Von Barbara Rüfenach

Es scheint nichts zu geben, was die 35-jährige Chantal Hediger nicht kann. In einem künstlerischen Milieu mit einer südafrikanischen Mutter und einem Schweizer Vater aufgewachsen, verständigte sie sich bereits als Kind in Englisch, Deutsch oder Afrikaans. «Ich fühlte mich immer mit vielen Kontinenten und Kulturen verbunden», erzählt die brünette Aargauerin, die als Vize-Miss-Schweiz im Jahr 1992 zum ersten Mal mit ihrer Schönheit vor der Kamera überzeugte. Kein Wunder, fühlte sie sich während ihrer kaufmännischen Ausbildung bei einer Bank im falschen Film. «Ich träumte vom Reisen und Modeln.» Gesagt, getan. Der Job als Flight Attendant und erste Werbeaufträge führten sie in ferne Länder, stillten die Sehnsucht nach Weite, fremden Schauplätzen und Exotik. Noch heute reist sie gerne, mit Vorliebe in die Heimat ihrer Mutter. Doch der Modeljob brachte auch Leere mit sich. «Ich wollte mehr aus mir herausholen und liebäugelte mit dem Moderieren.» Die quirlige Aargauerin bewarb sich bei Tele M1 - und wurde erst mal abgewiesen. In einem zweiten Anlauf klappte es: Chantal Hediger präsentierte von 1999 bis 2003 die «Aargauer News» mit Charme und Köpfchen. Doch die Grenzen waren noch nicht ausgelotet. «Das Moderieren war spannend, aber ich wollte noch mehr in mich hineinschauen und aus mir herausgehen.» So meldete sie sich für die European Film Actor School an und hielt sich während der Ausbildung mit Jobs als Nachrichtensprecherin und Reporterin über Wasser.

Zur Entspannung hatte sie angefangen zu malen und liess ihrer Fantasie auf der Leinwand freien Lauf. «Mein grosses Vorbild war Pablo Picasso - seine abstrakten Werke motivierten mich, mit Ölfarben zu experimentieren.» Doch bevor es zur ersten Ausstellung kommen sollte, gab Chantal Hediger ihrem Drang nach, als Schauspielerin vor der Kamera und auf der Bühne zu stehen. «2003 beschloss ich, nach Los Angeles zu fliegen und dort mein Glück zu versuchen.» Hat sie eigentlich immer glasklar gewusst, was sie wollte? «Im Gegenteil», betont die Künstlerin, «ich war jahrelang auf der Suche und deshalb auch ziemlich rastlos.» Kam das grosse Aha-Erlebnis nun in der Stadt der Engel? «Ja, und nein, Amerika ist ein hartes Pflaster und Los Angeles im Besonderen.» Die gut ausgebildete und begabte Schweizer Schauspielerin fand sich in einem Schmelztiegel der Eitelkeiten wieder - jeder und jede wollte zum Film und kämpfte mit harten Bandagen. «Es brauchte eine Elefantenhaut, um die vielen schnoddrigen Absagen einzustecken.» Immer wieder musste die Aargauerin zu Castings und zum Vorsprechen - nur um letzten Endes mit einer Rolle, die zwei Sätze beinhaltete, abgespeist zu werden. Trotzdem spielte sie in TV-Spots, Videoclips und zahlreichen Festival-Filmen mit, später bekam sie sogar eine Rolle neben Carmen Electra und wirkte in einer Fernsehproduktion des Amerikaners John Henson mit.

Doch die Erfüllung sämtlicher kalifornischer Klischees blieb ein Problem. «Um eine Filmrolle zu bekommen, muss man hauptsächlich gut aussehen und zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.» Die Schweizerin hingegen suchte nach der Tiefgründigkeit, sie wollte sich beim Spielen unter der Oberfläche spüren. In jener schwierigen Zeit entdeckte sie das Malen neu. «Ich stand draussen in der Natur, nahm Düfte und Gerüche auf und bannte sie auf die Leinwand - und fühlte mich endlich wieder richtig lebendig!» Chantal Hediger packte die Koffer und reiste zurück in die Schweiz. Nach einem Abstecher bei einer privaten Fluggesellschaft nahm sie ihre Arbeit als Tele-M1-Moderatorin wieder auf und meldete sich für eine Ausbildung zur Kunst- und Maltherapeutin an, die sie demnächst abschliesst. Zahlreiche ihrer Werke wurden bereits ausgestellt, die nächste Vernissage findet bei der Swiss Capital Group in Zürich statt. Seit sie ein eigenes Atelier hat, fühlt sich die Künstlerin frei und gleichzeitig aufgehoben. «Es ist schön, über die Kunst den Zugang zur Seele eines Menschen zu finden.» Die grosse Liebe hat sie nebenbei auch noch gefunden und plant einen Wohnortswechsel ins St. Gallische.

Die lange Suche hat sich ausgezahlt. «Heute kann ich moderieren, malen, therapieren - ich bin wirklich ein Glückspilz!» Die Erfahrungen als Schauspielerin bereut sie nicht. «Es gibt keine bessere Lebensschule», meint sie und macht sich gut gelaunt zum Mittagessen bei ihrer Grossmutter auf.