«Es war einmal ein braver Bube, der filmte seine liebe Grossmutter beim Vorlesen.» So könnte das Märchen von der Marmeladen-Oma beginnen. Doch die Geschichte von Helga Sofie Josefa, alias «Die Marmeladen-Oma» und ihrem Enkel ist kein Märchen, sondern ein Internet-Hype.

Jeden Samstagabend streamt der 15-jährige Janik die Märchenstunde seiner 86 Jahre alten Grossmutter im Internet. Mittlerweile hat Oma fast 200'000 Fans und ist gefeierter Youtube-Star.

Als Janik den grossen Plenarsaal des Berliner Abgeordnetenhauses betritt, wirkt er wie jemand, der nicht im Weg stehen möchte. Dabei sind viele der Gäste nur wegen ihm und seiner Oma hier. Gleich wird den beiden vom Deutschen Zentrum für Märchenkultur die Auszeichnung Goldene Erbse verliehen. Neben Janik stützt seine Oma Helga sich auf ihren Rollator. Sie wirkt so entspannt, als hätte sie ihr ganzes Leben vor Publikum verbracht.

«Gold für MARMELADENOMA!»: Das Video von der Preisverleihung.

«Gold für MARMELADENOMA!»: Das Video von der Preisverleihung.

  

Dabei hat ihr Enkel sie erst vor wenigen Monaten zum Star gemacht. Früher besuchte Janik jedes Wochenende seine Oma in Baden-Württemberg. Die beiden spielten mit Lego, und bevor er zu Bett ging, las seine Oma ihm ein Märchen vor. Doch irgendwann war der Enkel dem Lego- und Märchen-Alter entwachsen und installierte sich bei seiner Oma einen Computer.

Er verbrachte immer mehr Zeit vor dem Bildschirm und seine Oma mehr Zeit mit ihren Büchern. Janik begann sich zu überlegen, wie er sein Interesse für Computer und Omas Leidenschaft für Geschichten unter einen Hut bringen könnte. Die Idee des Märchen-Livestreams war geboren. Weil seine Oma die beste Marmelade der Welt kocht, nannte Janik das Format «Die Marmeladen-Oma».

Plötzlich berühmt Janik und seine «Marmeladen-Oma».

Plötzlich berühmt Janik und seine «Marmeladen-Oma».

«Am Anfang waren wir eine schnuckelige Sendung mit ein paar treuen Fans, aber dann kam Gronkh», berichtet Oma Helga. Sie weiss, dass «der liebe Gronkh» einer der erfolgreichsten deutschen Youtuber mit fast 4,7 Millionen Abonnenten ist. Als dieser Helgas Märchenstunde seinen Fans empfahl, brach der Stream kurz darauf unter dem Ansturm zusammen.

Ich probiere ENGLISCHE Chips und Süßigkeiten

Marmeladen-Oma: «Ich probiere ENGLISCHE Chips und Süssigkeiten»

Mittlerweile läuft die Liveübertragung wieder ruckelfrei, die Videos wurden mehr als acht Millionen Mal angesehen, auf Youtube haben die Marmeladen-Oma und ihr Enkel, die zum Schutz ihrer Privatsphäre ihre Nachnamen nicht preisgeben wollen, fast 190'000 Abonnenten.

Fast drei Viertel von ihnen sind männlich, über 60 Prozent sind zwischen 18 und 34 Jahre alt und alle flüchten sich am Samstagabend gerne in eine heile Welt. Dann liest die Marmeladen-Oma teilweise recht holprig vier Märchen vor, beantwortet Fragen ihrer Fans oder erzählt, wie sie vor 82 Jahren Weihnachten gefeiert hat. Dass ein böser Wolf mit Wackersteinen gestopft wird oder ein geküsster Frosch sich in einen Prinzen verwandelt, ist das Aufregendste, was in diesen zwei Stunden passiert.

«Eigentlich ist es ein Wunder, dass ich Dinosaurier da überhaupt mitmache. Ich hatte früher eine regelrechte Abneigung gegen das Internet. Es hat mich gestört, dass die jungen Leute ständig am Computer sitzen und auf ihre Handys starren», sagt die Oma, die als junge Frau noch auf Feuer gekocht hat, bis heute keinen Geschirrspüler besitzt («Brauche ich nicht»), ihr Handy («Also so ein normales, nicht so ein Smartphone») ausgeschaltet in einer Schublade aufbewahrt und Musik am liebsten vom Plattenspieler hört. Nur das von Janik eingerichtete iPad ist mittlerweile zum unverzichtbaren Arbeitsmittel geworden.

Janik und seine Oma machen ein Lebkuchenhaus.

Janik und seine Oma machen ein Lebkuchenhaus.

 

Sogar ein Leben gerettet

«Janik und ich sind ein tolles Team», sagt die Oma, die ihrem Enkel vor jeder Livesendung zwei Zwiebelwurstbrötchen schmiert und ihn so gütig und liebevoll anschaut, wie nur Omas es können. Seinetwegen wagt die Seniorin sich jeden Tag ein bisschen mehr von ihrer Märcheninsel ins digitale Neuland vor.

Wird die bescheidene Grossmutter auf ihre alten Tage so noch zu einer digitalen Rampensau? «Nein! Ich bin überhaupt nicht geltungssüchtig, höchstens sendungssüchtig. Ich wollte mit meinen Geschichten schon immer mehr Liebe in die Welt bringen. Und ich bin sehr dankbar, dass dank Janik jetzt mehr Menschen meine Botschaft hören können», sagt sie.

Fast jeden Tag zwischen acht Uhr abends und Mitternacht beantwortet sie handschriftlich Fanpost. Für viele ihrer Zuschauer ist sie eine Art Ersatz-Oma geworden. Oft fragen die Schreiber sie nach Rat. Einer lebensmüden Frau haben die Briefe der Märchen-Oma neuen Lebensmut geschenkt und sie so gerettet.

Weihnachten vor 82 JAHREN

Weihnachten vor 82 JAHREN

Der Enkel und die Oma scheinen sich ohne Worte zu verstehen. Schon wenn die alte Dame daran denkt, sich aus dem tiefen Sofa zu erheben, steht Janik neben ihr, um ihr zu helfen. Und wenn ihr zurückhaltender Enkel bei Interviews und Preisverleihungen um eine Antwort verlegen ist, springt die ungeduldige Oma schnell in die Bresche. Ungeduldig ist sie vor allem mit sich selbst. Nach einem Sturz fällt ihr das Gehen schwer, eigentlich sollte sie jetzt in einer Schmerzklinik sein. «Aber», so die Grossmutter, «ich bin einfach abgehauen, um zur Preisverleihung zu fahren. Das ist die beste Medizin.»