Gastbeitrag
«Es geht noch dümmer, mit der menschlichen Viehschau ‹Bachelor›»

SP-Nationalrat Cédric Wermuth knöpft sich die TV-Sendung «Der Bachelor» vor, die er als «menschliche Viehschau» bezeichnet. Die Sendung transportiere die Wertvorstellung, dass alle Lebensbereiche wie ein Markt organisiert sein müssten.

Cédric Wermuth
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Cédric Wermuth (r.) zieht über die TV-Sendung «Der Bachelor» (hier mit Vujo Gavric) her.

Cédric Wermuth (r.) zieht über die TV-Sendung «Der Bachelor» (hier mit Vujo Gavric) her.

zvg/key

Eigentlich dachte ich, wir hätten mit den Castingshows bereits den Tiefseegrund von niveaulosem Fernsehen erreicht. Dann hat mich der Privatsender 3+ eines Besseren belehrt. Es geht noch dümmer. Mit der menschlichen Viehschau , genannt «Der Bachelor». Die Mischung aus 50er-Jahre-Geschlechterstereotypen und modernem Chauvinismus, die man uns da vorsetzt, geht auf keine Kuhhaut.

Der Trick der Macher hat etwas Brillantes. «Der Bachelor» schliesst an eine Erzählsituation an, die wir alle von klein auf kennen. Die Sendung transportiert das klassische Aschenbrödel-Syndrom auf ein modernes Setting: der perfekte Prinz, der verzweifelt nach der Auserwählten sucht.

Das Frauenbild bleibt ebenfalls das gleiche: Hauptaufgabe der - notabene allesamt modellschlanken - Anwärterinnen besteht darin, sich zu schminken, zu lächeln, leicht dümmlich zu wirken (Hauptsache unselbstständig und verloren ohne den Mann) und vor allem den Wünschen des Prinzen so gut zu entsprechen wie möglich. Und die bösen Schwestern fehlen auch nicht: Der stereotype Zickenkrieg (Neudeutsch: Bitchfight) ist allgegenwärtig. Ach ja, fast hätte ich es vergessen: Die einzige wirkliche Herausforderung für die Frauen besteht darin, jederzeit willig mit dem Bachelor rumzuknutschen und ihm abwechslungsweise vor laufender Kamera ihre entblössten «inneren Werte» zu präsentieren.

Interessant ist, auf welcher Bühne die Aschenbrödel-Geschichte ins 21. Jahrhundert transportiert wird. Im Grunde genommen macht der Bachelor nicht viel anderes als beim Einkauf in einem Supermarkt. Er läuft durch die Regale, schaut sich die verschiedenen Snacks an und entscheidet sich am Schluss für den gluschtigsten. Die Entscheidung für eine der Frauen unterscheidet sich nicht wesentlich von der Entscheidung zwischen einem Mars und einem Snickers. Mit dem Unterschied vielleicht, dass er bei 3+ vor dem Kaufentscheid da und dort auch schon mal naschen darf.

Der Bachelor und seine drei letzten Ladies: Lara, Samira und Michaela.
7 Bilder
Die hübsche Samira aus Herisau muss als erste gehen.
Lara oder Michaela?
Michaela macht das Renenn. «Bei ihr habe ich das gewisse Etwas gefunden», wird Vujo sagen. Was das ist, sagt er nicht.
Der Siegeskuss: Sehen so Verliebte aus?
Und nochmals das Siegesduo: Wie lange wird die Beziehung halten?
Michaela ist schwer verliebt. Und Vujo?

Der Bachelor und seine drei letzten Ladies: Lara, Samira und Michaela.

Newspictures

Die Sendung transportiert eine Weltvorstellung, der unsere Gesellschaft in immer mehr Bereichen verfällt: Alles muss wie ein Markt organisiert sein. Ist Ihnen das schon einmal aufgefallen? Zum Beispiel in den politischen Debatten. Die Lösung für alle Probleme scheint mehr Markt zu sein: bei der Bildung, beim Steuerwettbewerb unter den Kantonen, im Gesundheitswesen, in der Wirtschaftspolitik sowieso. Und zunehmend gilt der Markt eben auch als Modell für zwischenmenschliche Beziehungen. Es geht gar schon so weit, dass man und frau auf Partnervermittlungsportalen mittels eines Online-Fragebogens ihren «Marktwert» berechnen können. Im Klartext: Aus Menschen werden Waren, aus menschlichen Beziehungen blosse, berechenbare Dienstleistungen. So feiert auch die gute alte Klassengesellschaft ein Comeback. Gleicher Marktwert zu gleichem Marktwert - nur ja keinen höheren oder tieferen erwischen.

In «Der Bachelor» wird dieser Liebesmarkt bewusst inszeniert - allerdings krass einseitig. Die Frauen müssen sich den Wünschen des Bachelors anpassen. Das hier und andernorts vermittelte Rollenbild hat Folgen: Wenn die Frauen keinen Mann finden, dann haben sie sich eben zu wenig zurechtgemacht. Sie sind selber Schuld - zu dick, zu prüde oder zu fest auf die Karriere fixiert. Ihr «Produkt» entspricht eben nicht der Nachfrage. Das kommt dem Bachelor und dem männlichen Geschlecht, das nach wie vor die grosse Mehrheit der Mächtigen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft stellt, natürlich entgegen.

Nur, das Problem ist, um frei nach dem deutschen Humanisten Immanuel Kant zu schliessen: Wer andere Menschen entmenschlicht und zur Ware macht, wird früher oder später ebenfalls zu einer.

Der Politologie- und Philosophiestudent aus Baden sitzt für die SP Aargau im Nationalrat.