Imhoof
«Ich habe noch etwas in der Schublade»

«Still Have a Dream» – das Motto der diesjährigen Street Parade wurde von Jürg Imhoof vertont. Sein Traum: ein Grammy.

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Studio

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Schweiz am Sonntag

von Matthias Scharrer

«Revolution Recording» steht an der Türklingel. Dann gehts runter in den Keller eines alten Wohnhauses in Winterthur: Die Wände sind holzverkleidet, in einer Ecke steht ein halbes Dutzend Mikrofonständer. An der Wand lehnt hochkant ein altes Keyboard. Und auf dem zerbeulten braunen Ledersofa liegen zwei Kopfhörer. Im Nebenraum hinter der Glaswand: ein riesiges Mischpult und zwei Computer - das Reich von Jürg Imhoof,

DJ und Produzent der diesjährigen Street-Parade-Hymne «Still Have a Dream». Die ganze Studio-Einrichtung braucht Imhoof nur noch für akustische Aufnahmen. «Irgendwann habe ich aufgehört, andere Künstler zu produzieren, und gefunden: Ich bin DJ», erklärt der 40-Jährige. Seither setzt er auf eigene Produktionen. Mit Erfolg: Sein Album «Jazzy Chill House» ist im Online-Shop iTunes mit mehreren tausend Downloads das am vierthäufigsten verkaufte im Chill-House-Genre.

Zum Macher der Street-Parade-Hymne 2009 wurde er eher beiläufig. «Ich redete zufällig mit Street-Parade-Präsident Joel Meier.» Meier hatte mit seiner Band Lazy Bones einst in Imhoofs Revolution-Recording-Studio aufgenommen. «Er sagte: Wir suchen noch einen Track. Ich sagte: Ich habe noch etwas in der Schublade, das ich euch sowieso anbieten wollte.» Der Verein Street Parade schrieb den Auftrag aus, zunächst unter dem Titel «Still Play a Stream». Imhoof erhielt schliesslich den Zuschlag. Und aus «Still Play a Stream» machten die Parade-Organisatoren «Still Have a Dream» - das Motto der Street Parade 2009. Doch wie kreiert man eigentlich eine Street-Parade-Hymne?

Imhoof startet den Laptop auf. Fast das ganze Studio-Equipment, in das er einst gegen 400 000 Franken investierte, kann er heute virtuell überallhin mitnehmen. Auf dem Bildschirm erscheinen die 35 Tonspuren von «Still Have a Dream». Imhoof erklärt, wie er beim Produzieren vorgeht: Zuerst das Schlagzeug, dann die Basslinie, dann die anderen Instrumentalteile, dann der Gesang. Gut eine Woche tüftelte er an dem Stück herum, schraubte an Effekten, fügte Geräusche hinzu.

Ausser beim Gesang, für den er Camen und die Splashcats ins Studio holte, griff er ausschliesslich auf virtuelle Instrumente - «Soft Synthesizer» - im Computer zurück. Das Resultat: Ein eingängiger Refrain, stampfende Beats und sphärische Synthesizer-Passagen. Ein Crossover aus House, Elektro und Trance, erhältlich als Radio-Version und in drei Clubversionen. Street-Parade-Sound, wie man ihn kennt.

Street Parade 2009 hat noch immer Träume

Am 8. August findet rund ums Zürcher Seebecken die 18. Ausgabe der Street Parade statt. DJs sorgen ab 13 Uhr bis Mitternacht auf den fünf grossen Bühnen der Parade-Route entlang für Partystimmung. Die 30 Love-Mobiles setzen sich ab 14.30 Uhr beim Utoquai in Bewegung, um über die Quaibrücke zum Hafen Enge zu rollen. Weitere Infos im Internet unter www.streetparade.ch, wo man auch die Street-Parade-Hymne 2009, «Still Have a Dream», kaufen kann. (mts)

Dabei ist Imhoof nach eigenem Bekunden kein allzu regelmässiger Street-Parade-Gänger. Und wenn, dann vor allem als Beobachter, der beim Loungen Kontakte pflegt. «Bei der dritten Ausgabe war ich zufällig dabei, seither insgesamt etwa fünf-, sechsmal», sagt der Winterthurer. «Clubmusik findet normalerweise abends statt. Ich finde es erstaunlich, wie sie an der Street Parade tagsüber so viele Leute mobilisieren kann.»

Sein Arbeitstag beginnt in der Regel am späteren Vormittag. Dann erledigt er Administratives. «Die Kreativarbeit findet meistens abends statt und dauert bis gegen zwei Uhr morgens», sagt Imhoof. Neben seiner DJ-Music produziert er auch Jingles für Radiostationen und andere Auftragsarbeiten, aktuell zum Beispiel Klänge für eine Partnervermittlungs-Website. «Ich werde nicht reich, kann aber gut leben davon», erklärt der Computer-Musiker.

Dazu kommen DJ-Auftritte, regelmässig etwa im Winterthurer Club «Boléro». Ein Leben also, das zu einem guten Teil in der Partyszene stattfindet. Und damit in einem Umfeld, wo Drogenkonsum weit verbreitet ist. Doch Imhoof hält sich zurück: «Zu gefährlich. Ich habe extrem Respekt vor Ecstasy und Kokain.»

Zur Street Parade (8. August) kommt er dieses Jahr nicht nur als Beobachter: Um 15.30 Uhr bietet er auf der grossen Bühne am Bürkliplatz «Still Have a Dream» dar, zusammen mit den Sängern Camen und Splashcats. «Eine Halb-Playback-Show», wie er augenzwinkernd erklärt. «Ich drücke auf den Knopf und recke vielleicht die Faust zum Himmel.» Das Motto «Still Have a Dream» findet er passend für die 18. Street Parade und sich selber. «Die Parade wird dieses Jahr volljährig, und es geht immer noch weiter.» Sein eigener Traum? «Ein Grammy», sagt Imhoof lachend. «Klingt vielleicht naiv, aber ich bleibe dran, und irgendwann ‹tätschts› mal.»

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