George Clooney als US-Präsident? Für viele Amerikaner ist diese Vorstellung gar nicht so abwegig. Der 56-jährige Hollywoodstar ist ein scharfer Kritiker von Donald Trump und politisch engagiert. Das merkt man, wenn man ihn zum Interview trifft. Aber auch, wenn man Filme wie «Suburbicon» schaut. Bei der bissigen Gesellschaftssatire nahm Clooney für einmal hinter der Kamera Platz.

George Clooney, haben Sie eigentlich eine Lebensversicherung?

George Clooney: Ja, ich bin gut versichert. Ich habe einst in Kentucky von Tür zu Tür Versicherungen verkauft. Ich kenn das Geschäft.

Ihr neuester Film «Suburbicon» ist ein satirischer Versicherungskrimi und basiert auf einem alten, nie verfilmten Drehbuch der Coen-Brüder («Fargo»). Wie kamen Sie dazu, den Stoff nun umsetzen?

Ich suchte ein Projekt für mich als Regisseur, aber ich konnte nichts finden, das mich richtig packte. Aber da war doch noch diese Coen-Brothers-Versicherungs-Geschichte! Sie war in den 80er-Jahren angesiedelt und die Coens hatten mir die Rolle des Ermittlers angeboten, die nun Oscar Isaac im Film verkörpert. Die Finanzierung bei solchen Filmen ist immer kompliziert und mit der Zeit hafteten dem Drehbuch bei Umsetzung fünf Millionen Dollar Honorare und Gebühren von diversen Produzenten an. Es war klar, dass der Film so nie gedreht werden würde. So gaben sie mir die Erlaubnis, mit meiner neuen Idee allen den Marsch zu blasen, ihnen zu sagen, dass sie nicht so viel Geld bekommen, aber der Film dafür realisiert werden könne.

Offizieller Filmtrailer zu «Suburbicon»

Offizieller Filmtrailer zu «Suburbicon»

Ihre Idee war es, die Geschichte in die 50er-Jahre zurückzuversetzen und den Aufruhr um eine schwarze Familie, die in eine weisse Nachbarschaft zog, mit einzubauen. Wieso diese zweite Geschichte?

Es herrschte Präsidenten-Wahlkampagne und man hörte viel über Minderheiten als Sündenböcke und über Mauerbau. So schaute ich in die Vergangenheit, wo man das schon mal gehört hatte. Das hatte ich als Reaktion auf den Irak-Krieg schon so gemacht und damals kam «Good Night, and Good Luck» dabei heraus, ein Film über Journalismus und die McCarthy-Zeit. Für «Suburbicon» stiess ich auf den Dokumentarfilm «Crisis At Levitton», in dem die Familie Meyers von den Nachbarn belästigt und buchstäblich eingezäunt wurde, nur weil sie schwarz war. So habe ich diese Geschichte neben die der komplett durchgeknallten weissen Familie platziert, an der alle vorbei in die falsche Richtung schauen.

Rassismus und Fanatismus ist in den USA im Aufschwung …

Tja, wenn Trump als Erstes Mussolini zitiert, muss man sich ja nicht fragen … Aber im Prinzip ist es nichts Neues. Es scheint nur neu, weil wir gedacht haben, wir hätten dieses Kapitel hinter uns. Es macht mich wütend, dass wir das immer wieder neu diskutieren müssen. Wir haben uns nicht weiterentwickelt. Der Aufstand der White Supremacists in Charlottesville hat das deutlich gezeigt. Für viele weisse Männer sind Minderheiten schuld daran, dass sie ihren Vorrang in der Gesellschaft verlieren. Wenn Trump von «Make America Great Again» spricht, meint er Eisenhowers 50er-Jahre, als alles noch einfach und gut war – wenn man weiss, ein Mann und nicht schwul war.

Bilder der gewalttätigen Ausschreitungen in Charlottesville: 

Sie sind in die Bürgerrechtsbewegung hineingeboren. Haben Sie frühe Erinnerungen daran?

Ich war sieben Jahre alt, als Martin Luther King Jr. und Bobby Kennedy erschossen wurden. Das haben alle mitgekriegt – auch wir Knirpse. Man hatte irgendwie das Gefühl, es würden alle sterben. Nach der Ermordung von Bobby Kennedy sammelte ich meine Spielzeugpistolen ein und gab sie meinem Vater ab. Er war Nachrichtensprecher und brachte sie in seine Sendung – quasi als Beitrag seines Sohnes für den Frieden.

Sie sind politisch engagiert, aber trotzdem sehen Sie sich nicht als Präsidentschaftskandidat, wie beispielsweise Ihr Schauspielkollege Dwayne Johnson. Oder hat sich Ihre Meinung in Anbetracht der Notlage geändert?

Es macht mir schon Sorgen, dass die Demokraten zurzeit niemanden haben, der einem den Atem verschlägt. Obama war drei, vier Jahre vor der Wahl schon ein Begriff. Ich werde alles tun, den demokratischen Kandidaten oder die Kandidatin zu unterstützen. Aber ich? Ich bin nicht der richtige Mann für den Job. Es sieht nicht nach Spass aus. Als Erstes würde es mein Leben ruinieren. Aber ich glaube an mein Land. Churchill sagte, die Amerikaner machten schon das Richtige, wenn sie alle anderen Wege ausprobiert hätten. Wir müssen jetzt einfach aufwachen und an die Arbeit.

