Nachruf

Ein Musiker, der Pop weiterdachte: Talk-Talk-Sänger Mark Hollis stirbt mit 64

Mark Hollis (1955–2019): eigensinniger britischer Popmusiker.

Mark Hollis (1955–2019): eigensinniger britischer Popmusiker.

Er schuf Welthits wie «Such A Shame» oder «It’s My Life». Jetzt ist der mysteriöse Mark Hollis von Talk Talk tot.

Er war ein Sänger, der bis zu seinem überraschenden Tod unnahbar blieb: Mark Hollis. Wer den Briten mit seiner Band Talk Talk in den 80er-Jahren erlebt hat, weiss um ihre Qualitäten. Hollis verlieh nachdenklichen Sehnsüchten und melancholischen Grundstimmungen eine Stimme. Seine Lieder standen für Tiefgang, sie entzogen sich der Oberflächlichkeit dieser Dekade, in der viele Bands mehr Effort in ihre Haare steckten als in die Arrangements.

Talk Talk wurden mit dem New Wave nach oben gespült, wie Duran Duran oder Depeche Mode. Das war ihr Glück, auch wenn sie sich nie als Trend- oder Modeband verstanden. Hollis’ weinerliche Stimme, der angesagte Synthiepop sowie auffallend melodiöse Basslinien waren signifikant für Talk Talk. Zu den frühen Hits gehörten «Today» (1982) oder «Such A Shame» (1984), wobei der Begriff Hits mit Vorsicht verwendet werden muss.

«Such A Shame» eroberte zwar in der Schweiz die Spitze der Charts, in England hingegen kam die Single lediglich auf Platz 49. Am bekanntesten ist «It’s My Life», auch, weil die US-Band No Doubt das Lied 2003 erfolgreich coverte.

Mitte der 80er-Jahre schob Mark Hollis sein Quartett zunehmend in experimentellere Gefilde. Er wollte Pop weiterdenken, weiterbringen, so wie das Peter Gabriel in diesem Jahrzehnt vormachte, mit Stimmen, Geräuschen, Elektronik. Hollis kombinierte Weltschmerz, Eigensinn und Experimentierfreude auf eine Weise, dass Bands wie Radiohead in den 90er-Jahren daran anknüpfen konnten. Er beeindruckte auch, weil er sich den Mechanismen des Markts verweigerte. Dieser verlangte von ihm weitere Hits, Hollis hingegen wollte Kunst schaffen, was 1988 zum Bruch mit der Plattenfirma EMI führte. Anlass war das Album «Spirit of Eden», worauf sich Einflüsse von Neuer Musik, Ambient und Jazz fanden.

Das Album machte Talk Talk endgültig zur Musician’s Band: einflussreich und visionär, aber kommerziell weniger erfolgreich. Auf die Auflösung von Songstrukturen folgte 1991 die Auflösung der Band. 1998 veröffentlichte Hollis, damals 43, noch ein Soloalbum, dann zog er sich ganz zurück, angeblich, um sich um seine zwei Kinder zu kümmern. Am Montag wurde via Twitter bekannt, dass er gestorben sei. Ob an den Folgen einer Krankheit, ist unklar. Was aber sicher ist: Hollis wird nicht erst jetzt fehlen. Er fehlt schon seit 20 Jahren.

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