20. Todestag
Als Prinzessin Diana starb, bekam der Boulevard seinen Stern

Computer mischen aus tausend Gesichtern das perfekte Antlitz. Nicht anders entsteht wohl auch aus tausend Kioskromanen die ideale Soap … gäbe es diese perfekte Boulevard-Serie nicht längst. Sie läuft seit Jahren unter dem Titel «Lady Di».

Max Dohner
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Eine Flut von Bildern – und kein einziges, das eine klare Vorstellung böte von Diana, damals die meistfotografierte Frau der Welt. Hier eine Ausstellung an ihrem ehemaligen Wohnsitz im Kensington Palace.

Eine Flut von Bildern – und kein einziges, das eine klare Vorstellung böte von Diana, damals die meistfotografierte Frau der Welt. Hier eine Ausstellung an ihrem ehemaligen Wohnsitz im Kensington Palace.

Keystone

Dieses Ende wird der Anfang sein ihrer Unsterblichkeit. Die berühmteste Frau der Welt hiess wie die Göttin der Jagd. Und starb zu Tode gehetzt wie ein Reh. So sieht es aus. Ein beneidenswertes Leben, dessen sich jetzt, jäh erloschen, die ganze Welt erbarmt.»

So lautete der erste Abschnitt des Frontkommentars in der «Aargauer Zeitung»
am 1. September 1997, einen Tag nach dem Tod von Prinzessin Diana in Paris.

War ein verdammter Hellseher am Werk? Genauso ist es ja gekommen. Dianas Tod – mit nur 36 Jahren – festigte den Mythos der «Königin der Herzen» vollends. Ist doch völlig schnuppe, wenn der Begriff – «Königin der Herzen» – nur eine Entlehnung war, gewissermassen das Fleddern eines Klischees, übernommen von dessen erster Trägerin, Elisabeth Stuart im 17. Jahrhundert.

Das Leben der Lady Diana in Bildern:

Jahr unbekannt Diana Frances Spencer wurde am 1. Juli 1961 in Sandringham geboren. Hier ein Bild aus der frühen Kindheit Dianas.
30 Bilder
1974 Damals war sie 13 Jahre alt. Die Familie der Spencers kann ihren Familienstammbaum bis ins Jahr 1469 zurückverfolgen.
1980 Lady Di im Alter von 19 Jahren. Prinz Charles lernte sie mit 16 kennen.
24. Juli 1981 Diana lernte Prinz Charles 1977 bei einer Jagdgesellschaft auf ihrem Familiensitz kennen. Die junge Frau fiel durch ihr angenehmes Auftreten auf und wurde von der Royal Family als geeignete, zukünftige Königin betrachtet. Vier Jahre später gab der Buckingham Palace ihre Verlobung bekannt.
29. Juli 1981 Prinz Charles und Lady Diana winken nach ihrer Heirat auf dem Balkon des Buckingham Palace einer euphorischen Menge zu.
1981 Die Heirat der beiden war die Traumhochzeit schlechthin.
1981 Portrait der königlichen Familie.
1981 Hier strahlten die beiden noch.
1981 Prinzessin Diana und Prinz Charles in den Flitterwochen in Balmoral, Schottland.
21. Juni 1982 Der erste Sohn und damit der Kronprinz Prinz William kam zur Welt. Diana wurde damals ständig von Reporten verfolgt. Sie habe da Gefühl, dass ganz England mit ihr in den Wehen gelegen hätte, sagte sie damals.
1983 Beim Volk war die Prinzessin besonders beliebt.
23. Juli 2013 Prinzessin Diana wäre Grossmutter von Prinz George von Cambridge geworden. Herzogin Kate trug beim Verlassen des Krankenhauses ein ähnliches Kleid wie damals Diana.
1984 Prinz Charles und Diana verlassen das St. Mary's Hospital nach der Geburt des zweiten Sohns, Prinz Harry.
1984 Prinz William wurde am 21. Juni 1982 geboren, sein Bruder Harry zwei Jahre später.
1984 Nach Harrys Geburt trat Camilla Parker Bowles ins Bild. Die Ehe von Diana und Charles steckte in einer schweren Krise, Schuld daran war auch Camilla, die mit dem Prinzen eine Affäre hatte.
1985 Lady Diana war ein modisches Vorbild für viele Frauen.
1985 Hier tanzt Diana an einem Besuch im Weissen Haus mit John Travolta zu "Saturday Night Fever". Es wurden die ersten Gerüchte laut, dass sie eine Affäre mit ihrem Leibwächter Barry Mannakee habe.
1988 Hat sich das Paar wieder versöhnt? Lady Di (links)in den Skiferien in Klosters zusammen mit Prinz Charles und Herzogin Sarah Ferguson. Auch heute fährt die Royal Family immer noch in den Schweizer Ferienort.
1992 Diana besuchte das Taj Mahal alleine - obwohl Prinz Charles es als Monument der Liebe betitelte. Schon seit sieben Jahren gab es Gerüchte um die Trennung der beiden.
1992 Die Ehe der beiden ist endgültig am Tiefpunkt angelangt. Drei einhalb Jahre später gab der Buckingham Palace die Scheidung von Diana und Charles bekannt.
2016 Prinz William machte den Fehler seines Vaters gut und besuchte das Taj Mahal zusammen mit seiner Frau Kate.
1997 Prinzessin Diana besucht das bosnische Dorf Klokotnica. Es war eine ihrer letzten Auslandsreisen vor ihrem Tod.
1997 Diana und ihr Partner Dodi Fayed wurden ständig von Paparazzis verfolgt. Grund für den schrecklichen Autounfall?
31. August 1997 Zusammen mit Dodi Fayed, und ihrem Chauffeur starb Diana bei einem Autounfall in Paris.
1997 Der Unfall passierte kurz nach Mitternacht in einem Tunnel entlang der Seine. Paparazzis auf Motorrädern haben das Auto verfolgt, als es zum tödlichen Crash kam
5. September 1997 Die Anteilnahme an Dianas Tod war gross. Die ganze Welt stand nach Veröffentlichung der Nachricht unter Schock.
5. September 1997 Prinz William und seine Söhne, damals 13 und 15 Jahre alt, besuchten den Kensington Palace. Davor wurden tausende Blumen im Gedenken an die Prinzessin niedergelegt.
6. September 1997 Der Sarg Dianas wird zur Westminster Abbey getragen. Die Trauerfeier wurde live im TV gezeigt.
09. April 2005 Prinz Charles heiratet seine Geliebte und langjährige Partnerin Camilla Parker Bowles, die ab sofort Herzogin von Cornwall genannt wird. Vom königlichen Hof wurde sie nie so akzeptiert, wie damals Prinzessin Diana.
Noch Jahre später werden im Gedenken an die Prinzessin Blumen an ihrem Grab niedergelegt. Oder wie hier in Paris, am Umglücksort.

