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Regenwasser länger an der Oberfläche halten, klimarelevant nutzen und gestalten

Ein Forschungsprojekt der OST - Ostschweizer Fachhochschule hat untersucht, welchen Nutzen Regenwasser haben kann, wenn man es gezielt an der Oberfläche verweilen lässt, bevor es versickert.

Im Auftrag von OST - Fachhochschule Ostschweiz
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Anstatt Niederschlagswasser möglichst rasch aus Siedlungen abzuleiten, werden heute vermehrt Möglichkeiten gesucht, wie das kostbare Nass im Quartier verweilen kann, wie es verzögert in den natürlichen Wasserkreislauf zurückgeführt werden kann. Die Schweizerische Entwässerungsplanung ist seit zwei Jahrzehnten auf Kurs - das moderne Regenwassermanagement wird aber im Bestand nur zögerlich umgesetzt. Vor aktuellen Entwicklungen wie dem Klimawandel, der steigenden Bedeutung der Biodiversität oder der Entwicklung eines qualitativ hochwertigen Wohnumfeldes erhält die blau-grüne Infrastruktur aber eine höhere Priorität.

Regenwasser sehen wir in den meisten Siedlungsgebieten nur kurz. Das liegt daran, dass die Infrastruktur der Gebäude, Strassen, Wege und Plätze das Wasser meistens so rasch wie möglich unter die Erde ableiten. Es ist der traditionelle Umgang mit Wasser. Diverse Entwicklungen wie extreme Starkregen, eine höhere Sensibilität der Bewohner für Biodiversität oder verpasste Kühlungseffekte in Siedlungen gegen die Auswirkungen des Klimawandels rütteln derzeit an diesem Prinzip. An der OST wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts untersucht, wie ein Teil des anfallenden Regenwassers oberirdisch zurückgehalten werden kann, wie Grünräume mit verweilendem Regenwasser gestaltet werden können.

Im Kern untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anhand von Praxisbeispielen in den Quartieren der Agglomerationen, welche Chancen und Probleme sich aus der längeren Zurückhaltung von Wasser an der Oberfläche ergeben und welche Möglichkeiten Gemeinden sowie Planerinnen und Planer haben, um vermehrt Wasser an der Oberfläche zu halten.

Die Frage, wie mit Wasser in Siedlungen umgegangen wird, ist vor dem Hintergrund des Klimawandels wichtig für die Lebensqualität der Bevölkerung. Die Veränderung der klimatischen Bedingungen wird auf allen politischen Ebenen diskutiert und vielerorts untersucht. Auch im Zusammenhang mit der Covid-19-Situation hat sich der Wert von siedlungsnahen Grünräumen nochmals verdeutlicht.

In untersuchten Praxisbeispiel-Gebiet Liebefeld im Kanton Bern profitieren die Menschen und die Natur vom nahen Oberflächen-Wasser.

In untersuchten Praxisbeispiel-Gebiet Liebefeld im Kanton Bern profitieren die Menschen und die Natur vom nahen Oberflächen-Wasser.

Foto: Monika Schirmer

Voraussetzungen für die Umgestaltung

An der Oberfläche genutztes Wasser leistet in den Freiräumen von Wohngebieten einen massgeblichen Beitrag zur Lebensqualität. Wasser schafft ein ausgeglichenes Lokalklima und erhöht die lebendige Vielfalt im und um das kühle Nass.

Um bei Neubau-, Sanierungs- oder Umbauprojekten die Chancen zur Veränderung nutzen zu können, müssten die kantonalen und kommunalen Richtpläne und Baureglemente entsprechende Regeln und Anreize definieren. Zudem kam die Untersuchung zum Schluss, dass mehr Regenwasserkompetenz bei der Planung und Gestaltung von Freiräumen wie Parkanlagen eingefordert werden müsste. «Solche Projekte lassen sich nur in Kenntnis des natürlichen Wasserkreislaufs planen», sagt Projektleiter Thomas Oesch, der an der OST unter anderem Renaturierungsprojekte leitet. Wenn die Kantone und Gemeinden gezielt Wasserkreislauf-Know-how aufbauen könnten, würde das laut Oesch auch dabei helfen, wirksame Massnahmen gegen Starkniederschläge bereits bei der Planung und Bewilligung von Projekten zu berücksichtigen.

