Lieber Silvio, du bist zurück nach neun Jahren Ecuador. Bald gehts zwischen deinen «Heimatländern» um die Wurst: Ecuador gegen die Schweiz heisst es an der Fussball-WM in Brasilien. Wer gewinnt?

Silvio Dohner: Schwierig, schwierig. Ich gehöre zu diesen solidarischen Fussball-Fans, die mit der Mannschaft mitfiebern, die in Rückstand gerät. In diesem Fall werde ich also die Schweiz anfeuern. 1:0 für Ecuador.

Du erlebtest neunmal Weihnachten ohne Schnee. Oder hat es mal runtergeschneit bis nach Quito?

Nein. Aber die verschneiten Kegel der Vulkane rund um die Hauptstadt, das war jedes Mal prachtvoll anzusehen morgens, aus dem Fenster.

Weihnacht ohne Schnee – geht das?

Wir feierten wie in der Schweiz: im Kreis der Familie meiner Frau, mit Lichterbaum. Allerdings sind mittlerweile alle Bäume aus Plastik. Überhaupt dominiert der Kitsch. Die Leute stellen Plüschtiere vor die Haustür. Ein einziges Mal suchte ich einen echten Baum. Er stank dann dermassen, ich weiss nicht wonach – wir mussten ihn umgehend entsorgen.

Geschah das aus Nostalgie?

Könnte man sagen. Es ging mir generell darum, ein paar Schweizer Eigenheiten oder Traditionen einzuführen.

Gingst du in Schweizervereine?

Nicht regelmässig. Die letzten zwei Jahre war ich jedoch Sekretär beim Schweizerclub.

Wie gehts da zu und her? Wie in der «Eintracht» am Jasstisch?

Mir gefiel die Durchmischung. Man fand Leute aus allen sozialen Schichten, aus allen Regionen der Schweiz. Und alle möglichen Berufe: vom grossen Hirsch von Holcim bis zum Elektromonteur, der seine eigene kleine Bude auf die Beine stellte. Und den Idealisten, der sein ganzes Leben einem Kinderhilfswerk verschreibt und im Armenviertel wohnt.

Wie war der Club politisch gemixt?

Er tendierte in Richtung SVP. Ein allzu starker Zusammenhalt war nicht zu spüren.

Quito, Hauptstadt von Ecuador: Dahin wanderte Silvio aus und kehrte vor kurzem in die Schweiz zurück. mad.

Quito, Hauptstadt von Ecuador: Dahin wanderte Silvio aus und kehrte vor kurzem in die Schweiz zurück. mad.

1985 beschlossen deine Mama und ich, Nicaragua nach fünf Jahren den Rücken zu kehren und für einen Neustart in die Schweiz zu gehen – als sechsköpfige Familie. Mit 21 bist du wieder ausgeflogen, während dein Bruder in der Schweiz blieb. 1985 wart ihr zwei Jahre alt. Ich nehme an: Du hast weder eine Erinnerung an jene Odyssee zurück (über Irland, Moskau nach Zürich) noch überhaupt eine Erinnerung an die Kinderjahre. An Wirtschaftsblockade, Erdbeben und Krieg.

Gar nichts. Was ich habe, sind aus Bildern und Erzählungen entstandene Gewebe, also späteren Datums. Meine Erinnerung setzt erst im Fricktal ein, wo wir uns damals niederliessen. Hingegen blieb Nicaragua ein starker Teil der Vorstellungskraft, wegen der vielen Geschichten, von denen Mama erzählte, die gebürtige Nicaraguanerin. Sie redete viel von Silvio beispielsweise, meinem Onkel, von dem ich den Namen habe. Auch von Edén Pastora, dem legendären Comandante Cero der Revolution. Ich machte mir ein Bild vom Mutterland, sicher mythologisiert oder romantisiert. Das Bild eines vulkanisch wilden Landes mit kämpferischem Volk, wo nichts geregelt war, wo man sich pionierhaft etwas Eigenes erschaffen konnte, wofür auch zu kämpfen sich lohnte usw. Mit etwa fünfzehn ist das eine enorme Kraft.

Weckte das dein Verlangen, ebenfalls auszuwandern?

In meinem Fall war das vielleicht eine Suche nach den Wurzeln.

