«Das Matterhorn wird irgendwann nicht mehr da sein»

Bernhard Russi erklärt, wie er den Bergsommer verbringt und was eine Felswand mit einer schönen Frau zu tun hat.

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Bernhard Russi

Bernhard Russi

Aargauer Zeitung

Auf der Suche nach einem Ort, wo wir Bernhard Russi in Andermatt fotografieren können, kommen wir an der St.-Kolumbans-Kirche vorbei, einem Bau aus dem Mittelalter. Als Russi die grobe Steinwand der Kirche erblickt, beginnt er sofort, daran hochzuklettern - obwohl ihn das schlechte Gewissen plagt: Als «guter Katholik» fragt er sich, ob er nicht ein Sakrileg begehe, wenn er an einer Kirchenwand hochklettere. Russi war selber als Bub einst Messdiener in der St.-Kolumbans-Kirche.

Sabina Sturzenegger

Herr Russi, Sie sind bekannt als Ski-Experte: am Fernsehen, als Kolumnist, als Pistenbauer. Wo trifft man Sie an, wenn Sie nicht Ski fahren - jetzt im Sommer?
Bernhard Russi: Auch vorwiegend in den Bergen. Ich versuche, so oft wie möglich in den Bergen zu sein. Und so verbringe ich im Sommer etwa die Hälfte der Zeit beruflich, die andere Hälfte privat in den Bergen.

Zur Person

Bernhard Russi wurde 1970 Weltmeister in der Abfahrt, zwei Jahre später gewann er in Sapporo Olympia-Gold. Heute konzipiert der gelernte Hochbauzeichner für den Skiverband FIS Abfahrtspisten und arbeitet als Co-Kommentator fürs Schweizer Fernsehen. Russi ist mit Mari Bergström verheiratet und hat zwei Kinder: Ian (29) aus erster Ehe und Jennifer (16). Am 20. August feiert er seinen 61. Geburtstag.

Was machen Sie beruflich?
Russi: Die Skipisten werden hauptsächlich im Sommer gebaut.

Und wo sind Sie privat unterwegs?
Russi: Dort, wo es gute Felsen und Wände gibt. Ich bin ein fanatischer Kletterer geworden. Zwischendurch mache ich aber auch gerne etwas Hochalpines. Diesen Sommer war ich auf dem Matterhorn.

Das erste Mal für Sie?
Russi: Ja. Nicht der erste Versuch, aber der erste Gipfelerfolg.

Gratuliere! Und, wie wars?
Russi: Ich hatte einen Höllenrespekt. Ich gehöre zu den Bergsteigern, die davon ausgehen, dass jeder mal einen Fehler machen kann - sowohl der Gast als auch der Bergführer. Der Hörnligrat ist anspruchsvoll, und oben ist es sehr vereist. Ich bin der Überzeugung, dass man sich am Matterhorn auch als Gast zu helfen wissen muss, falls der Bergführer ausrutscht.

Sie waren mit einem Bergführer unterwegs?
Russi: Ja. Das Matterhorn ist etwas Spezielles. Die Besteigung hat weniger mit Können als mit Wissen zu tun. Was die Zermatter Bergführer übers Matterhorn wissen, kann man sich als Aussenstehender nicht aneignen. Man muss den Weg kennen.

Sie haben Ihr Leben dem Sport verschrieben. Aber welches sind die Bereiche, die Ihnen sonst noch wichtig sind?
Russi: Ich versuche, meine Lebensqualität zu pflegen. Das heisst Zufriedenheit, Familie, Gesundheit. Sonst brauche ich nichts. Dennoch habe ich noch andere Verpflichtungen - wie mein Verwaltungsratsmandat bei Bogner und einige Aufträge als Werbebotschafter ...

... sowie Ihr Engagement für das Resort von Samih Sawiris in Andermatt.
Russi: Ja, das beansprucht mich periodisch mal mehr und mal weniger.

Warum ist das Projekt gut für dieses Bergdorf?
Russi: Weil es ein verhältnismässig kleines Resort wird und es eine Qualitätssteigerung bedeutet. Wir lebten hier immer von der Landwirtschaft und vom Militär. Vom Tourismus waren wir nie vollständig abhängig. Aber nun, wo das Militär sich zurückzieht, ist man erwacht. Das Resort ist die grosse Chance für Andermatt und das ganze Tal.

