Pop-Ikone

Dokumentarfilm will Michael Jackson endgültig des Kindsmissbrauchs überführen – Beweislage ist dünn

Weil er einen Tanzwettbewerb gewann, durfte er sein Idol kennen lernen: Der fünfjährige Wade Robson 1987 mit Pop-Superstar Michael Jackson. HBO

Weil er einen Tanzwettbewerb gewann, durfte er sein Idol kennen lernen: Der fünfjährige Wade Robson 1987 mit Pop-Superstar Michael Jackson. HBO

«Leaving Neverland» ist nur schon von der Länge her ein emotioneller Marathon. Ganze 236 Minuten gibt sich der britische Dokumentarfilm-Regisseur Dan Reed Zeit, die Geschichte von Wade Robson, James Safechuck und Michael Jackson aufzurollen. Robson, heute 36 Jahre alt, und Safechuck, 41, gerieten als kleine Buben in den Orbit des Superstars. Der eine, Robson, gewann als Fünfjähriger 1987 im australischen Brisbane einen Tanzwettbewerb und durfte danach kurz die Bühne mit seinem Idol teilen. Der andere, Safechuck, war acht Jahre alt, als er Jackson bei den Aufnahmen für einen Werbespot für Pepsi Cola kennen lernte.

Bald verbrachten die Buben viel Zeit in «Neverland», Jacksons Landsitz in Kalifornien, und gehörten in Begleitung ihrer Mütter zum Tross des Stars auf Ferienreisen und Konzerttourneen. Noch im Jahr 2005, als Jackson beschuldigt wurde, den minderjährigen Gavin Arvizo sexuell missbraucht zu haben, sagte Robson unter Eid aus, Jackson habe sich nie irgendwie ungebührlich verhalten. Ähnlich tönte es von Safechuck.

Schwere Anschuldigungen

«Leaving Neverland» erzählt die Geschichte, wie Robson und Safechuck über viele Jahre hinweg in der Euphorie dieser Freundschaft aufgegangen seien. Erst in den letzten Jahren seien sie zur Erkenntnis gelangt, dass das, was Jackson mit ihnen angestellt habe, sexueller Missbrauch gewesen sei. Robson erinnert sich nun daran, wie er sich vor Jackson nackt habe aufstellen und seine Gesässbacken auseinanderziehen müssen, derweil Jackson onanierte. Auch Versuche zum Analverkehr habe es gegeben.

«Leaving Neverland» wurde am 25. Januar am Sundance-Festival in Park City, Utah, uraufgeführt. «Diese epische Vorstellung war ein einziger Schlag in den Magen», heisst es in der von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner lancierten Online-Publikation «Observer». Am 3. März wurde der von HBO und dem britischen Channel 4 kofinanzierte Film in den USA am Fernsehen gezeigt. Heute Mittwoch folgt die Ausstrahlung auf dem britischen Sender Channel 4, der auch in der Schweiz empfangbar ist.

Die Fans wehren sich

Die Reaktionen auf den Film waren voraussehbar. Natürlich wehren sich die Fans von Michael Jackson vehement dagegen, dass der Ruf ihres Idols einmal mehr in den Dreck gezogen wird. Mehrere europäische Fan-Klubs haben heute zu einer Demonstration vor dem Londoner Channel-4-Büro aufgerufen. Über eine Crowd-funding-Aktion hat man Londoner Busse mit Postern mit der Aufschrift «Facts don’t lie – people do – #Innocent» versehen. Michaels Brüder Jackie, Marlon und Tito zusammen mit dem Neffen Taj beteuerten in einem Interview mit CBS-TV die Unschuld ihres Bruders. Taj will nun eine filmische Gegendarstellung produzieren.

Jacksons Erbverwalter haben eine Klage über 100 Millionen Dollar gegen HBO eingereicht. «Leaving Neverland» soll gegen einen 1992 abgeschlossenen Vertrag verstossen, wonach sich der Sender im Gegenzug für die Ausstrahlungsrechte von der «Dangerous»-Tournee verpflichtet haben soll, Jackson in keiner Form zu verunglimpfen.

Die Jacksons haben im Umgang mit den Medien selten eine glückliche Hand gezeigt. Ihr Dokumentarfilm über das Leben von Michael war eine einzige Schmalzorgie. Eine wohltuende Ausnahme bildet nun ein Interview, das Michaels 37-jährige Nichte Brandi Jackson – Jackie Jacksons Tochter – der Radiostation IZM gab. Sie berichtet dort, wie sie Wade Robson als 10-Jährigen kennen gelernt und später sieben Jahre lang eine Liebesbeziehung mit ihm gepflegt habe. Nie habe er in dieser Zeit auch nur angedeutet, mit Michael eine andere als nur eine freundschaftliche Beziehung zu haben. Ihre Aussagen werfen ein schiefes Licht auf Robsons Angabe, er sei zutiefst verliebt gewesen in Michael und könne darüber erst jetzt reden, weil er viele Jahre gebraucht habe, um sich von den emotionellen Fesseln zu befreien.

