Für Stadt und Land – reloaded

Aus dem Stand zum Erfolg, in gut drei Jahren: «SF bi de Lüt» hat 150 Sendungen abgedreht, mit der Handschrift einer urbanen MTV-Generation, die «Für Stadt und Land» neu erfand. Wir fragen, mit einem Blick zurück und einem nach vorn: Ist am Fernsehen doch was echt?

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Für Stadt und Land – reloaded

Für Stadt und Land – reloaded

Max Dohner, Leuk VS

Zweimal stellt Nik Hartmann eine Frage. Zweimal ist sie fast identisch: «Wie lange steht ihr hier schon?» Das fragt er die Viertausender, auf dem Aufstieg zur Dufourspitze, auf seiner letzten Etappe «Über Stock und Stein» in der jüngsten Staffel. Und dann, im Beinhaus von Leuk, richtet sich Hartmann bei Kerzenschein an Hunderte von aufgeschichteten Schädeln: «Wie lange liegt ihr hier schon?» Vielleicht ist Hartmann, der haargenau richtige Typ für «Bi de Lüt», eben darum ein Star: weil er sich in Augenblicken überhaupt nicht danach fühlt.

Bildschirm-Promis messen ihre Bedeutung gewöhnlich nicht an der Ewigkeit von Bergen; sie halten sich selber für das Massiv. Und ein Publikum aus lauter Augenhöhlen schaudert sie. Dabei wäre das tote Kameraauge ein Symbol hierfür: alles Schein und Traum, wehe beim Lichterlöschen! Hartmann scheint anders, noch wirkt er anders. Wie ein Mann, dessen biografische und szenografische Figur nicht auseinanderfallen. Oder, wie uns Fernsehleute sagen, ehe wir ihm begegnen: «Er ist vor und neben der Kamera gleich, er ist authentisch.»

«Sali Nik»

Nun weiss kein Mensch, wie «authentisch» er in Bezug auf seine Anlage wirklich ist. Jeder wächst stark in die Bilder hinein, die andere von ihm haben – im Fernsehen wohl vielfach rascher. Von Hartmann haben mittlerweile alle ein Bild, dermassen populär, wie er ist: «Läck mer, das isch ja. . .Sali, Nik!» Sie tun es kumpelhaft, weil ähnlich leutselig auch Hartmann auf sie zugeht. Und die Leute kennen seinen Hund, wissen gar, wie man das schreibt: Jabba. «Erst, wenn sie dem Hund zu fressen geben», sagt Hartmann, «werde ich staubig.»

Nik ist der Einzige, der nach dem Lunch in Leuk ohne Brandzeichen erscheint. Alle anderen der TV-Crew, 14 an der Zahl, tragen das Logo ihres Programms in auffällig kollektiver Disziplin am Shirt, auf der Tasche oder am Sonnenhut.

«Eine Doku-Soap mit Sägemehl»

Sie treffen sich im Säli der «Krone» zur «Ablauf-Sitzung». Geführt wird sie vom Ausgabeleiter, Urs Sloksnath, und von Tom Schmidlin, Redaktionsleiter und Ideenlieferant. Beide sehen nicht eben nach Brauchtum aus, sofern man Volkstum mit hemdsärmligen Figuren verbindet, die irgendwo an Böse im Schwingen erinnern. Beide sind schmalgliedrige urbane Typen, die man auf dem Schwingplatz als «Schöngeister» verspotten würde, sofern da über «SF bi de Lüt» überhaupt noch einer lacht. Ende Juli werden zwei Böse selber TV-Heroen «Bi de Lüt», im Vorfeld des «Eidgenössischen» in Frauenfeld – eine Doku-Soap mit Sägemehl.

Seit Jahren hat die Schweizer Volkskultur keine stärkere TV-Auffrischung mehr erfahren als «Bi de Lüt» und es auch geschafft, ein breites nichtvolkstümliches Publikum an den Schirm zu holen. Einst hiess die volkstümliche Sendung, fast unverwüstlich, «Für Stadt und Land», geprägt von Wysel Gyr (1927–1999). Umgesetzt hat dieses Ziel freilich erst, Jahrzehnte danach, «Bi de Lüt».

Seit 3,5 Jahren unterwegs

Dabei ist die Erfolgsgeschichte nur gerade mal dreieinhalb Jahre alt. Sicherlich hat man einen Nerv getroffen dessen, was im Untergrund der Gesellschaft die Tektonik verschiebt: Während die globalisierte Welt auseinanderfällt wie ein fauler Fisch, werden volkstümliche Traditionen «wieder entdeckt». Heimatgefühle, vermischt mit sonderbarem Patriotismus, propagiert man in der Stadt wieder auf offensive, manchmal penetrante Art, deren sich Landleute nur genieren würden. Und drittens erlebt das Wandern einen Boom.

