Montagsinterview
Comedian Michael Mittermeier: «Facebook und Twitter sind asoziale Medien»

Man erkennt ihn am federnden Gang. Und man bekommt auch gleich seine Schlagfertigkeit zu spüren, als man ihm die Tür zur Redaktion öffnet: «Ach, Sie haben einen Badge. Ja, sind Sie etwa der Bachelor?» Michael Mittermeier ist schon in Fahrt, als er uns zur Mittagszeit besucht, zwischen seinen Auftritten in Solothurn und Aarau.

Marc Krebs
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«Nur schlechte Comedians brauchen schlechte Politiker, um gute Comedy zu machen», sagt Michael Mittermeier (51).Kenneth Nars

«Nur schlechte Comedians brauchen schlechte Politiker, um gute Comedy zu machen», sagt Michael Mittermeier (51).Kenneth Nars

Kenneth Nars

Michael Mittermeier, Sie posten auf Facebook Selfies mit Ihrem Publikum. Warum?

Michael Mittermeier: Das hat eine selbstironische Note, denn ich mache mich vorher auf der Bühne darüber lustig. Auf Facebook schreibe ich danach immer einen kurzen Abriss, was in der jeweiligen Show passiert ist. Schrägerweise hab ich das Gefühl, dass ich 100 Kommentare mehr erhalten würde, wenn ich einfach schreiben würde: «Ich hab heute Spargel gegessen, die Kapern dazu waren schlecht.» Aber so ist das in diesem Netzwerk, ich spreche ja gerne von den asozialen Medien. Denn am Ende des Tages sind sie das auch. Es ist egal, was du schreibst. Irgendeiner beschimpft Dich immer. Das Persönliche geht oft verloren.

Und dennoch sind Sie sehr aktiv auf Facebook und Twitter? Sind dies wichtige Werkzeuge für die Promotion?

Ja, es ist eine Weiterführung des Auftritts. Ich pflege so meine Beziehung zu den Fans. Ich kann ja nicht mit allen Kaffee trinken. Und manchmal teile ich ihnen auch einfach etwas mit, das mir wichtig ist. Als Jerry Lewis starb, schilderte ich den Leuten, welchen Bezug ich zu ihm hatte.

Jerry Lewis war eines Ihrer Idole, ebenso Lenny Bruce. Legendäre Komiker aus den USA. Unsereiner saugte im VHS-Zeitalter die Nummern von Emil oder Otto auf. Wie kamen Sie zu so internationalen Vorbildern?

Emil und Otto waren schon auch meine Vorbilder. Die erste Solonummer, die ich je auf einer Bühne spielte, war eine von Emil. Da war ich zwölf und es war an einer Faschingsveranstaltung. Ich konnte die eingedeutschte Emil-Version – «Ogtern!» – sehr gut. Das Publikum in meinem bayrischen Heimatort war begeistert, die Leute glaubten, ich könne Schwyzerdütsch. Was natürlich nicht stimmte. Die amerikanischen Comedians entdeckte ich auf meinen Reisen. Eine Zeit lang flog ich jedes Jahr nach New York und kehrte immer mit einem Koffer voller Platten und Kassetten zurück: Ich hab sicher 200 Vinyls zu Hause, von US-Komikern wie Richard Pryor, Steve Martin ....

Führte diese Liebe dazu, dass Sie Amerikanistik studiert haben?

Nein, das war ehrlich gesagt ein Zufall. In Kombination mit Politik war das für mich ideal – denn ich musste nicht so oft an die Uni, was für mich als tourenden Comedian äusserst praktisch war. Das Studium war ein Zeitausgleich. Aber es ist so, dass mich die amerikanischen Stand-up-Comedians mehr beeinflusst haben als die englischen, denn von den Amis gabs mehr Platten. Dieser Einfluss hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Viele sagen mir ja auch, ich sei sehr undeutsch.

Warum?

Weil ich keinen deutschen Duktus habe und meine eigene Suppe koche. Ich wollte auch nie nur eine Klientel ansprechen.

Sie waren der Erste, der deutsche Stand-up-Comedy richtig populär machte.

Weil es das vorher leider gar nicht gab. Nach dem Krieg entstanden in Deutschland keine Comedy Clubs, dafür das Kabarett. Die Nazis haben ja die ganze Unterhaltungsindustrie gekillt. Viele Komiker waren jüdisch, sie wurden getötet oder vertrieben. In Amerika wurde die Comedyszene von jüdischen Entertainern geprägt, das hat in Deutschland gefehlt. Wir waren in den 80ern die neue Generation, die mit MTV aufwuchs und auf der Bühne ganz andere Dinge verarbeitete als ein Dieter Hildebrandt, der noch den Krieg erlebte. Hildebrandt, Gott hab ihn selig, sagte ja auch: Comedy ist nicht schlecht, sondern die, die schlecht sind, sind schlecht. So ist es heute noch.