Was meinen Sie mit Qualitätssteigerung?
Russi: Das Resort setzt eine moderne Infrastruktur voraus und wird uns unter anderem den Ausbau von Wanderwegen und Skipisten ermöglichen.

Das Geschäft mit dem Tourismus stockt auch in der Schweiz. Kann die Rezession dem ägyptischen Investor Sawiris keinen Strich durch die Rechnung machen?
Russi: Ein paar Strichlein vielleicht. Global gesehen ist die Krise aber eher positiv, weil sie viel schlechte Konkurrenz ausschaltet. Man konzentriert sich wieder auf feste Werte. Ich glaube weiterhin an den Bergtourismus, an die Höhe, das gute Klima, die Ruhe.

In Dubai gibt es bereits Resorts, die zu Geisterstädten geworden sind. Ist das kein Schreckensszenario für Andermatt?
Russi: Nein, Herr Sawiris würde kein Resort bauen, wenn er nicht wüsste, dass Leute kommen.

In Andermatt wird es dereinst zwischen 4000 und 5000 Betten geben. Können Sie diese füllen?
Russi: Im Vergleich zu heute sind das viele Betten, aber im Vergleich zu anderen Tourismusorten wenig. Unser Modell funktioniert so, dass ein grosser Anteil der Wohnungen zu relativ günstigen Preisen verkauft wird, dafür müssen diese während einer gewissen Zeit an Dritte weitervermietet werden. So vermeiden wir «kalte Betten».

Woher sollen die Leute kommen, die das Resort bevölkern?
Russi: Wir haben verschiedenste Angebote, von luxuriösen Villen und 5-Stern-Hotels bis zu einfachen Wohnungen und 3-Stern-Hotels. Es wird kein Resort nur für Millionäre.

Also kein Luxus-Resort?
Russi: Es wird einen anderen Luxus bieten. Drei Stunden in einem Bergtal zu wandern, zu geniessen, auf einen Stein zu sitzen und mit der Familie zu picknicken - das ist Luxus. Daneben kann man aber auch alles haben, was das Herz sonst begehrt: Golf, Wellness, ein modernes Skigebiet.

Dazu müssen die Skigebiete von Andermatt ausgebaut werden.
Russi: Das ist ganz klar. Das Resort wird andere Leute auf die Piste locken als bisher. Andermatt mit dem Gemsstock war bis anhin ein reines Spezialisten-Gebiet für Freerider und Tiefschnee-Experten, steil und schattig. Die neuen Gäste sind Familien. Viele dieser Leute haben noch nie auf Ski gestanden. Für sie braucht es einfache, grosszügige, sonnige Pisten. Für mich ist deshalb klar, dass wir auf der Sonnenseite ausbauen müssen, nach Osten, Richtung Oberalppass.

Inwiefern wird der Klimawandel den Bergtourismus beeinflussen?
Russi: Das ist ein heikles Thema. Ich bestreite nicht, dass etwas passiert mit dem Klima. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Wetterphänomene wie schneearme Winter und heisse Sommer sich rascher wiederholen als früher. Doch wir können machen, was wir wollen, die Erde befindet sich in einem ständigen Entwicklungsprozess. Das Matterhorn zum Beispiel wird irgendwann nicht mehr da sein, weil es zusammenbricht. Das ist normal.

Sehen Sie auch Vorteile, etwa für den Bergtourismus im Sommer?
Russi: Die Gäste werden vermehrt die Sommerfrische suchen. Das ist sicher ein Vorteil für Resorts in den Bergen. Im Vergleich zu den hitzegeplagten Städten schläft man hier wie in einem Sauerstoffzelt.

Sie haben es bereits gesagt, Ihre grosse Leidenschaft ist das Sportklettern. Welches war Ihre anspruchsvollste Tour?
Russi: Die Route «Chant de Cygnes» (Schwanengesang) in der Eiger-Nordwand. Diese Route ist brutal lang und sehr schwer.