Jahr unbekannt Diana Frances Spencer wurde am 1. Juli 1961 in Sandringham geboren. Hier ein Bild aus der frühen Kindheit Dianas.

Keystone

Wirklich neu erfunden wird Erzählstoff selten; das gilt vor allem für Kioskromane, für TV-Serien und für den Boulevard. Da ist alles Abklatsch. Da wimmelt es von tradierten Mustern, mit flinkem Pfusch eingebügelt in dünnfädige Teppiche.

Dafür ist Lady Di exemplarisch: eine absolute Durchschnittsfigur, aufgeladen mit den glamourösesten und dramatischsten Momenten. Gestreift von anzüglich-schmutzigen bis engelshaften, gar heiligen Schauern. Überzeichnet, verzeichnet, auch gezeichnet von den widersprüchlichsten Mustern. Wobei die Lady höchst aktiv auch selber mitgewirkt hatte, um gewissen Kapiteln dieser realen «Downton Abbey»-Saga bei hypnotischem Augenaufschlag exquisit dosierte Gifte beizumengen.

Der Palast, der ihr zur Hölle wurde, mochte durch Jahrhunderte alte Contenance, Steifheit, Sarkasmus und Protokoll völlig herzlos geworden sein. Dagegen setzte sich Diana mit ungezogen privater Betroffenheit zur Wehr. Als ginge es um Privates, wenn man im Ehebett, für Britanniens Glory, nichts als seine Pflicht erfüllt. Charles war doch gerade darin äusserst vorbildlich; nach dem zweiten Kind mutete er Diana, diesem grossen Kind, kein weiteres Zeugungs-Martyrium zu.

«Oh really, my dear, did he?»

Der Palast war es wohl lange einfach nicht gewohnt, sich im innersten Kreis mit einer sentimentalen Intriganten-Hysterie und Bulimie beschäftigen zu müssen, in deren unappetitlichen, kleinbürgerlich riechenden Dunst gezogen zu werden wohl der Queen am widerwärtigsten war. Bis zum grossen Chlapf 1992, zu jenem «annus horribilis», als die Trennung von Lady Di und Prinz Charles offiziell verkündet worden war. Passend dazu färbte im Palast noch ein Brand hundert Gemächer schwarz.