Starke Kühlungseffekte gegen heisse Tage

Bezüglich Verdunstungsleistung sind dem offenen Wasser die grossen Bäume mit ihrem mehrschichtigen Blattwerk überlegen. Dies gilt aber nur dann, wenn die Pflanzen vital sind und ausreichend mit Wasser versorgt werden. Das verweilende Wasser soll somit auch der Bewässerung dienen und als Zwischenspeicher für eine kontinuierliche Wasserabgabe in den Wurzelraum umliegender Grünflächen sorgen. Während längeren Hitzeperioden müssen die Weiher und Teiche aber ihrerseits mit Wasser versorgt werden, da sie sonst rasch austrocknen. Als Projektidee im Bestand wie im Neubau schlagen die Forscherinnen und Forscher Wassertürme und Zisternen in den Stadtquartieren vor, die Dachwasser für trockene Phasen speichern.

Die Experten betonen klar, dass die verzögerte Versickerung in den Boden und der Boden als Speicherorgan die massgebliche Rolle einnehmen, wenn es um die Wiederherstellung des natürlichen Wasserkreislaufes geht. Das verweilende Wasser an der Oberfläche kann zu einem Zielkonflikt führen, wenn alles Wasser direkt verdunstet. Somit braucht es idealerweise kombinierte Retentions- und Versickerungsanlagen. Auch durch vorgeschaltete Fluträume, die verzögert in die unterirdischen Speicherräume (z.B. Baumrigolen) entwässern, wird das Regenwasser für die Strassen- und Parkbäume länger verfügbar gehalten.

Im Garten- und Landschaftsbau sind Bewässerungssysteme mit Pumpen üblich. Pumpen benötigen allerdings Energie. Mit etwas höher gelegenen, oberirdischen Speichern kann ohne Fremdenergie bewässert werden.

Vom globalen Süden lernen

In den trockenen (ariden) Weltregionen gibt es eine lange Tradition im Umgang mit Hitze und mit dem kostbaren Wasser. Verdunstungskühlung in Innenhöfen sorgt seit Jahrhunderten für mehr Wohlbefinden der Bewohner. «Diese Erfahrungen gilt es für die Anpassung an den Klimawandel bei uns zu nutzen», sagt Thomas Oesch.

Damit die Rückhaltung und Nutzung des Wassers breite Akzeptanz bei Behörden und in der Bevölkerung führt, dürfe verweilendes Wasser nicht zum Ärgernis werden, so Oesch weiter. Damit lästige Mücken und Algen nicht überhandnehmen, muss die Verweildauer der kleinen, temporären Wasserflächen deshalb auf wenige Tage beschränkt werden. Eine naturnahe Alternative wären grossvolumige Teiche, die stetig Wasser führen, und in denen die Räuber-Beute-Beziehungen ganzjährig ermöglicht werden.

In der Schweiz ist die Regenwasserthematik im Gewässerschutzgesetz verankert: Die Prämisse ist die weitgehende Wiederherstellung des natürlichen Wasserkreislaufs. Diese Gesetzesbestimmungen werden nach der Meinung der Forscherinnen und Forscher aber noch zu wenig konsequent beachtet und umgesetzt. Zudem sei die Entwässerungsplanung in der Raumplanung zu wenig verankert.

Der Forschungsbericht steht gratis zum Download bereit und richtet sich an Landschaftsarchitekten, Ingenieure, Raumplaner und interessierte Vertreter der Agglomerationen. In einem nächsten Schritt wollen die Forscherinnen und Forscher konkrete Fallbeispiele als Feldlabor in einem Quartier auf die Vor- und Nachteile hin testen. Dabei sollen Quartierbewohner direkt in die Prozesse einbezogen werden.

Um dem Wasser in Siedlungen künftig wieder mehr Raum zu geben, kommt das Forschungsteam zum Schluss, dass das Einführen einer Grünflächenziffer ein wichtiges Instrument wäre. Jede Bauparzelle brauche eine begrünbare, belebte Teilfläche, wo der Boden ohne Unterkellerung naturnah belebt bleiben kann.

Um das volle Potenzial des Regenwassers zu nutzen, braucht es laut dem Forschungsbericht das Zusammenspiel von verschiedenen Massnahmen zur Regenwasserbewirtschaftung. Die Thematik müsse für eine wirksame Umsetzung gleichermassen im öffentlichen Raum wie auch auf privaten Parzellen angegangen werden. Der Strassenraum soll zukünftig nebst der Erschliessung auch als grüne und blaue Infrastruktur dienen. Ein Wasserlayer soll ein wesentlicher Bestandteil der Planung bilden.

Der komplette Forschungsbericht ist hier auf der Website des ILF Institut für Landschaft und Freiraum der OST – Ostschweizer Fachhochschule zu finden. Weitere Projekte aus der Landschaftsentwicklung finden Sie zudem hier.