Andrea Weibel

«Den meisten Leuten wird es kaum auffallen, dass Bernhard Russi nicht mehr hier lebt», ist sich Helene Wertli, Stellvertretende Filialleiterin im Volg Zufikon, sicher. «Viele wussten ja nicht einmal, dass er überhaupt hier gewohnt hat.» Dabei spielt sie vor allem auf die Neuzuzüger an. Die 48-Jährige wohnt seit 24 Jahren im Dorf, also etwa gleich lang wie Russi. «Ab und zu hat man ihn im Dorf gesehen, aber das war selten.» An Schul- und Sportanlässen seines Sohnes Jan (29) oder seiner Tochter Jennifer (17) habe er wie jeder andere Vater teilgenommen. «An Jennifers Flötenkonzert sass er ganz in meiner Nähe und hat geklatscht wie wir anderen auch. Er war einfach ein ganz normaler Mensch», erzählt Wertli.

Trainer am Grümpelturnier

«Bei uns war Russi noch sehr bekannt, aber von der jüngeren Generation kennt ihn niemand mehr», mutmasst Helene Wertli schulterzuckend. Ganz recht hat sie damit nicht, denn gerade die ganz Kleinen wissen genau, wer Bernhard Russi ist. «Am Grümpelturnier hat er unsere Parallelklasse trainiert», erzählen die Primarschülerinnen Aline und Gianna (beide 10). So hat er am sozialen Leben Zufikons teilgenommen. «Als Architekt hat er hier zudem einige Häuser gebaut», weiss Wertli.

Alines Vater, Luciano Picariello, erzählt: «Wir wohnen ganz in der Nähe der Russis, hatten aber nie näher mit ihnen zu tun.» Er habe ihn in TV-Interviews ab und zu gesehen. «Russi hat eine gute Einstellung, das habe ich an ihm bewundert», so Picariello. «Ob er aber hier wohnt oder woanders, spielt für mich keine Rolle. Ich zahle deshalb nicht mehr oder weniger Steuern.» Nach kurzem Überlegen fügt er hinzu: «Es waren aber schon alle irgendwie stolz, dass eine solche Berühmtheit in unserem Dorf gewohnt hat.» Das kann auch Giannas Mutter, Cornelia Trottmann, bestätigen. Sie hat ihre ganz eigene Erinnerung an die Skilegende Bernhard Russi: «Meine allererste Autogrammkarte hatte ich von ihm», lacht die 36-Jährige.

«Es geht ihm wie vielen anderen»

«Ich kann schon verstehen, dass er weggezogen ist. Es geht ihm und seiner Frau wie vielen anderen», zeigt sich Bea Schär (53) solidarisch. Sie wohnt seit 30 Jahren in Zufikon. «Wir haben ihn ab und zu gesehen, ihn aber nicht speziell beachtet», sagt sie. Helene Wertli erklärt: «Das Haus der Familie Russi steht im Hammergut, oben am Hang. Je höher man in Zufikon wohnt, desto weniger interessiert einen, was die Nachbarn machen. So war es auch bei den Russis.» Sie findet es dennoch ein wenig schade, dass der Olympiasieger weggezogen ist. «Er war eigentlich nie im Volg. Aber wenn ich ihn getroffen habe, war er sehr nett. Seine Frau Mari ist ausgesprochen lieb. Sie kauft öfter bei uns ein, dann wechseln wir einige Worte, und sie geht wieder», sagt sie.

«Macht Zufikon nicht bekannter»

Mehr Auskunft als im Volg kann auch auf der Strasse oder in den Restaurants in Zufikon niemand geben. Viele wissen nicht, dass ein ehemaliger Skistar in ihrem Dorf zu Hause gewesen ist. Anderen ist nichts von seinem Wegzug bekannt. «Das muss er selber wissen, da mische ich mich nicht ein», bemerkt eine Passantin. Renate Zweifel (69) kennt Russi vom Fernsehen. «Ich wohne seit 29 Jahren hier und habe ihn nur einmal mit seiner Familie am Zufiker Fest gesehen», erinnert sie sich. Dass sein Wegzug für das Dorf schade sei, könne sie so nicht sagen: «Zufikon ist in der Welt so wenig bekannt, da spielt es auch keine Rolle, welche Stars hier wohnen», erklärt sie schmunzelnd.