Rueb
Die «Hölle schwarzer Pädagogik» hat Rübezahls Leben geprägt

Die Jugendjahre im Erziehungsheim der Pestalozzi-Stiftung in Schlieren haben aus ihm einen Nonkonformisten und Kommunisten gemacht. Nun hat der 76-jährige Franz Rueb unter dem Titel «Rübezahl spielte links aussen» ein Buch mit Geschichten über seine erste Lebenshälfte geschrieben.

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Von Jürg Krebs

Franz Rueb steht vor einem alten, ihm sehr wohl bekannten Herrenhaus auf dem Schlieremerberg. Es regnet. Da ist der Vorplatz aus Pflastersteinen. Da ist der Brunnen, mit Blumen geschmückt. Und da ist die eiserne Glocke über der Eingangstür, mit der Kommandos geschlagen wurden. Damals in den 1940er-Jahren. Damals, als Franz Rueb hier lebte. Nun ist er mit 76 Jahren zurückgekehrt, an den Ort seiner Jugend, das ehemalige Erziehungsheim der Pestalozzi-Stiftung, das heute ein Bauernhof ist. Hier nannten sie den Rueb spöttisch Ruebenzahl.

Im Heim begann der Lauf von Franz Ruebs bewegtem Leben. In der «tyrannisch geführten Anstalt», dieser «Hölle selbstgerechter, schwarzer Pädagogik», wie er sie nennt, lernte der jugendliche Franz vor allem anderen eines: sich zu behaupten. Eine zentrale Erfahrung in seinem Leben. «Wer menschlich überleben wollte, musste sich in dieser Welt behaupten können», sagt Franz Rueb. «Man musste hart sein, ohne selbst zu verhärten. Man musste einstecken können und schlau sein.»

Franz Rueb wollte - und konnte. Andere zerbrachen. Die erlernten Eigenschaften drückten seinem späteren Leben einen unauslöschbaren Stempel auf. Sie bestimmten aber weniger die Richtung von Ruebs Lebenslauf, als vielmehr dessen Wille, auch bei viel Gegenwind voranzukommen. Das machte ihn zum Nonkonformisten, und das ist er zeit seines Lebens geblieben. Sich behaupten zu müssen führte dazu, dass er in den 1960ern eine politische Laufbahn einschlug.

Er wurde Mitglied der Kommunistischen Partei, Zürcher Kantonsrat und Prügelknabe einer bürgerlichen Zürcher Gesellschaft, die für die Globus-Krawalle einen Sündenbock suchte. Rueb musste seine Laufbahn nicht erst in Gang bringen. Er war längst schon in Bewegung und agierte aus dem begonnenen Sprint heraus.

Beides, Jugend- und politische Zeit, hat Franz Rueb nun in einem Buch verarbeitet, das Ende August erscheint. Wie nicht anders zu erwarten, wurde aus dem Lauf seines Lebens ein eigenwilliger Lebenslauf, der seine erste Lebenshälfte abdeckt. Der Band enthält Autobiografisches und trägt den Titel «Rübezahl spielte links aussen. Erinnerungen eines Politischen». Das Wortspiel zeugt nicht nur von Ruebs politischen Ideen, sondern auch von seiner Vorliebe für Fussball. Am Sport der Proletarier konnte sich die bürgerliche Schweiz in den 40er-Jahren noch stossen. Das passte Rueb.

In 62 kurzen und etwas längeren Kapiteln mischt Rueb Jugenderinnerungen mit den Erinnerungen an seine politisch aktive Zeit, verarbeitet sie zu Geschichten. Die Kapitel über die Jugend und die Politik sind durcheinandergemischt, nicht immer nehmen sie Bezug aufeinander. Trotzdem wird auf unterhaltsame Weise klar, warum Rueb wurde, was er ist. Ein Unangepasster.

«Rübezahl spielte links aussen» ist keine eigentliche Autobiografie, enthält aber dennoch viel Biografisches. Rueb selbst sagt: «90 Prozent der Geschichte ist wahr, aber 100 Prozent ist wahrhaftig.» So deutet er an: Es ist seine Sicht der Geschichte, die er erzählt.

