Solothurn
Keine Nerven für die Oberstufe

Die 20-jährige Melanie Wirth ist Studentin der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz. Sie besucht seit dem Herbstsemester den Studiengang der Vorschul- und Primarunterstufe in Solothurn.

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Melanie Wirth

Melanie Wirth

Solothurner Zeitung

Astrid Bucher

Schon als Kind war Melanie Wirth klar: «Ich möchte mal Lehrerin werden.» Ihre eigene Primarschullehrerin hat die ausgebildete Kauffrau dazu inspiriert: «Dieses Bild meiner Lehrerin, die so kreativ war, begleitet mich noch heute», sagt die 20-Jährige. «Sie hat uns Kinder immer wieder ins Staunen versetzt. Ich bin sehr gerne zur Schule gegangen, jedenfalls in die Unterstufe», erinnert sich Wirth. Das war in Gretzenbach, wo sie aufgewachsen ist und heute noch lebt.

807 angehende Lehrerinnen und Lehrer

An der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz PH FHNW haben sich 807 neue Studierende für eine Ausbildung als Lehrerin/Lehrer oder Kindergärtnerin angemeldet. Nach einem markanten Anstieg im Vorjahr, bewegen sich die Anmeldezahlen damit auf ähnlich hohem Niveau. Darin eingerechnet sind 97 Studierende, die als bereits ausgebildete Lehrperson ein Erweiterungsstudium absolvieren, sowie 38 Studierende im neuen Master-Studiengang «Educational Sciences». Mit exakt 200 neuen Studierenden auf der Sekundarstufe II (im Vergleich zum Vorjahr 127 Studierende) verzeichnet die PH FHNW einen markanten Zuwachs bei den angehenden Mittelschul- und Gymnasial-Lehrpersonen. Einen Rückgang gibt es im Studiengang Vorschul- und Primarunterstufe, für diesen haben sich 95 Studierende eingeschrieben. Auf der Primarstufe starteten 220 Studierende, welche die Lehrbefähigung für die 1. bis 6. Klasse anstreben. Für die Ausbildung zur Lehrperson auf der Sekundarstu-
fe I entschieden sich 119 Studierende. Den Neueintretenden stehen 467 Lehrerinnen und Lehrer gegenüber, welche diesen Sommer ihre Lehrbefähigung erhalten haben und die PH FHNW verlassen. Die Aussichten der 91 Lehrer und 376 Lehrerinnen auf dem Arbeitsmarkt sind, laut José Santos, Leiter Kommunikation der PH FHNW, zurzeit sehr gut.
Mit dem Studienstart am 14. September 2009 hat die PH FHNW den Leistungsauftrag der vier Trägerkantone (Kanton Aargau, beide Basel und Solothurn) erfüllt. Das bisherige, heterogene Angebot ist binnen drei Jahren über alle Stufen hinweg vereinheitlicht worden. (mgt/abs)

Mittel- und Oberstufe ist nichts für sie

Ihre Vorstellungen vom Lehrerberuf äussert sie klar: «Ich möchte nur Kindergarten, 1. bis 3. Klasse oder erst wieder 18-Jährige - wenn die Schule freiwillig ist - unterrichten». Sie selber hat die Bezirksschule im Nachbardorf Schönenwerd besucht. «Das war ein krasser Wechsel», erinnert sich die angehende Lehrerin. «Für Mittel- und Oberstufenschüler hätte ich die Nerven nicht, das traue ich mir einfach nicht zu.»

Um ihren Traum Lehrerin zu werden auf direktem Weg wahrzumachen, reichte ihr Notendurchschnitt damals in der Bezirksschule aber nicht. «Fürs damalige Semi brauchte ich die Matur und die Fachmittelschule hatte nicht so einen guten Ruf», so Wirth. So absolvierte sie zuerst eine Lehre und wurde Kauffrau bei der SUVA in Aarau. «Diese Ausbildung war von Anfang an nicht mein Ding», sagt Wirth. Gefehlt hätte ihr vor allem die Kreativität: «Jeden Tag in den Bildschirm starren, das liegt mir nicht». Abgeschlossen hat sie die Lehre aber trotzdem und gleich noch ein Jahr Berufserfahrung gesammelt.

Lieb, fair aber auch streng

Der Kindheitstraum ist aber nie verblasst: «Als Kauffrau sah ich mich nach Möglichkeiten um und schnupperte einen halben Tag in einem Kindergarten», erzählt sie. «Ich spürte sofort, das ist es!».

Im Sommer dieses Jahres war sie mit dem obligatorischen Vorkurs für Berufsleute ohne Berufsmaturität fertig und hat sich für den dreijährigen Bachelor-Studiengang Vorschul- und Primarunterstufe an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (PH FHNW) immatrikuliert. «Ich möchte eine faire aber auch strenge Kindergärtnerin werden», beschreibt Wirth ihr Ziel. «Der goldene Mittelweg eben: wenn ich etwas erzähle, sollen die Kinder ruhig sein und zuhöhren, aber sie sollen auch ihre Kindheit ausleben dürfen.» Für sich selber hofft sie, dass die Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule sie nicht zu stark verändert: «Ich möchte meine Lebenseinstellung und meine Grundsätze beibehalten und natürlich möchte ich die Ausbildung erfolgreich bestehen.»

Noch studiert sie sorgenfrei

Wirkliche Sorgen über die bevorstehende Herausforderung als Kindergärnterin macht sich Wirth noch keine. Nur punkto Eltern hat sie Bedenken: «Weil ich noch so jung bin habe ich Respekt vor die Eltern zu stehen.» In ihrer ersten Ausbildung hatte sie noch nichts mit den Erziehungsberechtigten zu tun. «Ich hoffe, dass wir das in der Ausbildung üben werden oder zumindest thematisieren», wünscht sie, ist sich aber gleichzeitig bewusst, dass es eigentlich unmöglich ist, heikle Situationen - wie der Umgang mit schwierigen Eltern - nur in der Theorie «zu üben». «Wichtig ist dass ich Lebenserfahrungen sammeln kann, um die schwierigen Situationen im Schulzimmer zu meistern.»

In einem Praktikum, während einem halben Tag pro Woche, sammeln die Studierenden des ersten Jahres Erfahrungen. Wirth ist in einem Kindergarten im aargauischen Remetschwil eingeteilt. Bis vor kurz vor Beginn waren aber noch nicht alle Praktikumsplätze gefunden. «Noch ist alles neu an der PH, nicht nur für mich, sondern auch was die Organisation betrifft», fügt Wirth kritisch an. Dass die Zukunft im Schulwesen in Richtung Vereinheitlichung steuert, empfindet die angehende Kindergärtnerin nicht als Nachteil: «Jede Reformänderung bringt Positives und Negatives mit sich. Jetzt muss man das Gute einfach selektionieren.»