Die israelische Sängerin Netta fühlt sich wegen ihrer persönlichen Geschichte der homosexuellen Bewegung sehr nahe. Die 25-Jährige, die im letzten Frühling mit ihrem Song "Toy" den diesjährigen Eurovision Song Contest gewonnen hat, erzählt, sie habe früher ständig Ausgrenzung erfahren.

"Mir wurde mein ganzes Leben lang gesagt, was ich tun und wie ich mich anziehen soll, wie viel ich essen soll, dass ich abnehmen muss", sagte die für ihre schrillen Outfits bekannte, mollige Sängerin der Deutschen Presse-Agentur.

"Jungs haben sich geschämt, mit mir auszugehen, bei Auftritten auf Hochzeiten wurde gesagt: "Habt ihr keine schönere Sängerin?"" Mit ihrem ESC-Sieg habe sie jedoch "Grenzen und Konzepte durchbrochen, auf Vorbehalte gepfiffen - und das ist der grosse Sieg".

Wie Homosexuelle habe sie dafür kämpfen müssen, "anerkannt zu werden, so wie ich bin, ohne Vorbedingungen". Auf Englisch fasst sie zusammen: "I am a straight girl with a gay story."

Schreckliches Lampenfieber

Bei ihrer anstehenden Tour, die sie nach Wien, Zürich, Paris, London oder Berlin führt, will sie allein mit ihrem elektronischen Looper auftreten. Dass sie das Instrument, das besondere Klangeffekte schafft, beim ESC-Wettbewerb in Portugal nicht benutzen durfte, sei "furchtbar" für sie gewesen.

Geplant seien Auftritte mit "viel Improvisation, auch gemeinsam mit dem Publikum", sagt die junge Frau. Obwohl sie schon seit Jahren öffentlich auftritt, leidet sie immer noch unter schrecklichem Lampenfieber. "Die Stunden vor dem Auftritt sind immer sehr, sehr schwere Stunden", erzählt sie. "Es fängt mittags an, ich fühle Druck auf der Brust, ich bin wie eine Saite, die langsam immer mehr gespannt wird." Bevor sie auf die Bühne steige, müsse man sie dann "wie eine Puppe stützen".

Ein im Juli geplanter Auftritt Nettas in Berlin zum Christopher Street Day (CSD) musste in letzter Minute wegen eines drohenden Unwetters abgesagt werden. "Ich war am Boden zerstört", erzählt sie.

In Israel verwurzelt

Die anti-israelische Boykottbewegung macht ihr keine Sorgen, auch nicht vor dem ESC-Wettbewerb 2019 in Tel Aviv. "Ich bin mehr damit beschäftigt, dort eine verrückte Nummer abzuziehen", sagt sie lachend. Zum ESC in Israel "werden viele Menschen kommen und sehen, wie toll es hier ist", glaubt sie. "Kunst ist stärker als Politik."

Sie fühle sich in Israel stark verwurzelt, die Atmosphäre sei warm und herzlich. "Wenn ich auf die Strasse gehe, werde ich immer noch umarmt."

Trotzdem schlage ihr auch noch viel Hass entgegen, sagt Netta. "Vor allem im Internet: Warum ziehst du diese Fratzen, du musst abnehmen, du bist ein Nilpferd." Das gehe aber bei ihr "zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus", sagt sie. "Dieser Hass kommt davon, dass Leute sich selbst hassen", meint sie. "Das sind Leute, die selbst leiden."