Royals und Prinzen waren untreu – ach ja? Ausser man war unreif oder töricht, wurde das von jedem verständigen Kopf am Hof ignoriert. Prinz Charles hatte, von Diana zur Rede gestellt, seine Untreue mit dem Hinweis begründet, er könne ja nicht als erster Prince of Wales ohne anständige Geliebte dastehen – oh really, my dear, did he? Das war doch eine Antwort mit Understatement, abgesehen davon, dass sie sehr elegant, zwischen den Zeilen, die Wahrheit sagte. Die Wahrheit, Prinzessin, ist weder bürgerlich noch privat: wahr und richtig ist allein Albion’s Glory, die Tradition!

Und wie ging der Kommentar weiter damals, nach Dianas Unfall? «Wie viele hätten vorher nicht mit ihr tauschen wollen! Wer täte es noch jetzt? Auch die Plötzlichkeit dieses Wandels, der ein Umkippen unseres eigenen Illusionen-Regenbogens ist, wirkt daran mit, dass wir erschüttert sind. Aber auch verblüfft, wie sehr die Realität manchmal doch den Gesetzen des Kioskkrams folgt. Und die ultimative, die absolute Geschichte der Herz-Schmerz-Kategorie schreibt: Glück und finis horribilis, Glanz und Tragödie vereint.»

Genau darum war das damals kein prophetisches Kunststück, die Verherrlichung der Prinzessin vorauszusagen. Inzwischen nimmt diese längst auch die üblichen bizarren Formen an wie Grabräuberei und Scharlatanerie angeblicher «Medien», die Dianas Stimme aus dem Jenseits zu vernehmen behaupten: «Sie empfahl den Brexit.»

Jung entschwebt ins Strahlenmeer

Unser Kommentator damals hatte einfach eins und eins des Handwerks zusammengezählt. Er hatte das Gesetz des Genres im Auge, abrupt und früh zerschnittene Biografien sofort ins Strahlenmeer zu tauchen. Das sonderbar simple Gesetz, dass Helden und Heldinnen nicht ergrauen dürfen.

James Dean, Janis Joplin, Jim Morrison, Elvis, Kennedy und die Monroe – wären sie alle jemals fotografiert worden mit Rollator und Morgenmantel vor einer Bahnhofs-Apotheke, sie ruhten heute bestimmt in Frieden. Dianas Tragödie, ebenfalls früh zu sterben, war eine Sternengeburt für die Regenbogenpresse. Kelvin MacKenzie, der Chefredaktor des englischen Boulevardblattes «The Sun», sagte mal: «Als Diana anfing, Affären mit anderen Männern zu haben, sind wir vor Glück fast gestorben.»

Fahrer voll mit Alkohol

Auch Diana starb vor Glück, augenscheinlich, an der Seite ihres letzten Liebhabers, eines modernen Pharao mit Warenhäusern als Tempel. Sie wollte nichts als leben und starb in einem Tunnel, dessen Ende sie persönlich gerade kommen sah. Der Mann am Steuer, spät zum Pariser «Ritz» gerufen, obwohl er an jenem Abend frei gehabt hätte, voll mit Alkohol und Pillen, wurde möglicherweise geblendet.

Ein Attentat? Das wurde lang behauptet und gründlich untersucht. Der Vater von Dianas Geliebtem erinnerte daran, dass der britische Geheimdienst MI6 einmal empfohlen hatte, politische Übeltäter am wirkungsvollsten genauso auszuschalten, mit Blendung im Tunnel. Also bildeten sich sofort Wolken von Verschwörungstheorien über «einem Meer von Tränen».

Und als zu guter Letzt noch Elton John, einer der instinktsichersten Sirup-Panscher des Pop, in seinem Lied während der Abdankung in der Kathedrale Diana vermischte mit dem Mythos von Marilyn Monroe, erlebte der Boulevard seine Kernschmelze. Er blähte sich auf zum Roten Riesen und implodiert seither, kühlt Grad um Grad aus, während das Internet anschwillt mit noch verrückterem Budenzauber.

1001 Erfindungen

«Von Prinzessin Diana», wir fahren fort im Fleddern unseres zwanzig Jahre alten Kommentars, «wussten alle alles – und vor lauter ‹alles› nichts. Und man fragt sich jetzt: Hatte sie eigentlich selber immer genau gewusst, wo ihre eigene Wahrhaftigkeit aufhörte, wo die 1001 Erfindungen begannen, die es über sie gab?»

Die Frage ist berechtigt, vor allem in Bezug auf uns selbst. Warum interessiert uns brennend die Schimäre, der künstliche Glanz, die fromme Mär? Warum interessiert uns nicht brennender das Wahre, die dünne Linie zwischen Sein und Schein?

Auch zwanzig Jahre nach Dianas Tod sind selbst Spezialisten – «Royals-Flüsterer» – nicht in der Lage, das genau zu unterscheiden. Von der damals berühmtesten Frau der Welt, von der meist fotografierten Frau der Welt gibt’s kein einziges, wirklich klares Bild.