Am Ende wurde es Ecuador. Warum versprachst du dir etwas Pionierhaftes nicht in der Schweiz?

Vielleicht ist das der falsche Ort für eine Beichte, aber ich tue es trotzdem: Was ich nach der Schule in der Schweiz spürte, machte mir Angst – diese verborgene Nötigung zur bürgerlichen Existenz, dieser Leistungsdruck. Ohne dass man, im Austausch dafür, eine höhere Intensität fürs Leben gewänne. Du wirst in die Mangel genommen, aber du fühlst dich nicht erstarken dabei. Dein Lebenshunger wird nicht bedient, geschweige denn gesättigt. Da winkte Lateinamerika, als Weg aus der Klemme.

Nicht anders erging es mir damals, 1980, als ich mich entschloss, nach Nicaragua auszuwandern. Auf sich allein gestellt, kann man erst mal die eigene Bestimmung finden ...

Oder ein nicht vorgespurtes Leben.

Wie erlebst du heute die Schweiz?

Etwas ist für mich geradezu ein Schock: Den Leuten fehlt es entschieden an Selbstironie. An Gefühl, spielerisch mit den Dingen umzugehen. Ganz alltäglich, bei allem, was einem widerfährt. Wenn sich die Leute hier einen Spass erlauben, sagen sie irgendwann: «Jetzt ist aber Schluss!» Sie geben sich «einen Ruck» und machen «ernst» weiter. Dabei geht alles auch parallel, Ernst und Spass. Das können die Ecuadorianer entschieden besser. Immerhin hat sich der Fahrer des Busses, den meine Frau und ich oft nehmen, nach anfänglicher Irritation inzwischen daran gewöhnt, dass wir uns am Schluss für die Fahrt bedanken. Das tut man in Ecuador.

Umgekehrt könnte man indes auch klagen. Die Verkürzung stimmt ja nicht, wie du auch erfahren haben dürftest: hier die Schweizer Holzböcke oder Stockfische – dort die vor Fröhlichkeit und Lebenslust sprühenden Latinos. Mitnichten!

Alles richtig. Auch die famosen Sippentreffen können furchtbar öde werden und drehen während Jahren im gleichen Kreis. Latinos verkehren mehrheitlich in ihrer angestammten sozialen Schicht und brechen nie aus – so lautet eine Theorie. Darum habe ich mich jedes Mal riesig gefreut, wenn ein Schweizer oder Europäer ankündigte, mich zu besuchen.

Lass mich raten, weshalb: Europäer pflegen eine andere Art, über die Dinge zu reden, betrachtender.

Ja, aber auf lange Sicht bleibt das theoretisch. Es erheitert dagegen ungemein, wenn nicht alles nur abstrakt bleibt. Das ergibt die tolleren Partys. Man kann sich unter den Tisch lachen mit Ecuadorianern. Das artet am Schluss freilich wieder stereotyp aus, wegen des Alkohols, wegen ständig gleich ausbrechender Streitereien. Bei den Auslandschweizern im Club aber gabs auch ein Stereotyp: Erst lästert man den Abend lang über das Land und die Ecuadorianer, und am Schluss schaut man sich betroffen an und fragt sich bange: «Was tun wir hier eigentlich?»

Das hast du dich sicher auch gefragt, in neun Jahren.

Natürlich. Man kommt ja nicht vom Unerfüllten ins Erfüllte, sondern in etwas andersartig Unerfülltes. Am Anfang nahm ich es mit Humor, lange im Glauben, das könne ich schon noch ändern. Dann merkte ich, wie ich anfing, mich selber weiterzubilden, um die Schwungkraft zu erhalten. Am Ende spürte ich, wie ich vereinsamte. Nach einem Fest, im Beisein meines Hundes, erschien der mir plötzlich als letzter wirklicher Freund. Da spürte ich, dass ich wohl zurückkehren musste in die Schweiz.

«In der Schweiz – da wirst du in die Mangel genommen, aber du fühlst dich nicht erstarken dabei.» Vater und Sohn, beide waren lange weg.  Emanuel Freudiger

«In der Schweiz – da wirst du in die Mangel genommen, aber du fühlst dich nicht erstarken dabei.» Vater und Sohn, beide waren lange weg. Emanuel Freudiger

Empfindest du die neun Jahre heute als vergeudet?

