen Ziele nicht erreicht hat, liefern Verschwörungstheorien eine bequeme Antwort: Man ist nicht selber schuld am eigenen Unglück. Es gibt eine geheime Weltmacht, die dafür verantwortlich ist.

Ganser ist ein Star der Verschwörungsszene. Wie schaffte er das?

Auf eine clevere Art. Er ist eloquent. Er sieht gut aus und wirkt sympathisch. Und er ist fleissig. Er hat eine attraktive Marktlücke entdeckt. Mit seinem akademischen Titel, mit dem er überall hausiert, geniesst er bei vielen Leuten hohe Glaubwürdigkeit. Diese haben immer noch das Gefühl, jemand mit akademischem Titel sei quasi sakrosankt. Das nutzt er professionell und kommerziell aus.

Was treibt Ganser an?

Er hat einen Verfolgungswahn. So vergleicht er sich direkt mit den Geschwistern Hans und Sophie Scholl, die im Dritten Reich Flugblätter gegen Hitler verteilten und deswegen von der Gestapo hingerichtet wurden. Er fühlt sich ebenfalls als Märtyrer, der bereit ist, sein Leben für die eigene Sache zu opfern. Zu diesem Zweck baut er die USA und die Nato zu einem übermächtigen Feind auf. Schon als er bei der Denkfabrik Avenir Suisse arbeitete, sagte er seinen Kollegen, er habe das Gefühl, die CIA sei ihm auf der Spur und werde ihn mit Helikoptern entführen.

Dr. Schawinski diagnostiziert Dr. Gansers Verfolgungswahn. Würde Dr. Schawinski eine Therapie empfehlen?

Also, ich bin Journalist, nicht Psychiater. Ich weiss nicht, ob man das therapieren kann. Ich unterstelle ihm auch nichts. Er weist selber darauf hin. So zitiert er einen Kollegen, dem er offensichtlich zustimmt: «Man kann uns nicht alle töten, weil wir zu viele sind.» Er redet, als wären sie ebenfalls Widerstandskämpfer im Dritten Reich. Er vergleicht sich mit Leuten, die ihr Leben im zivilen Widerstand gegen ein Terror-Regime opferten. Das ist absolut unzulässig. Denn er lebt in der Schweiz, in einer Demokratie und kann überall frei reden und publizieren. Er füllt mit seinen Tiraden Vortragssäle und kassiert dafür viel Geld.

Mit diesem Gefühl trifft er aber einen Nerv der Gesellschaft.

Leute wie er schüren in gewissen Kreisen gezielt das Misstrauen gegen Medien, um unser westliches System zu destabilisieren.

Herr Schawinski, als Vertreter von Mainstream-Medien haben wir ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Ja, denn diese werden zurzeit gezielt desavouiert. Deshalb ist es wichtiger denn je, seriösen Journalismus zu machen. Es ist auch notwendig, dass wir diesen Unsinn denunzieren. Wir müssen aufzeigen, was im Untergrund läuft. Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben und die benutzten Methoden offengelegt. Dies ist notwendig, denn unsere Gesellschaften werden angegriffen von Verschwörungstheoretikern und von Leuten wie Putin, die mit Fake News und Hacker-Angriffen die Demokratien untergraben wollen.

Wie gehen Journalisten mit dem Ganser-Phänomen um?

Viele haben Angst vor ihm, weil sie von seinen Fans nach jedem Artikel persönlich angegriffen werden. Einige meiden das Thema deshalb. Aber ich lasse mich nicht einschüchtern.

Sie machen ein Radio-Programm, eine Talkshow, ein «No Billag»-Buch und nun noch ein Verschwörungsbuch. Weshalb?

Bücher schreibe ich schon lange. Dies ist mein zwölftes. Immer, wenn ich das Gefühl habe, es passiere etwas Wichtiges oder Gefährliches, spüre ich den Drang, es an die Oberfläche zu bringen. Man sagt dem auch Journalismus.

Mit Ihrem Buch werden Sie in einen Shitstorm geraten. Können Sie diesen auch geniessen, weil er eine Form von Aufmerksamkeit ist?

Nein, ich habe da schon einschlägige negative Erfahrung. Man weiss nie, wie weit die Angriffe gehen. Ich hoffe, sie halten sich diesmal in Grenzen.