Etziken

«Die Nähe zum Bürger ist unsere Stärke»

Manfred Kaufmann (62) ist Bürger von Etziken, in der Gemeinde aufgewachsen und seither dort wohnhaft geblieben. Er hat eine Banklehre bei der damaligen Sparkasse der Amtei Kriegstetten absolviert. Kaufmann ist verheiratet und hat drei Kinder im Alter zwischen 29 und 39 Jahren sowie zwei Enkelkinder. In der Freizeit treibt er Sport in der Männerriege Etziken und widmet  sich in letzter Zeit vermehrt dem Garten. (crs)

Manfred Kaufmann

Manfred Kaufmann (62) ist Bürger von Etziken, in der Gemeinde aufgewachsen und seither dort wohnhaft geblieben. Er hat eine Banklehre bei der damaligen Sparkasse der Amtei Kriegstetten absolviert. Kaufmann ist verheiratet und hat drei Kinder im Alter zwischen 29 und 39 Jahren sowie zwei Enkelkinder. In der Freizeit treibt er Sport in der Männerriege Etziken und widmet sich in letzter Zeit vermehrt dem Garten. (crs)

Ende Juli ging Manfred Kaufmann nach 38 Jahren im Staatsdienst in den Ruhestand. Während 27 Jahren war er Vorsteher des Oberamts der Region Solothurn. Im Interview spricht er über brisante Fälle während seiner Amtszeit und erklärt, warum der Oberamtmann nach wie vor gebraucht wird.

Christof Ramser

Manfred Kaufmann, Sie gingen vor rund einem Monat in Pension. Konnten Sie sich schon etwas erholen?
Manfred Kaufmann: Ja, es ist allerdings eine Umstellung, auch im mentalen Bereich. Gedanklich gilt es einiges zu verarbeiten. Am Sonntagabend führte ich mir jeweils die Termine der kommenden Woche vor Augen. Das sorgte manchmal für eine unruhige Nacht, besonders mit zunehmendem Alter. Jetzt ist dieser Druck plötzlich weg, und ich fühle mich befreiter.

Haben Sie gewisse Fälle auch nach Feierabend beschäftigt?
Kaufmann: Das ist so, ich nahm nach Arbeitsschluss oder am Wochenende gedanklich belastende Fälle mit nach Hause. Hinter jedem Fall auf dem Oberamt verbergen sich menschliche Schicksale. Man schiebt keine Waren umher. Da kann man nicht einfach einen Knopf drücken um abzuschalten. Manche Fälle belasten das Privatleben.

Welche Fälle machten ihnen besonders zu schaffen?
Kaufmann: Ich erinnere mich an einen Fall vor rund zehn Jahren, bei dem ich eine Verfügung der Vormundschaftsbehörde vollstrecken musste. Kinder mussten fremdplatziert werden, doch die Eltern wollten sie nicht hergeben. Da war ich zusammen mit der Polizei und einer Sozialarbeiterin vor Ort, ein Arzt stand auf Pikett. Die Kinder zu holen und an einen anderen Ort zu bringen, das ging mir nah. Nicht zuletzt, weil ich selber eine Familie habe. Ich musste mir immer wieder vor Augen führen, dass eine Fremdplatzierung für die Kinder von Vorteil ist. Zum Glück blieben solche Fälle die Ausnahme.

Oft kann man die Reaktionen der betroffenen Personen nicht abschätzen. Wurde es auch mal gefährlich für Sie?
Kaufmann: Das ist öfter vorgekommen. Als ich zum Beispiel einen Mann in eine psychiatrische Klinik einweisen musste, erstellte dieser eine Liste mit Personen, die nach seiner Entlassung «drankämen». Mein Name stand auch auf dieser Liste. Nach seiner Entlassung trat ich den Heimweg oftmals mit unguten Gefühlen an.

Gab es weitere brisante Fälle?
Kaufmann: Ja, im Zusammenhang mit dem Mietwesen. Mieter wollten trotz rechtsgültiger Kündigung eine Wohnung nicht freiwillig verlassen, wir mussten sie aus der Liegenschaft ausweisen. Da erlebte ich einen Suizidfall. Das sind unangenehme und unvergessliche Momente in meinem Leben.

Wie bereitet man sich auf solche Situationen vor?
Kaufmann: Ich habe entsprechende Kurse und Weiterbildungen besucht. Aber die «Praxis» sieht ganz anders aus. Solche Situationen sind sehr prägend, man nimmt sie in sich auf. Auch bei weiteren Vollstreckungen hatte ich ein ungutes Gefühl. Etwa wenn es galt, Waffen zu beschlagnahmen.

Sie haben auch mit der Vormundschaftsbehörde zusammengearbeitet. Wie erlebten Sie den Fall von Ramona, der 13-jährigen Mutter aus Obergerlafingen?
Kaufmann: Eher am Rande, an vorderster Front war ja die Vormundschaftsbehörde tätig. Sie musste die wichtigsten Entscheidungen treffen, weil die Mutter minderjährig ist. Da tauchten Fragen auf zu Alimentenzahlungen und Massnahmen zum Kindswohl. Im Rückblick war das sicher einer der aussergewöhnlichsten Fälle in meiner Laufbahn, nicht zuletzt vom Presse-Echo her.