Nach dem Comedy-Boom in den 90er- und Nuller-Jahren, so der subjektive Eindruck, hat dieser im Privatfernsehen nachgelassen.

Das liegt nicht nur am Fernsehen, sondern auch an den Comedians, die zum Teil Sendungen machen, die nix mehr mit Comedy zu tun haben. Aber damals in den 90ern boomte das tatsächlich, dank dem Quatsch Comedy Club, aber auch dank Harald Schmidt, der zu Beginn seiner Sendung einen Stand-up lieferte, etwas, das andere Latenight-Talker wie Thomas Gottschalk nicht konnten. Weil sie’s nie gemacht hatten vorher.

Sie wären einer, dem man eine Late-Night-Show zutrauen würde. Warum machen Sie es nicht?

Naja, ich hab TV-Specials gemacht und war damit immer ganz zufrieden. Aufs Alter hin lote ich das vielleicht mal aus, eine eigene Show.

Der bayrische Komiker Michael Mittermeier besuchte vor fünf Jahren Rivella in Rothrist:

Der bayrische Komiker Michael Mittermeier besucht Rivella
4 Bilder
Der Chef und der Komiker: Erland Brügger und Michael Mittermeier.
So wird Rivella gemacht, die Rezeptur aber bleibt auch für Mittermeier ein Geheimnis.
Mittermeier fährt Gabelstpaler.

Der bayrische Komiker Michael Mittermeier besucht Rivella

zvg

Sie hatten doch sicher Anfragen.

Aber keine Lust, Redakteuren meinen Humor erklären zu müssen. Ich meine das nicht arrogant, aber ich habe ja schon ein Korrektiv, und das ist mein Publikum. Der Fernsehmacher weiss, wo er’s platzieren muss, ich weiss, wann die Leute lachen. Wenn mir das einer erklären will, dann bin ich halt so frei, nein zu sagen. Warum soll ich darüber diskutieren?

Kam also vor?

Klar. Da wurde mir auch schon mal die Grundidee einer Sendung rausgestrichen. Da verzichte ich lieber ganz. Ich bin halt auch ’ne alte Live-Sau.

Statt einer TV-Show haben Sie in den letzten Jahren Grenzen überschritten, neue Sprachräume erschlossen, indem Sie in England oder den USA auftraten. Wurde es Ihnen zu langweilig bei uns?

Nein, ich brauchte einfach diese Challenge, weil ich wusste: Wenn ich wie gehabt weitermache, bin ich wahrscheinlich mit 40 tot.

Persönlich

Diesen Herbst feiert er Bühnenjubiläum: Seit 30 Jahren macht Michael Mittermeier (51) Stand-up-Comedy. Seine Liebe zum Kabarett entdeckte der Sohn eines Auktionators als Teenie. So unterhielt er in seiner oberbayrischen Heimat etwa an Fasnachtsveranstaltungen, indem er Emil imitierte. Dass er sein Entertainment-Talent zum Beruf machen wollte, wurde ihm an einem Konzert seiner Lieblingsband U2 bewusst. Fan Mittermeier wurde in der Münchner Olympiahalle aus der ersten Reihe auf die Bühne gezogen und spielte mit U2-Sänger Bono einen Song. Da sei ihm klar geworden, dass für ihn kein anderes Leben als das eines Bühnenkünstlers infrage komme. Mittermeier schloss sein Universitätsstudium mit einer Diplomarbeit über «Amerikanische Stand-up-Comedy» ab. 1996 gelang ihm mit dem Programm «Zapped» der grosse Durchbruch, seither füllt er die Säle. Seit 12 Jahren tritt er auch immer wieder mal im englischsprachigen Raum auf. Mittermeier lebt mit seiner Frau und ihrer gemeinsamen Tochter in der Nähe von München.

Wieso das?

Weil es einfach Wahnsinn war, was da mit mir passierte. 2002/2003 konnte ich an den grossen Rock-Open-Airs auftreten, als Co-Headliner mit Lenny Kravitz oder Santana. Das war ’ne grosse Ehre, aber auch ’ne grosse Kiste. Da stand ich plötzlich vor 60 000 Leuten und merkte, dass das nix mehr mit meiner Herkunft zu tun hatte: der Kleinkunst, den Kleintheatern. Von einem Auftritt in New York träumte ich schon 1992, als ich erstmals den «Comedy Cellar» betrat. In der Muttersprache der Stand-up-Comedy aufzutreten, könnt’ ich das? Rudi Carrell sagte mal zu mir: Du wärst ein Star, würdest du Englisch sprechen. Ich sagte: Keine Ahnung. Er sagte: Du kannst es ja austesten.