Wie müsste dieser Kandidat oder diese Kandidatin aussehen, den oder die Sie unterstützen würden?

Ich glaube, da muss jetzt jemand mit etwas Erfahrung dahinter. Ich habe vor kurzem mit Joe Biden telefoniert und wir schauen uns um. Wir haben nicht verstanden, dass George Bush wiedergewählt wurde, wenn also Trump 2020 wieder gewählt wird, brauchen wir wenigstens jemanden, der gegen all diesen Hass Stellung einnimmt. Wir können nicht dieses Land sein, das so wütend, entzweit und voller Hass ist. Ich finde es schlimm, wie wir momentan miteinander reden. Wir wissens doch besser.

Matt Damon, der die Hauptrolle in «Suburbicon» spielt, ist ebenfalls Demokrat und gehört zu Ihren engeren Freunden in Hollywood. Was finden Sie an ihm besonders?

Matt ist ein guter Mensch, und er spielt gerne den Hanswurst. Vielleicht haben es die Leute noch nicht kapiert, aber er ist wirklich ein sehr wandelbarer Schauspieler. Ihm nimmt man den harten Kerl in den «Bourne»-Filmen ab, aber auch den Hampelmann. Das ist sehr selten. Und ich mache mich gerne lustig über ihn.

Wie hat sich das in «Suburbicon» manifestiert?

Es gibt im Film eine Szene, in der er auf einem Kinder-Velo flüchtet. Wir hatten zuerst ein grösseres. Ich habe dann dafür gesorgt, dass er ein kleineres bekam, dass seine Knie richtig am Lenker anstiessen und dass es schwieriger für ihn wurde zu radeln – und natürlich sah das noch doofer aus.

«Suburbicon» ist eine schwarze Gesellschafts-Satire – ein Genre, an das sich kaum noch jemand in Hollywood wagt. Warum nicht?

Die Satire findet heute im Fernsehen statt. Stephen Colbert, Jimmy Kimmel und andere haben ihre Stimme in den Late Night Talk Shows gefunden. Meine Lieblings-Zeit in der Kino-Geschichte ist 1964 bis 1976 und wie die Filme die Zeit damals reflektierten. 1964 kam «Dr. Strangelove» ins Kino, als wir gerade die Kuba-Krise hinter uns hatten und die Angst vor einem Atomkrieg gross war. Mit «All the President’s Men» und «Network» kamen dann am Schluss ein gewisser Zynismus und das Misstrauen gegenüber der Regierung hinzu. Mir ist aber auch wichtig, dass die Filme unterhaltend sind, sonst kann man einen Dokumentarfilm machen. Er sollte also lustig sein und nicht daherkommen, als wollten wir Kindern Spinat schmackhaft machen.

Stichwort Kinder …

Oha, jetzt kommts.

Sie sind ja inzwischen Vater von Zwillingen geworden …

Ja, ist das nicht irre! Und das mit 56 Jahren – ich bin fast schon wie Tony Randall (der «Pillow Talk»-Schauspieler wurde mit 75 Jahren Vater, Anm. d. Red.)! Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich eines Tages noch eine eigene Familie haben würde. Warten Sie, ich habe Fotos! (zeigt ein Bild der Babys auf seinem Handy). Ella ist ein zartes Geschöpf mit Kulleraugen und ganz wie Amal. Alexander wiegt schon fast doppelt so viel wie seine Schwester – unglaublich, was er in sich reinzustopfen vermag. Die beiden sind schon ganz unterschiedlich, was wohl Sinn macht, aber ich habe das vorher noch nie so aus erster Hand erlebt.

Gabs sonst noch Überraschungen?

Es hat mich überrascht, dass zwei Kinder nicht doppelt so viel Arbeit sind, sondern noch mehr. Entsprechend habe ich grosse Hochachtung vor meiner Frau, die das alles toll meistert. Ansonsten bin ich ja nicht ganz wie die Jungfrau zum Kind gekommen: Alle meine Freunde haben Kinder, meine Schwester hat zwei und ich habe viele Patenkinder. Wenn ich heute in Hotels herumsitze und Interviews gebe, denke ich jedoch: «Wie gern wäre ich jetzt zu Hause.» Das ist ein schönes Gefühl. Ich war nie glücklicher.

Wie hat sich Ihre Lebenseinstellung als Familienvater verändert?

Nicht wahnsinnig. Von mir wollen sie ja momentan noch nicht viel. Ab und zu mal ein Fläschchen, aber ihre Welt dreht sich hauptsächlich um die Mutter. Natürlich fühle ich mich im höchsten Grad verantwortlich für sie. Ich hoffe, ich bin ihnen ein gutes Vorbild, dem sie folgen möchten. Es wird meine Herausforderung sein, ihnen Mitgefühl und Verständnis für Leute mitzugeben, die nicht so privilegiert sind wie sie. Wären Sie in Syrien geboren, würde ihr Leben ganz anders verlaufen.

