Hüniken

Das Leben unterhalb der Baumgrenze

Humorvoll: «Gelacht haben wir früher, für die Wahlplakate», witzelt Paul Jäggi beim Fototermin auf dem Brunnen bei seinem Haus. Auch nach dem Rücktritt als Gemeindepräsident von Hüniken ist ihm das Lachen nicht vergangen. (Bild: Oliver Menge)

Paul Jäggi

Humorvoll: «Gelacht haben wir früher, für die Wahlplakate», witzelt Paul Jäggi beim Fototermin auf dem Brunnen bei seinem Haus. Auch nach dem Rücktritt als Gemeindepräsident von Hüniken ist ihm das Lachen nicht vergangen. (Bild: Oliver Menge)

Als passionierter Bergsteiger liebt er die Welt über dem Nebelmeer. Auch in der Politik ging Paul Jäggi hoch hinaus. 16 Jahre lang war der CVPler Kantonsrat und Anfang der 90er-Jahre für eine Legislatur sogar Nationalrat. Am wohlsten fühlte er sich aber immer als Gemeindepräsident – zu Hause in Hüniken.

Gaudenz Oetterli

Paul Jäggi sitzt auf dem Gartenplatz hinter seinem Haus. Die Sonne scheint ihm ins Gesicht. An der Lage der wenigen, aber ausgeprägten Falten im Gesicht sieht man, dass Paul Jäggi in seinem Leben viel gelacht, an seinen Armen, dass er viel gearbeitet hat. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Zeitungsbericht über eine Gratwanderung auf dem Eiger. Der 73-Jährige schaut sich das Foto zum Bericht lange an. Sein Gesicht entspannt sich, seine Augen verlieren sich in der weissen Berglandschaft. Es ist seine Welt, die er auf dem Foto sieht. Schon oft war er selber da oben. Früher. Bewegte sich selber auf dem schmalen Grat mancher Bergkette. «Ich werde fast krank, wenn ich dieses Bild sehe. Wo ist die Zeit hin?», sagt er zu sich selber.

Drei Viertausender fehlen noch

Die Freiheit, die man auf einem Berg erlebe, sei unglaublich. «Das kann man nicht beschreiben.» Jäggi kennt das Gefühl ganz genau. Von den Viertausendern in der Schweiz hat er bis auf drei alle bestiegen.

Heute geht Paul Jäggi nicht mehr so hoch hinaus. Deshalb wird er seine Viertausender-Sammlung nicht mehr komplettieren können. Dafür reiche die Kondition mit 73 Jahren nicht mehr, sagt Jäggi. Er legt den Zeitungsartikel beiseite: «Man muss sich im Leben halt einreihen. Damit habe ich keine Mühe. Und wenn etwas nicht mehr möglich ist, dann ist es eben so.»

Nicht einmal abgewählt

Eigentlich sind es aber nicht die hohen Berge, sondern das flache Mittelland, weswegen man Paul Jäggi kennt. Hier hat er als Bauer gearbeitet, auf seinem Hof in Hüniken, den er von seinem Vater übernommen hatte und den nun sein Sohn Christoph führt. Und hier war er politisch aktiv, während 16 Jahren in Solothurn (ab 1975) und von 1991 bis 1995 als Nationalrat.

Sein liebstes Amt war jedoch immer dasjenige des Gemeindepräsidenten. «Das ist eine der dankbarsten Aufgaben, vor allem mit einem Gemeinderat, der sich gut versteht.» In diesem Amt könne man den Föderalismus am besten leben und sei am nächsten bei den Leuten. Nicht grundlos engagierte sich Paul Jäggi nach den 20 Jahren (1965 bis 1985) als Gemeindeschreiber noch 24 Jahre als Gemeindepräsident für «sein Dorf» Hüniken. Die zweitkleinste Gemeinde des Kantons, der Ort, an dem Paul Jäggi aufgewachsen ist, ja sein ganzes Leben verbracht hat.

Nun ist es zwei Monate her seit seinem definitiven Abtritt von der politischen Bühne. Im Mai nämlich hat der Vater von vier Kindern und neunfache Grossvater sein letztes politisches Amt - das Gemeindepräsidium - niedergelegt und an Nachfolger Jürg Schibler übergeben. «Ich habe immer selber entschieden, wann ich zurücktrete», sagt Paul Jäggi nüchtern und nicht ohne Stolz. Schliesslich hat er es geschafft, 44 Politjahre auf allen drei Staatsebenen ohne Abwahl zu überstehen.

