Wir alle kennen Nadja Benaissa als laszive Sängerin der Girlband No Angels. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist so schrecklich wie beklemmend.

Das Leben von Nadja im Schnelldurchgang: «Mit 12, 13 geriet ich an falsche Freunde und auf die schiefe Bahn», sagte die Angeklagte laut «Spiegel» dem Richter im Darmstadt. «Ich wurde drogensüchtig, trank Alkohol und konsumierte Marihuana. Mit 14 war ich cracksüchtig. In die Schule konnte ich nicht mehr zurück. Meine Eltern versuchten zwar, mich zu retten, aber es gelang nicht. Zwei Jahre lebte ich auf der Strasse, bis ich mit 16 schwanger wurde.»

Sie sei damals, trotz aller Bedrängnis, glücklich gewesen, dass «dieser Alptraum ein Ende» hatte. Denn die Drogensucht sei «schlimemr als alles andere» gewesen.

Kein Schulabschluss, keine Ausbildung, Künstlerin

Während einer Vorsorgeuntersuchung im dritten Monat erfuhr sie von ihrer HIV-Ansteckung. Ärzte hätten ihr versichert, die Ansteckungsgefahr sei gering, «wenn ich diszipliniert lebe und meine Medikamente regelmässig einnehme». Daher habe sie ihre Krankheit gegenüber Freunden und Bekannten verschwiegen. Obwohl sie in der Abendschule einen Schulabschluss nachholen wllte, schmiss sie nach der Diagnose die Schule hin - sie war dort Klassenbeste.

Zusammen mit einer Freundin machte sie 2000 beim Casting für eine Band mit. Aus Neugier, wie «Profis auf mich reagieren».

Im Bandleben sei sie bald wieder in schlechte Kreise geraten, habe sich runterziehen lassen «von Alkohol und ausgelassenen Partys». An die Infektion habe sie kaum mehr gedacht. Und mit dem Erfolg wuchs auch das Gefühl, die Infektion nicht öffentlich machen zu können, ohne die Karriere der Band zu beschädigen».

Skandalträchtiger Umgang der Behörde

Nach Benaissas Geständnis könnte der Prozess schnell enden, doch der grosse öffentliche Rummel um den Fall könnte ebenfalls Konsequenzen haben. Die Staatsanwaltschaft wird wegen ihrer Informationspolitik angegriffen; sie hatte am Montag in einem Communiqué intime Details der Angeklagten veröffentlichen, obwohl die Richtlinien klar besagen, dass ein Staatsanwalt «alles, was zu einer nicht durch den Zweck des Ermittlungsverfahrens bedingten Blosstellung des Beschuldigten führen kann», vermeidet.

ZDF-Rechtsexperte Ulrich Haagen betonte: «Es kann nicht sein, dass die Staatsanwaltschaft voyeuristische Bedürfnisse der Öffentlichkeit bedient. Prozessführung über die Medien kannte man bisher nur von bestimmten Strafverteidigern.» Benaissa wurde dagegen öffentlicht vorgeführt, blossgestellt, und zu einem Outing gezwungen.

Risiko der HIV-Übertragung äusserst gering

Gemäss des Strafrechtsspezialisten Hermann Christoph Kühn aus Augsburg, ist ohnehin nicht eindeutig, dass Nadja Benaissa des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung nachgewiesen werden kann. Eine gefährliche Körperverletzung ist aber ein Vorsatzdelikt. Das Darmstädter Gericht kann Nadja Benaisse also nur dann verurteilen, wenn es nach Abschluss der Beweisaufnahme zum Ergebnis gelangt, diese habe die Gefahr der Ansteckung ihrer Partner erkannt und den Ansteckungserfolg gebilligt.

Der Strafrechtsexperte ist allerdings davon überzeugt, dass dieser Rückschluss nicht eindeutig gegeben werden kann: «Vertraut der HIV-Positive darauf, dass der Sexualkontakt nicht zur Ansteckung führen wird, liegt auch bei Gefahrenkenntnis nur fahrlässiges Verhalten vor.» Ausserdem weiss Kühn: «Die Wahrscheinlichkeit der Ansteckung auch bei ungeschütztem Sexualkontakt sehr gering ist - Studien sprechen von eiern Ansteckungsrate von 0,05 % für einen Mann bei Vaginalverkehr - ist ein Vertrauen aus den ansteckungsfreien Ausgang bei vorsätzlichen Geschlechtsverkehrs nicht von der Hand zu weisen.»

Auf der Anklagebank sah Benaissa nicht aus, wie ein Popsternchen bei eineem Ausflug ins die Mediokrität. Eine brave, junge Frau in Rüschenbluse und Ballerina, liess sie das Blitzlichtgewitter und die Blosstellung ihres Pirvat- und Intimlebens stoisch über sich ergehen. Wie es in ihr ausgesehen hat, lässt sich auf Facebook erahnen. Auf ihrem Profil veröffentlichte sie am Vorabend des Gerichtsverfahrens: «Gott, steh mir bei und hilf mir, stark zu sein für meine Familie, lass mich für meine Tochter da sein. Hilf mir, dies alles durchzustehen.» (cls)