Olten
Jochen Malmsheimer: Fürsprecher des Wurstbrots und Orkan der Sprache

Kabarett-Tage: Der Cornichon-Gewinner Jochen Malmsheimer verpackt banale Alltagsvorkommnisse in Lyrik - und dies tut er grossartig.

Adriana Gubler
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Beeindruckende Bühnenpräsenz: der preisgekrönte Kabarettist Jochen Malmsheimer.

Beeindruckende Bühnenpräsenz: der preisgekrönte Kabarettist Jochen Malmsheimer.

Oltner Tagblatt

Eigentlich nichts Neues: Männer ab 50 Jahren verlieren Haare und setzen einen Bauch an. Die altersbedingten, körperlichen Veränderungen der Kerle auf der Bühne zu vertiefen, vermag kaum jemanden mehr aus den Socken zu hauen.

Verbales Arbeitstier

«Jochen Malmsheimer ist ein verbales Arbeitstier, das drei, vier Bühnenprogramme auf die Bretter bringt und oft selber gar nicht weiss, in welchem er sich befindet», sagte Laudator Urban Priol über den Cornichon-Preisträger 2015. Er lobte seinen Freund in den höchsten Tönen und brachte die Fähigkeiten Malmsheimers mit zwei Wörtern und der ehrenvollen Bezeichnung «wortgewaltiger Sprachpapst» auf den Punkt.

Ausser, wenn dies Jochen Malmsheimer tut. Der diesjährige Preisträger des Schweizer Kabarettpreises «Cornichon» taucht mit den eigentlich banalen Vorgängen des Älterwerdens in lyrische Gefilde ab.

Noch nie hat ein Mann in einer solch schönen Sprache den Pinkelvorgang, der kaum mehr in Würde zu vollbringen ist, beschrieben. Der 53-Jährige bezeichnet sich selber zudem als «Schauplatz grösserer Wanderungen». «Die Haare machen sich auf, um neue Weiten zu erkunden, und setzen sich dort nieder, wo noch nie zuvor ein Haar gewesen war.»

Dozierend, flehend, erzürnt

Malmsheimer macht kein politisches Kabarett. Es blieb bei einem einzigen Seitenhieb gegen «seine» Bundeskanzlerin. Und das auch nur, weil die Schweizer Bundeskanzlerin Corina Casanova das bundesrätliche Grusswort überbrachte.

Er versteht es viel mehr in «Ermpftschnuggn trødå – hinterm Staunen kauert die Frappanz», aus wenig spektakulären Alltagsvorkommnissen eine wortgewaltige Sensation zu machen. Der gelernte Buchhändler und Preisträger etlicher Kleinkunst- und Kabarett-Preise ist der deutschen Sprache mächtig. Seine feinen Wortspiele und seine gekonnte Ausdrucksweise sind ein Erlebnis.

Er selber sagt von sich: «Ich kenne auch ganz abgelegene Vokabeln wie zum Beispiel «obschon».» Der Bochumer fegt durch die deutsche Sprache wie ein Orkan und räumt alle grammatikalischen Möglichkeiten ab. In einem Wahnsinnstempo erzählt er seine Geschichten. Für den gebannten Zuhörer bleibt nur wenig Zeit, um die Schönsprache Malmsheimers zu geniessen. Fast zu wenig.

Beeindruckend ist des Malmheimers Bühnenpräsenz. Der Cornichon-Abräumer braucht wenig. Er steht auf der Bühne, in einem karierten Hemd und einem beigen Leder-Gilet. Immer wieder schlägt er «sein» Buch, sein einziges Hilfsmittel auf der Bühne, auf und initiiert einen neuen Höhenflug. Malmsheimer bewegt mit seiner Sprache – und seiner Stimme.

Wenn er zu einem Sorgen-Psalm über zu tief sitzende Hosen ansetzt, ist sein Tonfall von tiefstem Zorn erfüllt, hört sich aber nur Sekundenbruchteile später bereits wieder flehend an. Zuweilen wirkt er dozierend, etwa wenn er erzählt, wie er «durch die erfolgreiche Initiierung zweier Söhne das Ausserben der Deutschen verzögert». Nie aber kommt dem deutschen Kabarettisten der Schalk abhanden.

Für einen Paukenschlag sorgt der aus dem TV («Die Anstalt») bekannte Malmsheimer als Geschichtenerzähler: Er gibt die «Generalversammlung des Deutschen» im bibliografischen Institut der Dudenredaktion wieder. Er schlüpft dabei in die Rollen verschiedener Wörter, die sich auf ihren Karteikarten stehend aus den Tiefen der Schublade drängen, um sich zu Wort zu melden. Es entsteht eine heftige Diskussion über die Integration des Worts «chillen» – die «Flurwoche» wehrt sich mit Händen und Füssen gegen den fremden Eindringling.

Die Geschichte rund um die Generalversammlung, die in völliger Absurdität, aber auch Komik gipfelt, hat eine starke Botschaft: Sie ruft zu mehr Toleranz auf. Die Generalversammlung beschliesst letztlich, dass «chillen» ein Einbürgerungstestverfahren durchlaufen muss. Alle anderen bereits aufgenommenen Wörter jedoch auch, um ihren Platz in der deutschen Sprache zu sichern. Der Wortschatzmeister jedoch bedenkt: «Würde man alle Naturaldeutschen einem Test unterziehen, von dem ihr Verbleib in der Nation abhinge, wären Wohnungsnot und Studienplatzmangel Probleme von gestern.» Gesellschaftskritik in schönster sprachlicher Vollendung.

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