Zur Person: Franz Rueb

Der 76-jährige Publizist und Schriftsteller lebt in Zürich. 1933 wurde Franz Rueb in Altstetten geboren. Als seine Mutter ins Gefängnis muss (den Grund kennt er bis heute nicht genau), fällt die Familie, zu der noch vier Geschwister gehören, auseinander. Der Vater lässt es geschehen. Franz Rueb wird in der Folge mit drei Jahren in ein katholisches Kinderheim in Zug gesteckt. 1943 kam er ins Erziehungsheim der Pestalozzi-Stiftung, die damals noch in Schlieren domiziliert war. Er blieb bis 1950. Der gelernte Schriftsetzer arbeitete in den 60er-Jahren als Journalist und Publizist in den Bereichen Politik und Kultur. Franz Rueb ist Teil der politischen Aufbruchstimmung jener Jahre, macht sich als Redner einen Namen und ist einer der Führer der Demonstranten. Er tritt der Kommunistischen Partei der Schweiz (Partei der Arbeit, PdA) bei, wird Redaktor der Parteizeitung «Vorwärts» und schliesslich von 1967 bis 1970 Kantonsrat. Als er sich mit eigenen Parteikadern überwirft, kehrt er der Politik den Rücken. Von 1970 bis 1974 arbeitet er als dramaturgischer Mitarbeiter an der Schaubühne Berlin. Seit 1975, zurück in der Schweiz, ist er freischaffender Autor. Seine Themen: Kulturgeschichte, Medizingeschichte, Theater- und Musikgeschichte. Franz Rueb heiratet spät, mit 42 Jahren. Der Ehe entstammt ein mittlerweile erwachsener Sohn, der als Regisseur in Deutschland arbeitet. Rueb führt seit einigen Jahren ein eigenes Bed and Breakfast. Ende Monat erscheint sein jüngstes Buch «Rübezahl spielte links aussen».

Franz Rueb, «Rübezahl spielte links aussen. Erinnerungen eines Politischen», Edition 8, 308 Seiten, ca.
34 Franken. Vernissage: 11. September 2009, 19.30 Uhr, Sphères, Hardturmstrasse 66, Zürich.

www.franzrueb.ch
www.edition8.ch

Für die Recherchen konnte sich der Nonkonformist ausgerechnet auf den Staat abstützen, weil dieser ihn über Jahre bespitzelt hatte. Was mit der Fichen-Affäre 1990 aufflog, entpuppte sich für den vom Bund politisch als gefährlich eingestuften damaligen Jungkommunisten im Nachhinein als Glücksfall. Ihm standen plötzlich Hunderte von Seiten Biografie zur Verfügung. Auch wenn vieles von Belanglosigkeit ist - was gemäss Rueb mehr über den Staat, der ihn überwachte, als über ihn selbst aussagt -, so entdeckte er doch Brauchbares.

Franz Rueb schlendert durch die ehemalige Heimanlage in Schlieren. Von den alten und riesigen Kastanienbäumen ist noch einer übrig. Ein Prachtexemplar, auf dem Rübezahl mit anderen Heimkindern herumgeturnt ist.

Angesichts solcher Momente sagt Franz Rueb über seine Aufenthaltszeit eben auch: «Bei aller Pädagogik, die nur zu psychischer Schädigung und Aggression führte, war mir immer klar, dass ich hier als Kind einen unendlichen Reichtum erleben durfte.» Er habe Fussball spielen dürfen, es sei gesungen und Theater gespielt worden. Und die Natur war ein einziger Robinsonspielplatz. Zudem war er aufgrund seiner Begabung einer der ganz wenigen der insgesamt 40 Zöglinge, die der Heimschule entkamen und nach Schlieren runter in die Sekundarschule durften. Trotz gelegentlichen Freiheiten funktionierte diese Welt nach militärisch-strengen Regeln.