Nein, auch wenn ich – pragmatisch gesehen – nichts davon in der Hand habe. Ich bin selbstständig geworden. Immerhin musste ich mich da allein durchsetzen, ohne auf etwas Bestehendem aufbauen zu können. Ich habe diese Sache durchgezogen, obwohl ich mehr erreichen wollte, etwa mit einer grösseren Firma technologisch das Land aufrüsten. War man zudem Mediamatiker in Lateinamerika, hat man, zurück in Europa, mit dem stillschweigenden Verdacht zu kämpfen, man habe technisch den Anschluss verpasst, was bei mir überhaupt nicht der Fall war. Und: Ich kann heute jede Panne an einem Auto reparieren. Auch zwischenmenschlich habe ich viel gelernt.

Inwiefern?

Ganz einfach: ein paar unerlässliche Benimmregeln. Man tritt etwa unter allen Umständen präsentabel vor andere Leute oder auf die Strasse. Ecuadorianer sind da exzellente Lehrmeister. Sie zeigen dir, wie man ein Gespür entwickelt für andere Leute, weit weg vom politisch Korrekten – das ist in der Regel blosse Heuchelei. Ein Gefühl zum Beispiel, wie man eine Frau behandelt ...

Uh, ein Minenfeld! Aus einem solchen Satz dreht man dir hier sogleich einen Strick.

Mit Machosprüchen hat das nichts zu tun. Frauen stellen an Männer gewisse Ansprüche. Das sollen die Männer wissen und sich darnach benehmen.

Das gefiel mir dort stets über alle Massen: In Lateinamerika waren Romanzen möglich, zu zweit, die wirklich ans Herz griffen.

Auch den Tod erlebte ich viel intensiver als hierzulande. Da sah ich erstmals aufgebahrte Verstorbene, mitten in quirligen Familien. Ich schritt durch Leichenschauhäuser, und da lag es, das Menschengeschlecht in all seinen Gesichtern und Formen – alle tot. Da stehst du vor den entscheidenden Dingen des Lebens, unverstellt, nicht theoretisiert.

Eine geheime Kraft darf indes nicht unerwähnt bleiben: Chercher la femme! Das war damals bei mir das Prinzip, und zwanzig Jahre später wohl auch bei dir; deine Frau stammt aus Ecuador.

Das spielte mit, keine Frage. Vermutlich wären wir aber beide auch sonst irgendwohin aufgebrochen. Ich dachte lang an Nicaragua, wegen der Bilder und Geschichten, die ich schon erwähnt habe. Den Auslandtraum hegte ich lange, bevor ich meine Frau kennen lernte. Als ich sie kennen lernte, in der Schweiz notabene, richtete sich einfach der Kompass neu aus.

Hast du da bereits gedacht, dass sie sozusagen die Muse für deinen Aufbruch sein könnte?

Sie verkörpert Lateinamerika, auf jeden Fall, in allen Aspekten. Sie ist schön – also war auch Ecuador schön; sie war von einer anderen Welt, selbst die Musik von dort hatte wegen ihr einen anderen Klang. Dazu kamen Geschichten aus den Chroniken der spanischen Kolonisatoren. Am Tag ihrer Heimreise nach Spanien, hiess es da, seien Matrosen in letzter Minute ins Meer gesprungen und zurückgekrault zu ihren geliebten Indias am Strand. So sprang dann halt auch ich ins Wasser.

Hast du das Gefühl, jetzt den Sesshaften etwas voraus zu haben?

Ich sehe nach neun Jahren Abwesenheit Leute, die immer noch am gleichen Platz, im gleichen Büro sitzen und das Gleiche tun. Es fällt mir nicht ein, so etwas herabzuwürdigen; ich staune einfach, dass dies möglich ist und die Leute auf ihren Sitzen nicht zumindest mal unruhig werden. Es gibt allerdings Dinge, über die ich mich amüsiere. Neulich erzählte eine Frau von einer bedrohlichen Situation in London: Ein finsterer Geselle habe sich bei der Ampel ganz nahe hinter sie gestellt. So sei sie einfach über die Strasse gelaufen.

Und der Verbrecher blieb brav an der roten Ampel stehen?

(Lacht) Das nannte die Schweizerin ihre «Nahtod-Erfahrung».

