Kein Radio, keine Musik, kein Fernseher, kein Kino. Florian Burkhardt wuchs in einer künstlichen Welt auf. Seine Mutter wollte ihn bewahren vor allen möglichen Gefahren, am meisten Angst hatte sie vor Drogen, Alkohol, Homosexualität.

Zu gefährlich waren deshalb im Teenageralter auch die Freunde – erlaubt war Spielen mit den kleinen Nachbarskindern, draussen vor dem Haus.

Der Grund dafür liegt weit zurück. Passiert ist es, noch bevor Florian zur Welt kam: Seine Eltern verloren bei einem selbstverschuldeten Autounfall 1973 ihren ersten Sohn. Der zweite sollte diese Lücke füllen.

Der Ausbruch

Florian Burckhardts unglaubliches Leben ist filmreif. Und verfilmt worden. Der Kinofilm «Electroboy» von Marcel Gisler hat den Schweizer Filmpreis für den besten Dokumentarfilm erhalten. Der Film zeigt Burkhardts Leben auf der Überholspur, in der Freiheit Hollywoods, nach der er sich so sehr sehnte.

«Electroboy» der Trailer zum Film von Marcel Gisler.

«Electroboy» der Trailer zum Film von Marcel Gisler.

Er bracht es ohne jegliche Erfahrung zum Model und Schauspieler – indem er sich durchschummelte. Der Lebenslauf mit den Filmen und Preisen war nicht echt, zur Rolle in einer Serie kam er, ohne dass er hätte vorspielen müssen. 

Der Zusammenbruch

Doch dann kamen die Panikattacken. So heftig, dass er sich irgendwann nicht mehr aus der Wohnung traute und freiwillig in eine psychiatrische Klinik ging. Dort öffneten ihm die Psychologen die Augen für seine Kindheit. «Die Ängste meiner Eltern haben mir offenbar programmiert, so dass ich eine Angststörung entwickelt habe», sagte er in der Sendung «TalkTäglich» am Mittwochabend auf Tele Züri.

Darüber hat er jetzt geschrieben. «Das Kind meiner Mutter» lautet der Titel seines Buches, das am 25. April erschienen ist.

Ausschnitt aus dem Kinodokumentarfilm «Electroboy»

Ausschnitt aus dem Kinodokumentarfilm «Electroboy»

Das Leben der Mutter retten

«Gewisse Sachen kamen mir schon komisch vor», sagt Florian Burkhardt jetzt rückblickend auf seine Kindheit. Etwa, wenn seine Mutter an seinem Bett betete, während er schlief. Wenn er dann aufwachte, sei ihm schon mulmig geworden.

Neben der Überbehütung gab ihm seine Mutter das Gefühl, eine Art Übermensch zu sein. «Alles, was ich gemacht habe, war genial.» Hatte seine Mutter Schmerzen, musste er die Hand auflegen. «Ich hatte das Gefühl, meine Aufgabe sei es, die Welt zu retten. Heute weiss ich, dass ich ihre Welt hätte retten sollen.»

Heftige Reaktion auf das Buch

Auf den Dokumentarfilm über das Leben ihres Sohnes hätten die Eltern kaum reagiert. Aber jetzt, auf das Buch, würden sie sehr heftig reagieren. Florian Burkhardt: «Meine Mutter hat als erstes gesagt, es sei alles falsch. Dann, sie würde sich nicht mehr erinnern.»

Nun, nur wenige Tage später, sei sie aber offen für einen schriftlichen Austausch. «Ich bin sehr gespannt, wie das herauskommt. Das ist sehr emotional für mich.»

«Der erwachsene Florian wirft ihr nichts vor», sagt Burckhardt. «Sie hatte Angst, sie konnte nicht anders.» Er habe heute Verständnis für das Verhalten seiner Eltern. «Aber der kleine Florian sagt: Das ist nicht in Ordnung für mich. Ideal wäre natürlich, wenn sich die zwei versöhnen könnten.» (smo)

Das Kind meiner Mutter – sehen Sie hier die Sendung «TalkTäglich» mit Florian Burkhardt in voller Länge.

Das Kind meiner Mutter – sehen Sie hier die Sendung «TalkTäglich» mit Florian Burkhardt in voller Länge.