Elterliche Liebe erfuhren die Knaben nicht. Darauf war die Erziehung nicht angelegt. Nur wer Glück hatte, fand zu einer menschlichen Beziehung mit einer Hausangestellten. Mitarbeit in Haushalt, Stall und Garten war Pflicht, Schule hin oder her. Prügel und Lederriemen waren zwecks Züchtigung schnell zur Hand. Kopfnüsse wurden verteilt. Da war das Jäten als Strafarbeit fast schon eine Erholung.

Eine solche Tortur beschreibt Rueb im Kapitel zum Nationalfeiertag. Fussmärsche «bis fast zur Selbstvernichtung» waren gang und gäbe. Jenen vom Friedenstag des Weltkrieges, dem 8. Mai 1945, schildert er im Buch. Der Gewaltsmarsch führte den 12-Jährigen von Schlieren durch die Stadt Zürich hinauf zum Forchdenkmal, von dort hinunter an den Zürichsee und von da wieder zurück auf den Schlieremerberg. «Die Jüngeren gingen fast drauf», so Rueb.

Der Heimleiter - im Buch Bausch genannt - war Dreh- und Angelpunkt und somit die beherrschende Figur in dieser Welt. Pädagogik und Psychologie interessierten ihn nicht. Ansonsten beschreibt ihn Rueb als eine Art Allroundgenie. Aber: «Das war keine Schule, kein Erziehungsheim, das war eine Zucht- und Arbeitsanstalt. Wir wurden für die Arbeit gedrillt.»

Aus den Rotzlöffeln sollten verantwortungsvolle Bürger geformt werden. Egal wie, und sei es, dass die jungen Seelen gebrochen wurden. Bausch habe nur etwas interessiert: «De Lade muess laufe.» Schliesslich war das Heim Selbstversorger. Franz Rueb zeigt auf das Gras, das auf dem Vorplatz zwischen den Pflastersteinen wuchert: «So etwas hat es damals nicht gegeben. Hier war alles ordentlich.»

Im Jahr 1950 fand die Zeit auf dem Schlieremerberg ein Ende. Franz Rueb wechselte in ein Lehrlingsheim, wurde Schriftsetzer. Damit begann seine Politisierung. Sie fiel zusammen mit der Verarbeitung von Kindheit und Jugend: Ohne Eltern aufzuwachsen, statt Geborgenheit eines Elternhauses zu geniessen, Zucht und Ordnung des Heimalltags zu erleben, das sei nicht spurlos an ihm vorbeigegangen, erzählt Franz Rueb. Er sagt: «Ich war das Produkt einer unharmonischen Welt, natürlich hatte ich zwischen 20 und 30 Probleme mit mir und meiner Umwelt.»

Seine Aversion gegen alles Autoritäre, gegen den Schraubstock der bürgerlichen Gesellschaft, liess ihn aufbegehren. Sein unangepasstes Temperament, seine erlernte Fähigkeit, sich zu wehren, führten ihn in die Politik. Nicht zwangsläufig, es hätte auch alles anders kommen können. Dennoch passte Franz Rueb in die heraufziehende turbulente Zeit.

Als prägend beschreibt er die politischen Streitgespräche mit seinem Lehrmeister und den Aufstand der Ungarn gegen die sowjetischen Machtansprüche. Immer mehr brach bei Franz Rueb durch, was in Schlieren gewachsen war: nicht nur dem bürgerlichen Diktat zu widerstehen, sondern es abzuschütteln. Es war für ihn dieselbe Situation wie auf dem Schlieremerberg: «Wer menschlich überleben wollte, musste sich in dieser Welt behaupten.»

Es kamen die 60er-Jahre: Demonstrationen waren das Mittel, den Unmut zu zeigen. Diskussionen und Reden dazu da, das Bewusstsein zu schärfen. Die Mitgliedschaft bei der Partei der Arbeit der Weg, den kommunistischen Gleichheitsgedanken in die Gesellschaft hineinzutragen. Franz Rueb war dabei, als es in Zürich Ende der 60er-Jahre chlöpfte. Er war eine der Galionsfiguren der Demonstranten und als solche Mitglied des Kantonsrats (1967-1970).

