Ruhm, das ist das Versprechen von Reichtum, Liebe und Sorglosigkeit. Der Traum ist glamourös, die Wirklichkeit mitunter deprimierend. Miss Schweiz, das ist Prinzessin für ein Jahr, Schränke voller Kleider, Schuhe, Kosmetik und andere Gaben bis zum Abwinken. Aber: Wie jede Auszeichnung hat auch das glitzernde Miss Schweiz-Krönchen ihre Schattenseiten. Eine davon ist der gnadenlose Blick durchs Schlüsselloch.

Miss Schweiz Kerstin Cook grüsst die Aargauer

Kerstin Cook grüsst die Aargauer

Fast sechzig Tage ist Kerstin nun im Amt. Was haben wir in dieser Zeit von ihrem Leben erfahren? Jubelschrei und Tischklopfen, ja. Weitere Essenzen aus ihrem Leben: Sie liebt nicht nur ihr Kaninchen, sondern auch Delfine, sie isst gern Fleisch, war Leichtathletin, mag muskulöse Männer mit Waschbrettbauch und ohne Bart, wuchs mausarm auf, half ihrer Mutter beim Putzen, um die Schulden zu tilgen, schmiss das Gymnasium und hat ein befriedigendes Sexleben. Was aber jedem und jeder im Kurzzeitgedächtnis geblieben ist, ist die Aufregung um Kerstins Zweitausbildung. Sie studiere Biologie sagte sie, im Fernstudium, an einer britischen Universität. Der Name Oxford Open University fiel. Ein Internetportal fand dann heraus, dass eine solche Universität gar nicht existiert. Ein paar ungeschickte Antworten, und es kam, was kommen musste: Wem die Medien hochhelfen, den holen sie auch wieder runter. Nötigenfalls bis unter die Grasnarbe.

Übername: Miss Bschiss

Kerstin Cook bekam den Stempel, der mehr als ein schaler Beigeschmack hat: Miss Bschiss. Jede weitere Regung von Kerstin wurde je nach dem als weiteres Indiz für eine mögliche Bischiss-Aktion gehandelt. Zum Beispiel die «BH-Schummelei» beim Fotoshooting für eine Unterwäsche-Firma. Was hatte sie verbrochen? Einen gepolsterten BH angezogen. Oder ein weiterer Test in Sachen Geographie und Klischees. Den Kanton Aargau als «Rucola»-Kanton tituliert? Neue Häme ergoss sich über die 1,80 m grosse Luzernerin. «Das war extrem hart für mich», sagt Kerstin im Interview. «Vor allem für meine Eltern. Sie bekamen Tag und Nacht anonyme Telefonanrufe, wurden beschimpft und konnten aus Sorge nicht mehr schlafen.» Auch ihr Freund Silvan musste sich einiges anhören. Eigentlich sollte Kerstin auch nicht mehr über die Universitätsaffäre sprechen. Auch Quiz irgendwelcher Art sind vorerst Tabu.

Eine Frage bleibt: Warum überhaupt das Fernstudium, wo sie doch im Gymnasium war? Dieses schmiss sie mit 17. «Meine Schwerpunktfächer lagen mir nicht, die Leistungen liessen nach, und ja, ich war ein bisschen faul», gesteht sie. Ihre Eltern befanden, dass von nun an selbst für eine Ausbildung verantwortlich sei. So begann Kerstin als Kleiderverkäuferin zu jobben, trieb daneben weiterhin Sport, spielte Saxofon und modelte ein bisschen. Schliesslich entdeckte sie ihr Berufsziel Physiotherapie. Ihr Onkel erzählte ihr, das ein solches Studium in London möglich sei, auch ohne Bachelor-Abschluss, vorausgesetzt, man hat die nötigen Grundkenntnisse auf Maturaebene. «Und eben diese hole ich nun im Fernstudium nach.» Genauer: Das A-Level in Biologie. Am Oxford College Distance Learning.

«Ich weiss jetzt, was Vorurteile bewirken können»

Wer also genau gelesen hat, sieht, dass weniger eine beabsichtigte Schummelei als vielmehr eine Begriffsverwirrung, was den Titel der Schule angeht, dahinter steckt. «Ich bin keine Lügnerin», sagt sie. «Aber es ist extrem hart, wenn man über eine Person urteilt, ohne sie zu kennen. Ich fühle nun mit allen mit, auf die medial eingedroschen wird.» Kerstin schaut nun nach vorwärts. «Ich will ein gutes Jahr hinlegen, und gut arbeiten.» Eines ihrer Ziele: Ihren Eltern etwas schenken. Ein neues Sofa zum Beispiel, einen neuen Fernseher, oder einfach mal Ferien. Das haben sie ja nie gemacht.» Derzeit fasst sie Fuss im Leben als Miss Schweiz. «Es ist nicht nur ein Schoggi-Jopb. Klar bin ich dankbar und schätze all diese Privilegien. Aber es ist harte Arbeit. Plötzlich eine öffentliche Person zu sein, ist nicht einfach.» Klagen will sie aber nicht: «Ich bin extrem stolz, die Auserwählte zu sein. Fotoshootings und Autogrammstunden sind wirklich schön. Das geniesse ich.» Ihr Management betont den auch, dass «Kerstins Sponsoren von ihrer Natürlichkeit, Zuverlässigkeit und sympathischen Ausstrahlung begeistert sind», erklärt Raffy Locher von der Miss Schweiz-Organisation.

Vor der Schreibenden sitzt keine Frau, die mehr scheinen will, als sie ist (auch das wurde ihr vorgeworfen), und hierfür ihr CV aufpimpt. Einfach eine hübsche, behütete 21jährige, kein Fräuleinwunder, keine eierlegende Wollmilchsau und keine Nobelpreisanwärterin in hübschester Verpackung. «Als Miss Schweiz wird man in ein Haifischbecken», sagt Kerstin. «Zu jung darf man dafür nicht sein. Ich weiss noch nicht mal, ob ich mit 21 Jahren genug reif dazu bin », sagt sie. Nein, (noch) ist es ihr nicht egal, was andere von ihr denken. Der Schutzpanzer, den sich so viele Missen mit der Zeit zulegen, fehlt noch. Noch ist ihr wichtig, wie man von ihr denkt. «Man muss mich nicht gern haben, aber wissen, wer ich bin. Ich bin bodenständig und keine Zimperliese. Ich trage meine Koffer selber. Ich bin sehr ehrgeizig, ein bisschen chaotisch, sympathisch und alles andere als ein schlechter Mensch.»