Ungeliebtes nationales Pflaster

Einer von Paul Jäggis langjährigen Weggefährten - wenn auch aus einer anderen Partei - ist der FdP-Regierungsrat Christian Wanner. Die beiden waren zusammen im Kantonsrat (1977-1985), später gemeinsam im Nationalrat und im Solothurnischen Bauernverband. Zu Ehren seines Freundes besuchte der Finanzdirektor sogar die letzte von Paul Jäggi geleitete Gemeindeversammlung in Hüniken. Die beiden Bauern stehen sich nicht nur ihres Berufs wegen nahe. «Wir sind gute Freunde», sagt Christian Wanner, «da spielt das politische Couleur keine Rolle.» Jäggi sei ein ausgezeichneter Bauer, der seine gesunde Berufsauffassung in seine Politik übertrug. «Man wusste bei Paul immer, wo er steht. Das machte ihn zu einem sympathischen Politiker.»

Dass Paul Jäggi in Bundesbern nie richtig glücklich wurde, als Kommunalpolitiker aber aufblühte, erstaunt Wanner nicht. «Er war kein Freund der lauten Polit-Show. Er stellte hohe Anforderungen sowohl an sich wie auch an andere Leute. Ich denke, dass er gerade auf nationaler Ebene oft enttäuscht wurde von Leuten, die nicht immer mit lauteren Mitteln gearbeitet haben.»

Die Berufung im Kleinen gefunden

Eine gewisse Enttäuschung über die Zeit in Bern kann Paul Jäggi tatsächlich nicht ganz überdecken, wenn er sagt: «Ich möchte die Erfahrung nicht missen. Aber für mich kam sie damals mit 55 Jahren wohl ein wenig zu spät.»

Umso heller und freudiger wird seine Stimme jedoch, wenn er von seiner Zeit als Gemeindepräsident erzählt. Von den 87 Menschen in Hüniken und der guten Finanzlage der Gemeinde - 11 000 Franken Vermögen pro Kopf. «Viele meinen, dass Hüniken jeweils vergessen werde, wenn es ums Zahlen geht. Und dass unsere Finanzlage deshalb so gut sei. So ist es natürlich nicht.» Das Geheimnis sei die einfache Dorfstruktur. Erst vor ein paar Wochen hat der Hüniker Gemeinderat an den fünf Strassen im Dorf die Strassenschilder angebracht. «Vorher konnte jeder Einwohner selber wählen, an welcher Strasse er wohnen wollte. So gab es Leute, die ihre Adresse mit Hauptstrasse angaben, andere mit Horriwilerstrasse und noch andere gaben gar keine Strasse an», sagt Jäggi und lacht.
Ebenso wichtig für eine gesunde Gemeinde sei die vorausschauende Politik gewesen. Dabei heimst Jäggi nicht alle Lorbeeren für sich ein: «Ich habe keine Wunder vollbracht. Meine Vorgänger haben ein solides Fundament geliefert und ich habe dieses ausbauen können. Ich denke, dass mein Nachfolger nun ebenfalls eine gute Ausgangslage hat.»

Nach vorne schauen, nicht zurück

Obwohl vor kurzem zurückgetreten, interessiert sich Paul Jäggi nach wie vor für die Politik. In gewissen Momenten merkt man, wie viel es ihm bedeutet hat, sich für seine Gemeinde zu engagieren - und dass er die über vier Jahrzehnte im Dienste Hünikens mit seinem Abtreten nicht einfach zu den Akten legen kann. «Ich muss manchmal aufpassen, dass ich nicht zu viel in der Vergangenheit schwelge, sonst werde ich wehmütig. Und ich freue mich lieber auf die Dinge, die vor mir liegen», sagt er und verrät sein nächstes Projekt: «Im Jahr 2014 feiert Hüniken sein 750-jähriges Bestehen. Das wollen wir feiern. Und dazu soll es ein Buch über das Dorf, seine Geschichte und seine Einwohner geben. Ich habe mich bereit erklärt, bei diesem Projekt mitzuwirken.»

Keine Ruhe lässt ihm nach wie vor auch die Höhenluft. Im Alter von 73 Jahren geht er noch regelmässig zu Berge. «Natürlich nicht mehr so hohe.» Viele ältere Alpinisten hätten Mühe damit, nicht mehr die höchsten Gipfel besteigen zu können und würden das Klettern gleich ganz bleiben lassen. Nicht so Paul Jäggi. Er geht nach wie vor auf Touren; halt einfach mit den Senioren. Damit er trotz nicht mehr so luftiger Höhen immer noch Freude an solchen Wanderungen hat, brauchte auch er einige Zeit: «Ich musste zuerst lernen, dass es noch eine Welt unterhalb der Baumgrenze gibt.»

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