Langenthal
Er ist der Mann mit der blauen Schürze

Keiner kennt das Archiv des Stadtbauamtes mit den Tausenden Baugesuchen so gut wie Hansruedi Stoll. Auch er gehört zum Inventar der Stadtverwaltung. 38 Jahre lang arbeitete er in Langenthal – jetzt wird Stoll pensioniert.

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Stoll

Stoll

az Langenthaler Tagblatt

Tobias Granwehr

Viele Jahre kannten ihn die Angestellten der Stadtverwaltung als Mann mit dem Militärvelo und der blauen Schürze. Das Fahrrad wurde ihm zwar gestohlen und ist durch ein neueres ersetzt worden, die blaue Schürze ist und bleibt aber sein Markenzeichen - zumindest bis nächsten Mittwoch. Dann geht Hansruedi Stoll nämlich in Pension. Über 38 Jahre lang arbeitete Stoll als technischer Zeichner auf dem Stadtbauamt und wurde «zur guten Seele des Büros», wie es seine Arbeitskolleginnen und -kollegen sagen.

Gefragt nach seinen Erinnerungen an die lange Zeit als Verwaltungsangestellter, erzählt Stoll als erstes nicht von seiner Arbeit: «1972 habe ich zum ersten Mal ein Langete-Hochwasser gesehen.» Das Stadtzentrum sei ganze drei Tage lang unter Wasser gestanden. «1975 war dann das schlimmste Langete-Hochwasser. Danach wurde der Stollen zum Thema.»

In Erinnerung bleiben ihm auch die verschiedenen Büros, in denen er gearbeitet hat. Zu Beginn sei das Stadtbauamt an der Lotzwilstrasse 3 im ehemaligen Möbelgeschäft Schüpbach einquartiert gewesen. «Dort waren wir bis 1980. Dann zogen wir in das Dachgeschoss der heutigen Kantonalbank um.» Im Juni 1992 folgte für Stoll und die gesamte Stadtverwaltung der Umzug in den neugebauten «Glaspalast».

Vor kurzem nochmals ausgemistet

Obwohl Stoll nie in Langenthal wohnhaft war - er lebt seit jeher in Rothrist -, kennt er die Stadt als Mitarbeiter des Fachbereichs Tiefbau besser als manch anderer. «Die Steinackermatte war vor 38 Jahren noch unbebaut. Heute ist fast alles besiedelt; diverse Gewerbebetriebe haben sich mittlerweile dort niedergelassen.» Stoll hat ausserdem alle Kanalisations-Katasterpläne aufgearbeitet. «Von Zeit zu Zeit habe ich die Änderungen nachgetragen.» Auch deshalb seine gute Ortskenntnis.

Stolls Reich ist das Archiv des Stadtbauamtes. Aus dem Umfeld des Amtes ist zu vernehmen, dass die gute Ordnung vor allem ihm zu verdanken ist. Doch er sagt bescheiden: «Die Baugesuche sind nach Strassennummern eingeordnet.» Man müsse diese für immer aufbewahren. Die ersten Gesuche stammten aus dem Jahr 1903. Es gebe aber noch genug Platz für Neue, sagt er. Die nächste Generation kann also noch genug bauen. Vor kurzem habe er im Archiv nochmals ausgemistet. «Vieles hätte man schon vor 17 Jahren wegwerfen können», sagt er fast vorwurfsvoll. Und er liefert sogleich ein Beispiel: «1971/72 lief ein Projektwettbewerb für die Gewerbeschule. Das Siegermodell haben wir danach behalten. Aber das damals 20-jährige Modell hätte man bereits 1992 beim letzten Umzug entsorgen können.»

Bis heute kann Stoll nichts anfangen mit Computer. «Ich habe noch nach ‹Pfahlbauer-Art› gezeichnet - mit Reisschiene und Winkel», sagt er und schmunzelt. Heute werde mit dem CAD-System gearbeitet, doch Stoll gibt zu: «Für mich hatte es keinen Wert mehr, das zu lernen.» Ähnlich verhält es sich mit dem Fotografieren, seiner grossen Leidenschaft. Bei der Arbeit habe er zwar digital fotografiert, doch privat knipse er noch immer analog. «Ich könnte meine Kamera schon auf digitales Fotografieren umrüsten. Da ich jedoch keinen Computer habe, müsste ich die Bilder ebenfalls irgendwo entwickeln lassen.» Übrigens: Stoll fungierte an internen Anlässen der Stadtverwaltung oder auf Mitarbeiterausflügen immer als «Hoffotograf». Neben dem Fotografieren nennt er das Wandern als zweites grosses Hobby.

Langweilig wird es ihm nicht

Hansruedi Stoll hat nun die Möglichkeit, sich mit 63 Jahren pensionieren zu lassen. Zum bevorstehenden Ruhestand sagt er: «Ich freue mich darauf.» Im Gespräch wird klar, dass er keiner ist, der tatenlos zu Hause rumsitzt. «Mit dem eigenen Haus habe ich genug zu tun. Langweilig wird es mir nicht.»

Für seine Arbeitskollegen ist die Pensionierung Stolls schwieriger als für ihn, wie auf dem Stadtbauamt offenkundig wird. Er sei die gute Seele des Teams und immer sehr hilfsbereit. Mit seinem Abgang gehe ein grosses Wissen verloren, heisst es. Nächsten Mittwoch hat Stoll aufgrund von Ferienrestbezug seinen letzten Arbeitstag - offiziell. Denn: Im Juni komme er nochmals zweimal die Woche, damit die Arbeit im Archiv nicht liegen bleibe.

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