Vormundschafts- und Mietfragen, Vereidigungen von Gemeindepräsidenten - ihr Beruf war sehr vielfältig. Wie sind Sie dazu gekommen?
Kaufmann: Ich wurde mit 23 Jahren Gemeindeschreiber in Etziken, gleichzeitig war ich Aktuar der Vormundschaftsbehörde. 1976 habe ich mich auf die Stelle als Kanzleisekretär im Vormundschafts- und Sozialbereich auf dem Oberamt beworben. So kam ich mit 30 Jahren ins Oberamt. Mich interessierte das Sozialwesen im Allgemeinen. 1982 wurde ich dann durch eine Volkswahl zum Oberamtmann der Amtei Bucheggberg-Wasseramt gewählt. Damals war das Pflichtenheft umfangreicher als heute. So übernahm ich zugleich das Präsidium des Jugendfürsorgevereins Wasseramt, wurde Präsident des Alters- und Pflegeheims Heimetblick in Biberist sowie Präsident des Zweckverbands Familien- und Mütterberatung Wasseramt. Ich war der letzte Oberamtvorsteher, der diese Aufgaben ausführte.

In den letzten Jahren hat sich der Beruf aber grundlegend geändert.
Kaufmann: Ja, ich war noch der letzte aktive Oberamtmann, der vom Volk gewählt wurde. Mit der Abschaffung der Volkswahl sank meiner Meinung nach auch die Akzeptanz und Verwurzelung in der Bevölkerung. Zu meinem Amtsantritt war der Oberamtmann die Schnittstelle zwischen Regierung, Gemeinden und Bevölkerung. Ich war noch direkt dem Regierungsrat unterstellt. Heute sind wir dem Amt für soziale Sicherheit angegliedert. Auch im Aufgabenbereich hat sich einiges verändert. So entscheiden wir in vormundschaftlichen Beschwerdeangelegenheiten nicht mehr als Oberamt, sondern im Namen des Departements des Innern. Im Jahr 2001 wurden zudem die beiden Oberämter Solothurn-Lebern und Bucheggberg-Wasseramt auf zum Oberamt Region Solothurn vereinigt.

Sie waren per Stellenbeschrieb auch Ombudsmann. Hatten Sie somit eine Beraterfunktion?
Kaufmann: Durchaus, indem ich Leute an die richtigen Stellen weitervermittelt oder sie angehört und beraten habe. Jeweils am ersten Montag im Monat zwischen 16 und 18 Uhr gibt es Sprechstunden. Da können die Leute unangemeldet vorbeikommen und sagen, wo sie der Schuh drückt.

Was waren die hauptsächlichen Fragen?
Kaufmann: Das war unterschiedlich: Wie fasse ich ein Testament ab? Wie gehe ich vor bei einem Hausverkauf? Wie kann ich von einem Kaufvertrag zurücktreten? Einmal kam eine ältere Frau mit Tränen in den Augen zu mir und beklagte sich, dass der Grabstein ihres verstorbenen Mannes nicht mehr auf dem Friedhof zu finden sei. Nach kurzem Kontakt mit der örtlichen Friedhofkommission konnte der Grabstein geortet und der Frau zurückgegeben werden. Sie hatte schlicht die Publikation über die Gräberaufhebung im Amtsanzeiger verpasst. Oft gab es auch Streitfälle unter Nachbarn, etwa wenn Sträucher über Grundstücke hinweg wuchsen und das Laub in Nachbars Garten fiel.

Sie hatten also immer den Kontakt zur Basis und hörten sich die alltäglichen Probleme der Menschen an.
Kaufmann: Ja, das ist ein Ziel unserer Arbeit. Der einfache Bürger muss wissen: Es gibt eine Stelle, bei der ich meine Anliegen deponieren kann. Das ist eine unserer Stärken. So bin ich verwurzelt in der Region und habe ein breites Beziehungsnetz in die Gemeinden knüpfen können. Die Sprechstunde ist nach wie vor sehr wichtig. Man kann sich mit allen Problemen ans Oberamt wenden.

Ist ihnen die Tätigkeit als Oberamtmann nie über den Kopf gewachsen?
Kaufmann: Ich glaube nicht. Über den Kopf gewachsen ist vielleicht der falsche Ausdruck. Im Beruf wurde ich durch heikle Fälle gefordert. Ich habe das verantwortungsvolle Amt ja bereits in jungen Jahren angetreten und meine Berufswahl nie bereut. Ich liebte diesen abwechslungsreichen Job. Obwohl es auch Situationen gab, in denen ich wie geschildert auch bedroht wurde. Solche Fälle haben in letzter Zeit leider wieder etwas zugenommen.

Sie waren an vielen Fronten aktiv. Befürchten Sie, nach der Pensionierung in ein mentales Loch zu fallen?
Kaufmann: Das will ich verhindern, darum habe ich Vorkehrungen getroffen. Ich führe weiterhin das Präsidium im Alters- und Pflegeheim Heimetblick in Biberist, ebenso das Präsidium im Zweckverband für Familien- und Mütterberatung Wasseramt. Ein Ziel von mir ist es, die Zweckverbände des Wasseramts und des Bucheggbergs zu fusionieren. Dies als Fortsetzung und Bildung der vier Sozialregionen in der Amtei Bucheggberg-Wasseramt anstelle der 42 Vormundschaftsbehörden. Auch das Präsidium im Jugendfürsorgeverein Wasseramt führe ich weiter. So behalte ich den Kontakt zur Basis, und darauf freue ich mich.

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