Machen Sie weiter, in englischer Sprache?

Ja. Im Juli war ich eine Woche in Montreal. Als erster Deutscher durfte ich bei «Just for Laughs» auftreten, einer internationalen TV-Gala Eine grosse Ehre für mich.

Grosse Ehre – und grosse Nervosität?

Schon, ja, denn solche Chancen sind rar. Und dieser Fernsehauftritt gehört zu den wichtigsten im nordamerikanischen Markt. Wenn man es da verkackt, ist man raus und wird nicht mehr eingeladen. Es ging aber super, ich erhielt Standing Ovations. Etwas, das ich zuvor noch nie erlebt habe bei einem Fernsehauftritt.

Unglaublich. War es ein leichter Durchmarsch im Ausland?

Nein, ich hab mir den Arsch abgespielt. Aber jetzt bin ich am Punkt, an dem ich meinen Agenten anrufen, ihm das Jahr 2018 geben und er mich in den USA ein Jahr lang unterbringen könnte. Ich bin gut genug und habe den Rückhalt grosser Comedians. Eddie Izzard sagte zu mir: «You’re a damn good Comedian – by the way you’re German.»

Was hält Sie davon ab, es zu tun und in die USA zu gehen?

Ich gebe mein Leben hier nicht auf. Meine Familie hat auch so schon viel gelitten, meine Frau nimmt bereits hin, dass ich viel unterwegs bin. Das müsste ich noch öfter tun, denn in die Latenight Shows der USA kommt man nicht rein, wenn man nicht wirklich vor Ort ist. Auf Tour gehen in den USA würde familientechnisch schwierig. Vielleicht mach ich’s in ein paar Jahren, wenn meine Tochter bissel älter ist. Oder wir gehen zusammen rüber, als Familie, was aber nur funktionieren würde, wenn auch meine Frau, die Sängerin ist, eine Aufgabe hätte, die sie glücklich macht.

Django Asül, wie Sie Comedian aus Bayern, sagte kürzlich im Interview mit der «bz Basel», dass ihn die Bundestagswahlen nicht schockiert, sondern amüsiert hätten. Und wie ist das bei Ihnen?

Ich glaube auch, dass in Deutschland viel zu viel Hysterie um diese Wahlen gemacht wird. Jeder Furz der AfD wird gepostet und kommentiert. Wenn irgendeiner in einem Hinterhof vor 50 Leuten etwas sagt, treibt man die Sau durchs Dorf und merkt gar nicht, dass man damit nichts mehr erreicht. Wie kleingeistig muss man denn seinen Job als Journalist machen, wenn man denkt, dass man die Rechten so eindämmen kann? Das interessiert doch nicht.

Wegsehen ist auch keine Lösung.

Nein, natürlich nicht. Aber wenn eine Alice Weidel in einer Talkshow sitzt, wartet die doch nur darauf, dass sie mit einem Satz Aufmerksamkeit erreicht und von den anderen Politikern beschimpft wird – und von denen hat dann aber keiner auch nur eine sinnvolle Aussage gemacht. Und ich sitz da und denke mir: Shut the fuck up! Ich glaube, wenn ich nicht so in meinem humanistischen, linken Denken zuhause wäre, würde ich auch eine Protestpartei wählen. Wahrscheinlich nicht die AfD, aber ...

... «Die Partei»?

Die ist nett als Satire, aber sie zu wählen, macht keinen Sinn. Natürlich, es ist ein schöner Joke, wenn auf der Plakatsäule steht: «Hier könnte ein Nazi hängen.» Aber auch das hilft den Rechten, denn das lesen ja nicht nur die Aufgeklärten. Was mich auch stört: Dass übertrieben wird: Wenn 20 Nazis durch Jena marschieren, dann heisst es auf CNN: Die Nazis marschieren durch Deutschland. Dabei ist die rechte Szene in Amerika deutlich grösser. Und nicht jeder AfD-Wähler ist ein Nazi. Nur wollen das Politiker und Medien nicht wahrhaben.

Vor einem Jahr haben Sie einen Facebook-Eintrag des Komikers Mario Barth geteilt und kritisiert. Barth hatte nach dem Attentat von München geschrieben, er wolle nicht für einen «Natzi» (sic) gehalten werden, aber ... Was verbindet Sie mit Mario Barth?

Zu dieser Sache hab’ ich eigentlich nix mehr hinzuzufügen. Ich bin einfach komplett anderer Meinung als er – und das habe ich ihm mit meinem öffentlichen Kommentar gesagt.