Mit deinen Überfällen hast du nicht aufgetrumpft? Du wurdest zweimal mit einem Messer und einmal mit einem Revolver bedroht.

Natürlich nicht. Ich dachte mir einfach, wie wattiert man hier lebt.

Aber ich trumpfe auf! Einmal beschoss von einem fahrenden Pick-up ein Kommando unser Nachbarhaus. Da wohnte ein Kommandant der Revolutionsregierung. Ich stürzte an die Wiege und klemmte dich und deinen Zwillingsbruder unter die Arme wie zwei Welpen und ging in Deckung. Ein anderes Mal verbrachten wir ein Wochenende in El Velero, am Strand. In der Nähe liegt Corinto, der wichtigste Hafen des Landes. Kontra-Rebellen griffen in jener Nacht mit Schnellbooten an. Ihr hocktet auf den Schultern von Papa und Mama. So sahen wir am Ufer dem Flammeninferno am Horizont zu. Ihr quietschtet vor Vergnügen, ihr hieltet das Ganze für Feuerwerk.

Ja, solche Erfahrungen machen leger. Und geben Sicherheit, sich auf den eigenen Instinkt verlassen zu können. Wachsam wie ein Tier zu horchen, zu spähen. Sich nicht wegen Kleinigkeiten einen Kopf zu machen. Zu den tollsten Erfahrungen in Ecuador gehört diese: Irgendwie geht das Leben immer weiter. Es ist erstaunlich, wie wenig wirkliches Unglück über einen hereinbricht, wenn man sich davor nur mässig fürchtet.

Nehmen wir an, es passiert in unserer Familie das dritte Mal: Dein Sohn, mein Enkel, wenn es dereinst so weit ist, käme eines Tages nach Hause mit der Nachricht: «Ich hab den Kanal voll, ihr Alten, ich büxe aus. Adios!» Was sagst du dann?

Das erlaube ich ihm. Das hätte er ja in den Genen. Unabänderlich wäre es ja sowieso. Das Leben, so viel weiss ich heute, hat keine lineare Bahn, es hat einfach ein paar Möglichkeiten mehr in der Hinterhand. Etwas aber ist wichtig: Man darf in der Ferne auf keinen Fall den Punkt zum Absprung verpassen. Viel länger hätten wir nicht bleiben dürfen in Ecuador, sonst wären wir immer dortgeblieben. Ich habe genug Leute gesehen, Auswanderer, die es verpasst haben, rechtzeitig zurückzukehren. Die stecken dann in einer Art Falle.

Wo ungefähr läge diese Schwelle des No-Returns?

Vielleicht um die dreissig. Da hat man noch einmal die Kraft zum Neuanfang. Es fragt sich auch, ob die Gesellschaft noch jemandem glauben würde, wenn er mit fünfzig noch einmal zeigen will, was eine Harke ist.

Und am Ende brauchts ganz schlicht auch etwas Spielerglück.

Hast du das in Lateinamerika nicht etwas auf deine Seite gezwungen?

Kann man mutmassen. Aber niemand weist so etwas nach.

Ein Lebenskünstler müsste sich das trotzdem aneignen.

Er müsste sich recht eigentlich umpflanzen in eine neue Topferde.

Wie war das, nach Jahren zurück in der Schweiz: Hattest du da plötzlich umgekehrtes Heimweh?

Während vieler Jahre nicht. Bis ich eines Tages eine Reise vorzeitig beendete, in Costa Rica, um nach Norden zu fahren. Ich spüre heute noch, wie an jenem Tag alles in mir in einen fieberhaften Zustand versetzt wurde. Ich schlüpfte wie in einen zweiten Menschen, der ein paar Jahre lang ungebraucht in einem Kasten gehangen hatte. Keine widersprüchliche Figur, sondern eine, die mich erst komplettierte.

Wenn ich zurückblicke, empfinde ich die Zeit in Ecuador jetzt allzu schnell zerronnen. Darin verschwand fast ein Jahrzehnt meines Lebens. Ich kann nicht zurückschauen, noch nicht. Es gab Momente, in denen ich sicher gewesen war, in Quito ganz im Reinen zu sein, mit mir und mit der Umgebung. Aber noch gibt es keine Erinnerung, die sich von allein melden würde.