Sie sind seit bald einem Vierteljahrhundert ein Star. Erinnern Sie sich an die Zeit vor den Privilegien?

Na klar. Ich konnte zehn Jahre nicht zum Arzt, weil ich keine Versicherung hatte. Ich kaufte zu lange Anzüge, schnitt Krawatten aus der Hosen-Überlänge und für den Saum sorgte der Bostitch. Ich habe in einem Damen-Schuhladen gearbeitet. Ganz schlimme Schuhe habe ich verkauft. Es gab damals im Mittleren Westen noch eine ganze Generation von älteren Frauen, die eine Zehe weghatten, damit sie einst in gewisse Pumps passten. Furchtbar! Vor diesen Kundinnen habe ich mich jeweils gedrückt.

Inzwischen sind Sie erfolgreicher Unternehmer, angeblich haben Sie und Ihre beiden Partner Ihr Tequila-Business diesen Sommer für eine Milliarde verkauft …

So viel war es nicht, aber es gab schon ganz schön Kohle. Angefangen hatte es ja, weil Rande Gerber (Ehemann von Cindy Crawford, Anm. d. Red.) und ich Tequila für unsere Ferienhäuser in Mexico brauchten. Offenbar hatten wir so viel anliefern lassen, dass es gesetzeswidrig wurde. Und so haben wir uns mit einem Händler zusammengetan und unser eigenes Label kreiert. Das Geschäft florierte. Das Zeug ist auch gut, ich trinke es die ganze Zeit. Leider.

Was leisten Sie sich mit dem Geld?

Wir haben vom Verkauf gleich 20 Millionen Dollar abgezwackt und in die Clooney-Stiftung gesteckt. Das erspart uns, Wohltätigkeits-Anlässe zu veranstalten, wo wir Leuten die Hände schütteln müssen, die wir nicht mögen.

Wen mögen Sie denn nicht?

Ach, es gibt Leute, die sagen, sie spenden 500 000 Dollar, und stellen dann allerlei Bedingungen. Als wir die Tequila-Bude verkauften, hatten wir gerade so einen Typ. Da konnte ich ihm sagen, dass wir auf sein Geld nicht angewiesen sind.

Persönlich scheinen Sie sehr glücklich. Würden Sie trotzdem etwas in Ihrem Leben ändern, wenn Sie könnten?

Ich würde gerne unerkannt im Central Park mit Frau und Kindern spazieren gehen. Aber ich jammere nicht, denn ich weiss, wie viel schwerer das Leben für die meisten Leute ist. Ich weiss noch genau, wie irgendein Star in der Sendung «Lifestyle of the Rich & Famous» über sein hartes Leben jammerte, während ich für 3,33 Dollar die Stunde Tabak schnitt und dachte, was das für ein Idiot ist.

Wie geht Ihre Frau damit um, dass Sie nicht im Park spazieren können?

Mit Humor. Das Witzige ist ja: Weil sie so professionell und elegant ist und kaum Interviews gibt, tanzen die Leute ganz sachte um sie herum. Denn sie haben keine Ahnung, wie lustig und aufgedreht sie sein kann.

George Clooney mit seiner Ehefrau Amal Alamuddin bei der Premiere seines neuen Filmes «Suburbicon».

George Clooney mit seiner Ehefrau Amal Alamuddin bei der Premiere seines neuen Filmes «Suburbicon».

Sie beide haben eine Schule in Libanon, dem Heimatland von Amal, eröffnet. Was wollen Sie erreichen?

Wir wollen den Terrorismus bezwingen! Wir versuchen für den Anfang, 5000 Kindern eine Ausbildung und Hoffnung für die Zukunft zu geben. Man muss sich vorstellen, in Libanon leben heute zwei Millionen Flüchtlinge – und das bei einer Bevölkerungszahl von nur etwas mehr als vier Millionen. Darunter sind viele Kinder, die wir erwischen wollen, bevor die Probleme anfangen.

Sie haben ja auch einen irakischen Flüchtling aufgenommen. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Bisher läufts gut. Er ist Jeside und musste vor dem IS flüchten, weil er lernen wollte. Er wurde an der Uni in Chicago aufgenommen und sonst lebt er in unserem Haus in Kentucky. Für meinen Vater ist es der Sohn, den er nie hatte, denn er hält all seine Sprüche, die ich schon tausendmal gehört habe, für neu und unglaublich witzig.

Sie sind mit Stars und US-Präsidenten befreundet. Gibt es noch jemanden, den Sie gerne einmal kennen lernen würden?

(überlegt) Robert Redford. Unsere Wege haben sich noch nie gekreuzt. Wir waren dieses Jahr beide in Venedig am Film Festival. Da habe ich ihn vergeblich gesucht. Ich bewundere, was er mit seiner Zeit im Rampenlicht gemacht hat. Der erste grössere Indie-Film war «Downhill Racer» und «All the President’s Men» ist der beste Film über Journalismus, der je gedreht wurde – mein Film «Good Night, and Good Luck» inbegriffen.