Die Schere von Kaiser Augustus

Coiffeur-Original Rolf Hofmann gehört zu Windisch wie das Amphitheater oder die Klosterkirche. Sein kultiger Salon im 70er-Style fiel vor kurzem der Baggerschaufel zum Opfer. Doch Figaro Rolfs Schere klappert weiter: an der Bergstrasse 2. – Rolf Hofmann über 45 Jahre Coiffeur-Leben, Indianerhäuptlinge und römische Scheren.

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Aargauer Zeitung

Erik Schwickardi

«Gosch efang ine. Chasch jo schomol afo met Schnide», zwinkert Figaro Rolf Hofmann (61) einem Kunden zu, während er einen anderen Gast bei der Tür verabschiedet. Sein Herrensalon Rolf ist legendär: Vom Schulbuben bis zum HTL-Professor: allen schneidet Rolf Hofmann die Haare. Zur Kundschaft gehören auch Gemeindeammänner, Regierungsräte und Wirtschaftsbosse. «Bei mir sind alle gleich - mir ist es egal, was einer ist. Für mich zählt der Mensch.» Wenn die Gemeinde Windisch einen neuen Rasenmäher kauft oder Millionen teure Kreisel baut, Coiffeur Rolf erfährt es als einer der Ersten. Horrende Krankenkassenprämien, kriminelle Ausländer oder die Formel-1-Resultate - alle Probleme und Sorgen werden mit den Kunden auf dem Coiffeurstuhl diskutiert.

Zuerst habe er Hochbauzeichner werden wollen, doch da habe die Mutter gemeint: «Lehr doch Coiffeur!» Bei Coiffeurmeister Willy Weber an der Zürcherstrasse 16 machte er die Lehre (Herren und Damen) - im gleichen Salon, den er 1973 mit 24 Jahren übernahm. Nur wenige Jahre kehrte er Windisch den Rücken: Rolf Hofmann arbeitete in Zürich, Buchs SG, Arosa und Lugano Paradiso. «Dort schnitt ich eine Saison lang die Haare im ‹Salon Muschi›. Der Laden hiess wirklich so.»

Lange Haare in den 70ern

«Damals gab es noch diese Langhaardackel-Frisuren. Die Leute sahen aus wie Indianerhäuptlinge.» Am Anfang kamen viele junge Kunden zu Rolf Hofmann: «Vor dem Militärdienst musste man zum Coiffeur. Die alten Coiffeure haben den Jungen zu viel abgehauen - ich wusste genau, wie lang noch drinlag», grinst das Windischer Coiffeur-Urgestein. In den 70er-Jahren war eine Anmeldung beim Herren-Coiffeur wenig üblich. Rolf Hofmann erinnert sich: «Die Leute fragten mich am Anfang: ‹Besch du jetz en Arzt?› - ‹Nei.› Gegenfrage: ‹Wartisch du gern?› - ‹Nei.› - ‹Ebe.›» Unverblümt und «graduse», aber das Herz immer am rechten Fleck - das ist Rolf Hofmann.

Um einen flotten Spruch ist er nie verlegen. «Ich bin ein direkter Typ. Ich sage, was ich denke.» Nur am Feierabend spannt er gerne aus: «Ich schnörre scho de ganz Tag, de beni zobe froh, wenn i nüt muess säge!» Früher fischte er im Hallwilersee Egli, relaxte auf dem Campingplatz Mosen. «Andere flogen in die Karibik, mir gefiels an der ‹Costa Mosa›.»

Eine Kent in der Pause

Tausende von Autofahrern kennen Rolf Hofmann, wie er bei der Harmonie-Kreuzung im Türrahmen seines Herrensalons stand und zwischendurch eine Kent Extra rauchte. «Die Bus-Chauffeure winkten mir alle zu. Jetzt fragen sie: ‹Wo besch au? Me gsehnd di nömm!›» Der Kanton hat das markante Obrist-Haus zwangsenteignet - wegen eines Kreiselbaus. Das Gebäude wurde in den letzten Tagen abgebrochen. Dort, wo Rolf Hofmann mehr als 40 Jahre lang die Haare schnitt, graben schon bald die Archäologen: «Mich nimmt ja Wunder, was die ‹Römer-Grübler› unter meinem Salon finden - wahrscheinlich eine römische Coiffeur-Schere von Kaiser Augustus!», orakelt Figaro Rolf schalkhaft und hebt vielsagend seine Augenbraunen.

Seit Februar klappert Rolfs Coiffeurschere an der Bergstrasse 2 in Windisch. So ganz gepasst hat ihm der Umzug nicht, aber es musste sein. Seine treuen Kunden atmeten auf: Rolf schneidet weiter, seine flotten Sprüche bleiben. Nur der künstliche Parkettboden seines neuen Salons bereitet ihm noch ein wenig Sorgen: Trotz «bäsele» bleiben die Haare aufgrund der elektrostatischen Ladung hartnäckig haften: «Die händ doch all s Gfüel, de Souchäib esch z fuul zum Wüsche!»