Sie können sich dank Ihrer Prominenz beim Klettern mit den Besten zusammentun, zum Beispiel mit Ueli Steck. Was kann man von einem solchen Profi lernen?
Russi: Ich war mit Steck am «Excalibur» an den Wendenstöcken im Berner Oberland. Steck hat diesen Pfeiler schon «free solo», also allein und ohne Seil gesichert, geklettert. Auf unserer gemeinsamen Tour hat mich aber am meisten beeindruckt, dass Steck immer gleich konzentriert klettert, egal, ob es sehr schwer oder einfach ist. Er hat immer die gleiche Konsequenz beim Klettern. Er ist der professionellste Kletterer, den ich kenne.

Sie klettern auch «Big Walls», sehr hohe, meist flache Wände, die man nicht in einem Tag durchsteigen kann, und in denen man biwakieren muss. Was ist die Faszination bei dieser Kletterei?
Russi: Als ich unten am El Capitan im Yosemite-Nationalpark stand, fühlte ich mich angezogen von dieser Wand. Es ist für mich als Mann fast so, wie wenn ich vor einer Frau stehe, die mich fasziniert und anzieht. Genauso will ich mich einer Wand wie der «Nose» am Capitan annähern. Das tönt jetzt vielleicht blöd, ist aber so.

Welche unerfüllten bergsteigerischen Träume haben Sie?
Russi: Der Himalaja, wenn es sich ergibt. Ich muss nicht auf dem höchsten Berg der Welt stehen, aber ich möchte herausfinden, wie mein Körper auf einer Höhe von 7000 bis 8000 Meter über Meer funktioniert, wozu ich fähig bin. Aber das kann auch ein Traum bleiben.

Was steht bei Ihnen diesen Sommer noch an?
Russi: Ich habe Pläne, aber darüber rede ich nicht.

Zur Abkühlung reden wir jetzt doch noch über den Skizirkus. Warum haben Sie sich nie davon abgewendet?
Russi: An dem Tag, an welchem ich aufgehört habe, Skirennen zu fahren, war für mich nicht klar, was ich mache. Vieles hat sich ergeben. Ich habe das Pistenbauen nicht gesucht. Ich bin da eher hineingerutscht. Aber als leidenschaftlicher Skifahrer bremst man nicht.

Apropos Bremsen: Müssten Sie als Pistenbauer bei den Weltcup-Rennen nicht das Tempo der Fahrer künstlich drosseln, damit solche Unfälle wie der von Daniel Albrecht nicht mehr passieren?
Russi: Der Skirennsport ist ein Sport, bei dem man einen Helm trägt, er ist mit anderen Worten gefährlich. Aber: Beim Tempo hat sich seit dreissig Jahren praktisch nichts verändert. Karl Schranz war an der Stelle, an welcher Daniel Albrecht letzten Winter in Kitzbühel gestürzt ist, praktisch gleich schnell.

Woher kommt dann die Gefahr?
Russi: Wenn der Skizirkus mir gehören würde, würde ich die Schraube beim Material anziehen. Ich würde versuchen, mit der Industrie zusammen die Ski wieder schwerer zu machen, im Sinne von sie schwerer fahrbar zu machen. Aber hier das Rad zurückzudrehen, ist enorm schwierig.

Wer ist im kommenden Winter bei den Skirennfahrern ganz vorne mit dabei?
Russi: Ich glaube, dass die Dominanz einzelner Nationen, wie einst der Schweizer und dann der Österreicher, vorbei ist. Der Drive in der Schweizer Mannschaft hält aber noch an. Ich denke da an einen Didier Cuche, an Carlo Janka, Marc Berthod ...

... Daniel Albrecht?
Russi: Ich habe seinen Namen extra nicht erwähnt. Er braucht Zeit. Aber wenn einer ein solches Talent hat wie er, dann machen vier Wochen Koma nicht viel aus. Er hat in dieser Zeit ja gesund gelebt, hat nicht gefeiert, hatte genug zu essen, genügend Schlaf, Sauerstoff (lacht). Was ihn am meisten belastet, sind die Fragen, die ihm gestellt werden, auch von Medien.

Schafft es Bode Miller noch einmal?
Russi: Das hängt von ihm ab. Wenn Bode Miller will, kann er der weltbeste Skifahrer sein. Er gehört zu den sportlichen Ausnahmetalenten wie ein Michael Phelps oder ein Roger Federer.

Wann fängt für Sie der Winter wieder an?
Russi: Nicht früher als für andere. Mit den ersten Rennen in Sölden Ende Oktober. Mich ziehts jetzt nicht auf die Ski. Ich liebe den Sommer.