Tatsächlich wirken die Unschuldsbeteuerungen der Michael-Jackson-Fans beim näheren Hinsehen rationaler als die ans Hysterische grenzenden Reaktionen der Gegenseite. Howard Weitzman, der Rechtsanwalt der Nachlassverwalter, bezeichnet «Leaving Neverland» als «Charaktermord» und hat HBO brieflich eine lange Reihe von Indizien zukommen lassen, die an der Glaubwürdigkeit von Robsons und Safechuchs Aussagen zweifeln lassen.

Kurios ist schon die Chronologie. Nach dem Tod von Michael Jackson im Juni 2009 erklärte Robson: «Er ist der Grund dafür, dass ich tanze. Der Grund dafür, dass ich Musik mache und einer der Gründe dafür, dass ich an die Reinheit und Güte der Menschheit glaube.»

Beide Zivilklagen abgewiesen

2011 meldete er bei Jacksons Nachlassverwaltern den Wunsch an, bei der Cirque-du-Soleil-Inszenierung von Jackson-Hits Regie zu führen. Man liess ihn abblitzen. Seine Karriere steckte eh in einer Krise, was eigenen, früheren Aussagen zufolge zu einem Nervenzusammenbruch führte. Im Verlaufe seiner Rekonvaleszenz sei er zur Einsicht gekommen, dass ihn Michael Jackson missbraucht habe. 2012 schrieb er darüber ein Buch. Niemand wollte es publizieren. Basierend auf seinen Anschuldigungen, reichte er 2013 eine Klage in der Höhe von 1,5 Milliarden Dollar gegen den Nachlass von Jackson ein.

Diese Klage, so gibt Safechuck an, habe auch ihn erkennen lassen, dass die Spiele mit Jackson in Wirklichkeit Missbrauch gewesen seien. Er folgte 2014 Robsons Beispiel. Im Dezember 2017 wurden beide Zivilklagen abgewiesen. Robson und Safechuck reichten Rekurs ein – dessen Verhandlung wird in den nächsten Monaten über die Bühne gehen.

«Leaving Neverland» ist kein Dokumentarfilm. Hinterfragt oder aufgedeckt wird nichts. Der Film zeigt zwei Männer, die eine Geschichte erzählen, ohne je etwas anderes als Worte aufzutischen. Sie tun dies mit all den Mitteln, die mit emotioneller Körpersprache verbunden sind: Tränen, Schnupfen, Pausen. Lauter Mittel, die zum Grundrepertoire jedes Schauspielers gehören. Zu Wort kommen auch die schockierten Familienangehörigen.

Ermittlungen blieben ergebnislos

Der Regisseur ignoriert, dass Jackson zwölf Jahre lang Gegenstand intensivster Untersuchungen war, ohne dass man je Beweismaterial gegen ihn gefunden hätte. Zum ersten Mal passierte dies 1993 im Fall Jordi Chandler. Jackson war entschlossen, die Sache vor Gericht zu bringen, aber seine Familie setzte ihn unter Druck, einen aussergerichtlichen Vergleich einzugehen. Die Medien und der Bezirksanwalt von Santa Barbara, Tom Sneddon, erachteten dies als ein Schuldgeständnis. Sneddon setzte alle Hebel in Bewegung, Jackson ins Gefängnis zu bringen. Mehrmals wurde dessen Ranch durchsucht, gefunden wurde nichts. Das FBI stellte über zehn Jahre hinweg ein 300-seitiges Dossier zusammen, ohne einer Überführung näher zu kommen. Sneddon fahndete auch in Europa nach Opfern und wurde nicht ein einziges Mal fündig. Im Schauprozess von 2005 mobilisierte er den ganzen Volkszorn, um Stimmung gegen Jackson zu machen. Jackson wurde freigesprochen.

Die MeToo-Bewegung hat allerhand sexuelle Raubtiere entlarvt. Das Muster war meistens das gleiche: Nach einer ersten, vom Beschuldigten vehement abgestrittenen Anschuldigung fassten andere Opfer den Mut, sich auszusprechen, bis sich der Täter nicht mehr aus der Schlinge reden konnte. Mit Jackson ist so etwas nie passiert. Schon Sneddon fand statt weiterer «Opfer» nur junge Männer, die Jacksons Unschuld beteuerten. Trotz der Furore, die «Leaving Neverland» ausgelöst hat, sind seither keine neuen Kläger in Erscheinung getreten.

Finding Neverland Regie: Dan Reed. Am 6. und 7. März als Zweiteiler auf dem Sender Channel 4 zu sehen.

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