Stillen in der Öffentlichkeit
Babygeschrei auch im Parlament

Eigentlich ist das Parlament babyfreie Zone. Trotzdem stillen immer mehr Abgeordnete ihren Nachwuchs im Plenum. Ein Fall gibt in Deutschland gerade zu Reden. Auch im Bundeshaus sind Babys manchmal an der Tagesordnung. In Bern gibts dafür sogar ein extra "Frauenzimmer".

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Claudia Landolt

Am 27. Oktober, dem Tag, an dem das deutsche Paralement erstmals zusammentritt, spielte sich im Berliner Reichstag ein umwälzende Ereignis ab.

Ein leises Glucksen ist dort zu hören. Gerade hat die erstmals ins Parlament eingezogene FDP-Abgeordnete Judith Skudelny Platz genommen. An der Brust ihre vier Monate alte Tochter. Das gab es noch nie, das Hohe Haus ist eigentlich babyfreie Zone. Selbst die Grünen, bekannt für unkonventionell-progressives Verhalten, hatten sich bisher nicht mit ihrer Brut reingetraut.

Die Saaldiener verweigerten der 34-jährigen Skudelny zwar zunächst den Zutritt. Doch dann tauchte Guido Westerwelle auf, und erlaubte der Abgeordneten den Einzug in die heiligen Hallen - samt Baby.

Seither sorgen grüne und gelbe Zwerge für Wirbel im Parlament. Zum Entsetzen der Saaldiener tragen immer mehr stolze Mütter und Väter ihre Säuglinge in den Plenarsaal.

In der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestags findet der Umgang mit dem Nachwuchs keine Erwähnung, der Fall ist schlicht nicht vorgesehen. Vom Stillen und Wickeln ganz zu schweigen. Schon grummeln die ersten Herren und auch manche Dame. Was bei Parteitagen der Grünen ja angehen mag, dürfe doch wohl nicht zur Gewohnheit in dem Hohen Hause werden. Man stelle sich bloss das Gequake und Gebrabbel vor. Es stellt sich jetzt die Frage, ob der Einzug des Politik-Nachwuchses ein Fall für den Babyrat sein soll.

Was in Deutschland zu lauter und leiser Empörung führte, scheint hierzulande akzeptiert: Ausgerechnet in der konservativen Schweiz werden Jung-Polikerinnen nicht mehr schräg angeschaut, wenn sie mit Kind im Bundeshaus auftauchen. Chantal Galladé (NR, SP/ZH) brachte beispielsweise schon vor Jahren ihren Sohn mit, und auch die grünliberale Nationalrätin Tiana Angelina Moser (309 aus Zürich brachte ihren fünf Wochen alten Moritz mit in die bevorstehende Sommersession. «Ein paar Tage werde ich in Bern sein - mit Moritz», sagte Moser in einer Ausgabe der «Schweizer Illustrierten».

Denn: Fürs Stillen im Bundeshaus gibt es eigens ein Zimmer - das sogenannte Frauenzimmer.