Salvador Sobral

«Ich wollte nicht sterben»: Sieger des ESC 2017 hat eine zweite Chance erhalten

Salvador Sobral (29) hat eine zweite Chance erhalten.Keystone

Salvador Sobral (29) hat eine zweite Chance erhalten.Keystone

Der Sieger des Eurovision Song Contest 2017, Salvador Sobral, hat ein neues Herz erhalten und blüht musikalisch auf.

Salvador Sobral ist die erfreulichste Entdeckung des Eurovision Song Contest der letzten Jahre. 2017 siegte der Portugiese mit «Amar Pelos Dois» überlegen, doch schon damals war er schwer krank. Inzwischen bekam er ein Spenderherz und seitdem ist der 29-Jährige sichtlich aufgeblüht. Die vielschichtige Musik seines neuen Albums «Paris, Lisboa» klingt deutlich lebensfreudiger als bislang von ihm gewohnt.

Endlich hindert Sie die Gesundheit nicht mehr daran, auf Tournee zu gehen. Haben Sie Nachholbedarf?

Salvador Sobral: Oh, Mann, und wie! Gerade erst war ich in Macau für mein erstes Konzert in Asien. Und jetzt komme ich zu euch.

Ein neues Herz. Wie fühlt sich das an?

Wie eine Wiedergeburt. Es war auch eine Wiedergeburt. Meine Transplantation war nicht ohne Komplikationen, monatelang war es ein Auf und Ab. Ich will allen danken, meinen Ärzten, meiner Familie, meiner Frau. Ich habe eine zweite Chance erhalten und kann wieder leben. Ich will es nicht vermasseln.

Wie passen Sie auf sich auf?

Ich esse gut und schlafe viel. Und ich gehe regelmässig ins Spital, um mich untersuchen zu lassen, ob das neue Herz auch so läuft, wie es soll. Vor diesen Untersuchungen bin ich immer etwas ängstlich, doch ansonsten bin ich vollkommen glücklich.

Wie hat sich das Leben mit dem neuen Herz verändert?

Ich fühle mich viel stärker und kann wieder Sport machen. Zweimal pro Woche spiele ich Fussball. Das durfte ich zehn Jahre lang nicht. Es war der Wahnsinn, endlich wieder gegen einen Ball treten zu können. Vor der Operation konnte ich nicht einmal mehr die Treppe hochgehen.

Sind Sie rund um die Transplantation immer optimistisch geblieben?

Ich hatte mich, so gut es geht, auf alles vorbereitet. Man weiss nie. Ich bin Realist. Mein grösster Wunsch war, nicht zu sterben. Als ich überlebt hatte, war mein nächster Wunsch, wieder auf die Füsse zu kommen. Eins nach dem anderen. Heute weiss ich jeden Moment zu schätzen. Ich lebe für den Moment.

Salvador Sobrals Auftritt am ESC 2017:

Sie haben Anfang Jahr Ihre langjährige Freundin, die französische Schauspielerin Jenna Thiam, geheiratet. Hat die Ehe Ihr Leben verändert?

Nein, gar nicht. Wir waren ja vorher schon lange zusammen. Jenna war in der schweren Zeit stets bei mir.

Ihr neues Album heisst «Paris, Lisboa». Was steckt hinter dem Titel?

Paris und Lissabon sind die Städte, die mir am nächsten sind. Meine Frau kommt aus Paris, wir sind lange gependelt, deshalb ist mir Paris auch emotional wichtig. Und in Lissabon bin ich geboren. Eine schönere Stadt gibt es für mich nicht auf der Welt. Ausserdem bin ich ein grosser Filmfan, der Titel ist auch eine Verbeugung vor Wim Wenders und seinem Film «Paris, Texas».

Ist es richtig, dass Sie gerade Schwedisch lernen, weil Sie die Filme von Ingmar Bergman so lieben?

Ja, das ist wirklich wahr. Ich habe einen Monat in Stockholm gelebt, um mit der Sprache vertraut zu werden. Fünf Tage pro Woche habe ich jeweils drei Stunden lang gelernt, und abends habe ich mir schwedische Filme im Original angeschaut. Sprachen sind meine zweite grosse Leidenschaft nach der Musik.

Singen Sie deshalb nicht nur portugiesisch, sondern auch auf Französisch, Englisch und Spanisch?

Ja, das macht mir Freude. Ich wollte ein facettenreiches Album aufnehmen. Für mich gibt es sowieso keine Genres. Es gibt nur gute und schlechte Musik. Der Weg vom Afro-Swing zum Jazz und Chanson ist für mich ein kurzer.

Viele Hörer werden von Ihrer neuen Musik überrascht sein.

Meine Musik ist nicht so ruhig, wie alle denken. Die meisten Menschen kennen mich als den zerbrechlichen Jungen mit der traurigen Ballade «Amar Pelos Dois», als den Vogel, der vor zwei Jahren den ESC gewonnen hat. Ich will zeigen, dass ich noch mehr zu bieten habe. Ich bin nicht immer nur traurig, und meine Musik ist es erst recht nicht.

Hört sich etwa die Single «Anda estragar – me os planos» deshalb so glücklich an?

Das Lied hört sich glücklich an, weil ich glücklich bin. Der Song hat einen wunderbar fröhlichen afrikanischen Groove, er erinnert mich an Ferien auf Madeira. Wir haben sogar eine Ukulele darauf unterbringen können, besser gesagt: eine Braguinha. Das ist die portugiesische Ur-Ukulele, die später durch Einwanderer nach Hawaii gelangte.

Mitte Mai ist wieder Eurovision Song Contest, dieses Mal in Tel Aviv. Werden Sie dort sein?

Ganz bestimmt nicht. Meine Geschichte mit dem ESC endete vor einem Jahr, als ich noch einmal in Lissabon auftrat, als Sieger des vorangegangenen Jahres. Das stand so im Vertrag. Jetzt mache ich als Musiker weiter, nicht als Prominenter.

Sie haben sich sehr abfällig über den Wettbewerb geäussert und Ihre Teilnahme als eine Art Prostitution bezeichnet. Ist das nicht zu hart?

Vielleicht, ja. Natürlich ist es eine wunderbare Sache, vor 200 Millionen Menschen zu spielen. Aber seien wir ehrlich: Ich habe einfach nicht dorthin gepasst. Die Leute, die den ESC schauen, hören normalerweise sicher nicht meine Musik. Trotzdem bin ich dankbar für alles, was der ESC mir gebracht und ermöglicht hat.

Salvador Sobral: «Paris, Lisboa» (Warner). Live: 1. Mai, Kaufleuten Zürich.

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