Zürich

Die Spur führt von Zürich nach Havanna

Krimis mit Zürcher Ermittlern oder der Stadt Zürich als Tatort haben Hochkonjunktur. Im Erstlingswerk von Werbetexter Tamás Kiss ermittelt ein Kommissar der Zürcher Kantonspolizei, der im Koma liegt.

Andrea Trueb

Kommissar Varga liegt auf der Intensivstation. Der Zürcher Kriminalpolizist ist gelähmt. Nur sein Verstand funktioniert noch, so scharf wie eh und je. In diesem Zustand erinnert sich der kauzige Einzelgänger an den Fall, der ihn aufs Sterbebett gebracht hat, und versucht diesen zu lösen.

«Ich bin aufgewacht und die Idee zu dieser Geschichte war da», sagt Tamás Kiss, Inhaber und Cheftexter der Werbeagentur Hesskiss - und eben Krimiautor. Sein Erstlingswerk «Früher im Licht» liegt seit April in den Buchhandlungen. «Ein kleiner Schock» sei es schon gewesen, als er sein Buch zum ersten Mal aufgetürmt im Regal gesehen habe. «Da kauft man selber immer ein, und auf einmal liegen da Bücher mit dem eigenen Namen.»

Dreieinhalb Jahre ist es her, seit Kiss (ausgesprochen «Kisch») mit der Idee für einen Krimi aufgewacht ist. Die darauf- folgenden Tage arbeitete der 43-Jährige wie gewohnt in seiner Werbeagentur. Die Nächte aber verbrachte er vor dem Computer und schrieb die Geschichte von Kommissar Varga, dem gebürtigen Ungarn, der in der Schweiz nie ganz angekommen ist.

Die Figur sei ihm während des Schreibens so nahegekommen, dass er mitunter das Gefühl gehabt habe, er sei am Abend mit einem Freund verabredet. Tatsächlich ist Varga von Kiss' realem Leben nicht allzu weit entfernt. Hinter der Figur steht nämlich sein eigener Vater: «Es ist die Geschichte eines Menschen, dem der Spagat zwischen zwei doch sehr verschiedenen Kulturen einige Mühe bereitet.»

Obwohl der sterbende Varga ans Spitalbett gefesselt ist, spielt die Geschichte in drei Städten: Zürich, Budapest und Havanna. Budapest, weil sich Kiss als Sohn eines Heimweh-Ungarn dem Land schon immer nahe gefühlt hat. Er möge Berge nicht, sagt Kiss - sogar seine Träume spielten immer in topfebenen Gegenden. Als er dann als Kind zum ersten Mal nach Ungarn in die Puszta gekommen sei, habe er sich sofort zu Hause gefühlt. Zürich dient als Kulisse, weil Kiss in dieser Stadt aufgewachsen ist und heute noch da lebt. Und Havanna schliesslich: «Diese alte, aber gleichzeitig so lebendige Stadt ist für mich etwas vom Faszinierendsten, das ich kenne.»

Sämtliche Zürcher Schauplätze des Krimis waren dem einstigen Jus-Studenten, Maurer-Handlanger und Sandwich-Mann vertraut; Stauffacher und Flughafen Kloten, Vargas Wohnort an der Neugasse im Kreis 5 oder dann Zürich Schwamendingen, wo einer der Protagonisten wohnt und ein Mord geschieht. Im Gespräch mit zwei befreundeten Polizeioffizieren und mit Besuchen vor Ort hat sich Kiss in die Kriminalpolizei eingefühlt, während er sich die medizinischen Kenntnisse über Ärzte des Universitäts- respektive des Triemlispital angeeignet hat.

Der letzte Abschnitt des Buches sei seine liebste Passage, sagt Kiss, der persönlich am liebsten harte amerikanische Thriller liest: «Varga stirbt zwar, doch er ist mit sich im Reinen. Er hat seinen letzten Job gemacht und denkt zufrieden zurück an sein Leben, seine Jugend, seine Frauen . . . und kann dann ruhig über den Jordan.»

Nicht wie andere Autoren ist Kiss von Verlag zu Verlag gerannt, sondern hat sein Manuskript bereits beim ersten Mal an den Mann gebracht. Er habe in einer Tageszeitung ein Interview gelesen mit André Gstettenhofer vom Zürcher Salis-Verlag. Das Foto vom Verleger in Anzug und Turnschuhen mit Totenköpfen drauf habe ihn gleich angesprochen. Nach einem ersten Treffen war die Veröffentlichung abgemacht. Verkaufszahlen hat Kiss noch keine gesehen. Gemäss Verleger verkaufe sich sein Buch aber sehr gut.

«Ich würde mich freuen, wenn ‹Früher im Licht› zum verdienten Welterfolg werden würde - ein Häuschen mit Schreibstube in Havanna hätte ich schon im Hinterkopf», schreibt Kiss in seiner Einladung zur Vernissage. Auch wenn die Aussage nicht ganz ernst gemeint ist - am Traum eines Häuschens in Havanna hält Kiss fest: «Sonst schreibe ich halt noch mehr Bücher, bis ich mir das leisten kann.»

Tatsächlich lässt es Kiss dann auch nicht auf seinem Erstling beruhen. Sein «Zweitling» ist bereits in Arbeit. Allerdings wird es kein Krimi, sondern ein Thriller, und die Hauptrolle spielt kein Polizeikommissar mehr, sondern ein Agent. Auch mit dieser Figur hat sich Kiss bereits angefreundet. Auch er sei ein Typ, mit dem er - im realen Leben - «gerne etwas trinken gehen würde».

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