Trotzdem: Die Crew «Bi de Lüt» schwimmt nicht bloss mit auf einer Welle, unwissend, wie ihr geschieht. Dafür fasst sie ihre Inhalte zu genau, selbst dort, wo Redaktionsleiter Tom Schmidlin von «geänderter Verpackung» des Volkstümlichen spricht. Er sagt, am Anfang sei das Label gestanden – «Bi de Lüt» –, dann hätten sich Sendegefässe gebildet: «Heimspiel», «Landfrauenküche», «Über Stock und Stein», «Vereinsgeschichten» (letztere übrigens werden nach der zweiten Staffel «vorläufig schubladisiert»).

Eine junge MTV-Generation am Werk

Schmidlin erzählt, wie viele junge Leute mit Schaffensdrang in der Redaktion mitarbeiteten, und ergänzt, auf seinen Jahrgang 1974 angesprochen: «Die 80er-Unruhen habe ich knapp verpasst. Vielleicht ist das unsere Antwort darauf. Wir wollen so authentisch wie möglich sein. Das heisst auch Besinnung auf Werte.» Irgendwo logisch, dass man fürs nächste Jahr eine Serie mit Seniorinnen und Senioren plant: «Hervorragende Protagonisten», sagt Schmidlin, «die reden, wie sie sind.» In anderen Worten: Auch da sucht man möglichst Echtheit.

Dazu kommt ein formales Bewusstsein der Music-Clip-Generation «bi de Lüt». Fürs Finale der «Landfrauenküche» baute sie MTV-Elemente ein. «Über Stock und Stein» ist sowieso ein verkapptes Roadmovie auf Schusters Rappen, gestaltet mit Anleihen aus dem Film. Am interessantesten aber: Man setzt bewusst aufs Gegenteil der allgegenwärtigen Bilderbeschleunigung. Davon ist mehr als einmal die Rede hier, im «Krone»-Säli, das mit fettigen Walliser Panoramen in Ölfarbe buchstäblich glänzt. Der «mystische Teil» der Abendsendung etwa – Nik Hartmann steht bei Kerzenlicht im Totenschrein – soll eine solche Verlangsamung sein.

Die Sitzung wirkt nur auf den ersten Blick entspannt, ohne dass je Nervosität aufkäme. Jeder sucht seinen Einsatz, das punktgenaue Skript in der Hand, selbst die muskulösen Roadies, zuständig fürs Fahren des Equipments. Die paar fixen Punkte müssen klappen. Denn erstaunlich viel überlässt man der Improvisation. Oder Nik Hartmann. «Im freien Fall», sagt Ausgabeleiter Sloksnath, «ist er am besten.»

«Fast alles live»

Als Einziger erlaubt sich Hartmann Coolness oder zur Schau gestellte Gleichgültigkeit. Hingefläzt auf eine Bank, töggelet er auf dem iPhone rum, bricht jeden Ernst mit einem radiofonen Witz («Diese Sendung heisst ‹Bsoffe und hei›») oder gibt den neusten Tiefstand des Euro durch. Beim Probe-Rundgang verwechselt er dreimal die «Krone» mit der «Traube». Abends aber ist er hellwach, improvisiert und überzieht dennoch keine Sequenz. Die Regie muss nicht mal die Mittelerde-Gemeinschaft kippen, «Herr-der-Ringe-Fans», die ihre Generalversammlung abhalten. Man hätte sie als Zeitpuffer geopfert, hat sie fairerweise aber drauf hingewiesen.

Ausser einigen vorproduzierten Minuten ist alles live, ein Novum in «Über Stock und Stein». Auf dem zweiten SF-Kanal läuft gleichzeitig das letzte WM-Gruppenspiel der Schweiz. Zweimal war man besser als die WM-Quote. Aber gegen das Spiel der Schweiz, das weiss die Crew, hat man keine Chance. Als in Südafrika die Landeshymne erklingt, geht Hartmann ins Leuker Beinhaus. «Das ist mystisch», kommentiert, zerredet er, was man nur spüren kann. Einen Moment lang traut das Fernsehen der Wirklichkeit nicht. Das Interesse liegt zuletzt doch darin: Okay, die Sache ist gut. Ist sie aber auch gut inszeniert?

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