André Anwar, Stockholm

Die hübsche Nummer zwei der Christdemokratischen Partei Norwegens (Krf), Inger Lise Hansen (28), versucht sich als Covergirl und erntet dafür nicht nur Beifall. In schwarzer Unterwäsche und widerspenstig hochgesteckten Haaren blickt sie aus der Titelseite der grössten Boulevardzeitung des Landes, der «VG». Darunter ihr dick gedrucktes Zitat: «Bin sexy, um zu provozieren.» Ein weiteres Cover folgt heute, kursiert aber schon im Netz: Hansen im gleichen Unterkleid. Dieses Mal im Lifestylemagazin «Det Nye». Ihr Titelzitat: «Ich mag es, mich aufreizend zu kleiden.»

Selbst im progressiven Norwegen geht das einigen zu weit. Während sich die linke Regierungskoalition schmunzelnd zurückhält, stösst die junge Toppolitikerin vor allem in den eigenen Reihen auf Kritik. «Grundsätzlich kann sie von mir aus so viel Haut zeigen, wie sie will. Aber es ist ein politisch irrationales Verhalten. Ihre Rolle als Glamourmodell ist sehr schwer mit ihrem politischen Auftrag vereinbar», wettert etwa die bekannte christdemokratische Parteiveteranin Anita Apel-thun Säle. Politiker müssten ihre «Kommunikationsplattform» sorgfältiger auswählen.

Den Kontakt mit den Wählern als Covergirl im Nachthemd zu suchen, sei unpassend. Die Wortführerin der parteiinternen Kritiker fragt sich zudem, wen die Vizeparteivorsitzende eigentlich provozieren wolle. «Ist es unsere Parteiführung oder sind es die Wähler? Ich finde es ein wenig ungeschickt, provozieren zu wollen, indem man sich entkleidet», sagt sie.

Betont liberale Politikerin

Allerdings gehört Säle auch zum rechten Flügel der Partei. Bei dem ist die betont liberale Hansen ohnehin unbeliebt. Beim Parteikongress in Stavanger Ende Januar forderte sie zu weitgehendem strategischem Richtungswechsel hin zur politischen Mitte auf. Der Anspruch an neue Mitglieder, gläubige Christen zu sein, müsse fallen gelassen werden. Homosexuelle müssten heiraten dürfen. Israels Politik gegenüber den Palästinensern solle stärker infrage gestellt werden.

Das war der alten Garde schon zu viel. Nun folgen die Nachthemd-Fotos. Aber Hansen findet auch viel Unterstützung in der eigenen Partei, die bei den letzten Wahlen katastrophal einbrach. Hansen will der Partei wieder zu alter Stärke verhelfen, die Stimmenanteile auf 15 Prozent verdreifachen. Viele Mitglieder glauben, dass sie das kann. Hansens Fraktionskollege im Parlament, der Theologe Geir Bekkevold, findet denn auch, die Fotos seien ihre eigene Angelegenheit: «Sie ist eine erwachsene Frau und kann selbst entscheiden, ob es zu ihrer politischen Rolle passt oder nicht», sagte er.

Leben in die Bude bringen

Hansen selbst gibt sich selbstbewusst. Angst vor Parteikollegen habe sie nicht. Mit ihrem auch sonst flott
figurbetonten Kleidungsstil wolle sie einfach «etwas Leben in die Bude bringen», statt der üblichen Nonnennorm bei Politikerinnen zu entsprechen. Allerdings findet sie, dass die Boulevardzeitung «VG» das Sexuelle etwas überzieht. «‹VG› übertreibt masslos. Es ist kein Unterkleid. Es ist ein Kleid, dass ich da anhabe. Ich habe der ‹VG› Vorabbilder und Kommentare aus der kommenden Ausgabe von ‹Det Nye› gegeben. ‹VG› hat leider vieles bewusst überzogen», sagt sie.

Eine Eintagsfliege?

Ob Unterkleid oder nicht – sexy zu sein, ziehe nicht in der politischen Arena, findet ihr Parteifreund Knut Arild Hareide. Auch er selbst habe damit schon Erfahrungen gesammelt: «Ich habe mich selbst vor einiger Zeit vom gleichen Blatt ablichten lassen. Auch ich war mit dem Ergebnis nicht zufrieden», sagt er. Zudem habe es dem abgewählten bürgerlichen Landwirtschaftsminister Lars Sponheim keine zusätzlichen Wählerstimmen gebracht, sich mit nacktem Oberkörper fotografieren zu lassen, betont Hareide gelassen. Die Aufregung um das Titelfoto habe ohnehin nur die Lebensdauer einer «Eintagsfliege», besänftigt er.