Sie schrieben, was Barth mache, sei «Fan-Fischen am billigen Rand». So offen äussern sich Kollegen selten. Weil Sie es sich leisten können?

Was heisst hier leisten? Ich fülle keine Stadien wie er. Aber das ist auch egal. Ich sagte ihm die Meinung. Und das fand ein grosses Echo, wurde ja von den Medien nur positiv aufgenommen.

Hat es Sie Fans gekostet, so Position zu beziehen?

Keine Ahnung. Das ist mir egal.

Und die negativen Reaktionen?

Ich hab Tausende Beschimpfungen bekommen. Und die sind nicht zitierfähig. Dabei habe ich selber niemanden beschimpft, sondern nur meine Meinung gesagt. Die dritte Welle Meinungsäusserungen waren dann weder Fans von Mario Barth noch solche von mir. Plötzlich dealte ich gar nicht mehr mit Leuten, die ihre Meinung schreiben, sondern mit Neonazis, die Netzwerke haben und einen Aufruf starteten: Flutet den Mittermeier!

Was machen Sie dagegen?

Nix. Ich trete auch weiterhin im Osten auf, vor vollen Sälen. Denn diesen Osten darf man nicht auf «Dunkeldeutschland» reduzieren, wie das manche Presse-Erzeugnisse tun.

Sie sind sauer auf die deutsche Presse?

Ja, weil sich diese in einer Bubble befindet. Die Presse muss sich ganz allgemein fragen, wo sie in diesen Zeiten ist. Nehmen wir Donald Trump: Man kann doch gegen diesen Mann keinen Krieg führen, wenn man jeden Tweet veröffentlicht und dazu schreibt, was für ein Idiot der ist. Das bringt so doch nix.

Apropos Trump und Co.: Ist es für einen Komiker dankbar oder bedauerlich, dass die Welt überrollt wird von Realsatire?

Als Mensch find ich’s wahnsinnig traurig. Als Comedian interessiert es mich nicht, denn nur schlechte Comedians brauchen schlechte Politiker, um gute Comedy zu machen. Hinzu kommt: Ich gehe ja nicht auf die Bühne und bilde Politik ab. Ich geh auf die Bühne, um Menschen zu unterhalten, und das mach ich in guten wie in schlechten Zeiten. Ich muss fähig sein, aus der aktuellen Tageszeitung was rauszuziehen und das lustig zu erzählen.

Was amüsiert Sie an der Schweiz?

Ach, vieles. Der Bundesrat Maurer und seine Armee, aber auch der sogenannte Schweizer Spion. Als ich davon hörte, dachte ich: Ein Schweizer Spion? Was ist denn das, ein Tobleroneverkäufer? Was macht der überhaupt in Deutschland, das ganze Geld der Deutschen liegt ja bei euch!

Wie bereiten Sie sich auf einen Auftritt in der Schweiz vor?

Ich google rum und lese die lokalen Nachrichten. Und ich schaue vor Ort, was los ist. Vor meinem Auftritt in Solothurn etwa sah ich die berühmte Kirche, da fiel mir diese kleine, runde Kuppel auf neben dem Turm. Eine Zwitterkirche! Das baute ich am Abend dann ein und sagte den Leuten: «Der Bauherr konnte sich nicht entscheiden: Will er eine Moschee oder doch eine Katholikenkirche? ‹Hm. Lass mal beides machen und dann schauen wir, wer am Schluss das Ganze bezahlt.›» Die Leute mögen das natürlich sehr, wenn man lokale Sachen einbaut.

Wie weit gehen Sie an die Grenze?

Weit. In einer Nummer über die Heiligen Drei Könige und Frauen sagte ich kürzlich: Wer ganz ohne Sünde ist, der werfe den ersten Weinstein!

Eine Anspielung auf Harvey Weinstein. Haben Sie so gebracht?

Ja, klar, in einem Nebensatz. Obschon das ein sehr schlimmes Thema ist, dürfen wir uns nicht den Humor wegnehmen lassen. Humor darf nicht sterben wegen eines Themas.

Und wie reagiert das Publikum?

Irritiert. Aber ich sag dann auch gleich: Ich weiss, der ist nicht gut, dafür werfe ich fünf Euro in die Schlechte-Wortspiel-Kasse. Manchmal hau ich halt einfach einen raus. Und ja, manchmal gehen auch Leute raus, weil’s ihnen zu viel wird. Aber Comedy ist nicht Journalismus, sondern Unterhaltung.

Mittermeier live:

7. November in Basel (Musicaltheater)

8. November in Luzern (Das Zelt)