Schliesslich versuchte ihm der bürgerliche Teil des Kantonsrats die Schuld an den Globus-Krawallen in die Schuhe zu schieben, ihn gar als Drahtzieher zu entlarven. Es gab Bestrebungen, ihn seines Amtes zu entheben. Franz Rueb selbst war bei der Schlacht mit der Polizei vor dem Globus-Provisorium gar nicht anwesend. Er habe auch nichts davon gewusst, sei an einem Fest gewesen, habe erst Stunden später von den Vorgängen erfahren.

«Die Krawalle waren spontan entstanden, ich konnte gar nichts gewusst haben», sagt Rueb. Mit 35 Jahren war er nicht einmal Teil der Jugendkultur. Sein Herz gehörte nicht den Beatles, sondern (bis heute) Johann Sebastian Bach, dessen «Johannes-Passion» (er widmet ihr im Buch ein Kapitel) er als eine der «Kronen der Musikgeschichte» bezeichnet. Aber es blieb der Vorwurf, seine Ideen hätten die Jugend zum Kampf gegen die herrschende Klasse aufgewiegelt.

Franz Rueb nahm die Herausforderung auch in der eigenen Partei wahr. Er gehörte zu einer Fraktion junger Parteimitglieder, die mit den alten «bürokratischen Betonköpfen» im Clinch lag. Er konnte diesen Kampf nicht gewinnen und brach in der Folge, radikal, wie er war, gleich mit der ganzen Politik. Die Welt sollte sich trotzdem verändern, und das durchaus in seinem Sinn. Sie wurde ungezwungener, offener, freier. Franz Rueb hat dazu einen Beitrag geleistet.

An einen normalen Job war 1970 mit seinem Hintergrund aber nicht zu denken. Zu sehr war er noch immer Rübezahl. Franz Rueb brach deshalb gleich noch für ein paar Jahre mit der Schweiz und ging als dramaturgischer Mitarbeiter an die Schaubühne Berlin. Am Halleschen Ufer machte sich ein gewisser Peter Stein als Regisseur gerade daran, für Furore zu sorgen. Wieder war Rueb mittendrin im Geschehen.

Die Jahre in Berlin sind allerdings nicht mehr Inhalt von Franz Ruebs Buch. Sie werden wohl in einer Fortsetzung der «Autobiografie» erzählt, so diese denn erscheinen wird. Dort wird dann stehen, dass das Theater sein Weltbild verfeinert hat, dass er in Schattierungen zu denken gelernt hat. Dazu gehört auch Franz Rueb, der Familienmensch und vor allem Vater: «Ich war ein intensiver und begeisterter Vater», sagt Rueb. Ab 1975 widmete er sich vor allem der Familie.

Er, der nie eine hatte, sagt: «Ich habe dies sehr genossen.» Und er begann wieder zu schreiben, ist bis heute Publizist und Schriftsteller, schrieb Monografien zu Hutten, Paracelsus, Johann Sebastian Bach und zur Hexenverfolgung.

Am Ende des Rundgangs in der ehemaligen Heimanlage auf dem Schlieremerberg haben sich nicht nur die Wolken verzogen. Franz Rueb wirkt mit der Vergangenheit ausgesöhnt. Die lichten Momente jugendlicher Freiheit haben ihn über den düsteren Alltag hinweggetröstet. So blieb in der Seele von Franz Rueb keine Verbitterung zurück: «Ich hegte nie einen Groll auf das Heim.»

Der Politik hat er sich nur mehr sanft angenähert, indem er in seinen Büchern gesellschaftspolitische Themen aufgreift. Über sich selbst sagt Franz Rueb heute: «Ich bin noch immer ein Aussenseiter. Ich bin zwar in die Gesellschaft integriert, gehe aber trotzdem meinen eigenen Weg - und bin glücklich dabei.»

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